Island Im Bann der Mitternachtssonne

Baorgarfjörður  -Nichts ist zu hören, nicht mal der Schrei eines Vogels oder das Blöken eines Schafes. Nur das rhythmische Klappern der Wanderstöcke auf dem felsigen Pfad. Klick, klack, klick, klack. Seit drei Stunden geht es stetig aufwärts durch die bemerkenswerte Stille der isländischen Bergwelt. Unten im Tal glitzert der Fjord Borgarfjörður Eystri in der Morgensonne. Weiter oben, in den Furchen und Mulden der Berge, aufgetürmt vor Jahrtausenden aus glühender Lava, Asche und Sand, liegt noch Schnee - Reste des arktischen Winters. In Senken bildet das Schmelzwasser teils kreisrunde Tümpel. Die Wasseroberfläche ist so glatt, dass sich die schroffen, felsigen Gipfel darin spiegeln. Ein idealer Platz für eine erste Pause, findet Hélène Magnússon, die die kleine Gruppe Wanderer anführt.

 

Schräg unterhalb des Rastplatzes ist der Boden inmitten des satten Grüns aufgerissen, wie eine klaffende Wunde. Die Schichten des Erdreichs, das hier offen liegt, schimmern in verschiedenen, ungewöhnlichen Farben: kräftiges Rostrot, zartes Lachsrosa und kühles Mintgrün. Für das Farbenspiel seien unterschiedliche Mineralien verantwortlich, die beim Ausbruch eines Vulkans durcheinandergewirbelt worden seien wie in einem Chemielabor, sagt Hélène Magnússon in gutem Englisch, aber mit unverkennbar französischem Akzent. „Lasst euch davon inspirieren!“ Dann zieht sie aus ihrem Rucksack ein Schultertuch hervor, in dem sich genau diese Farbkombination wiederfindet. Sie schlingt sich die Stola um die Oberarme und lächelt kokett. Zwölf Strickfans im Alter zwischen 32 und 66 Jahren halten die Luft an. Das ist es also, das Objekt der Begierde, das Projekt dieser Tour: Eine Stola aus gestrickter Spitze in drei verschiedenen Farben. Hélène Magnússon ist Anwältin in Paris, als sie 1995 bei einer Reise nach Island buchstäblich ihr Herz an die Insel im Nordatlantik verliert. Sie heiratet einen Isländer, bekommt drei Töchter, studiert Textil- und Modedesign in Reykjavík.

Die eigene Wollkollektion "Love Story"

Vor allem die traditionellen Strickmuster und Tricktechniken ihrer Wahlheimat haben es ihr angetan. Innerhalb weniger Jahre wird sie zu einer international anerkannten Strickdesignerin. Sie entwickelt ihre eigene Wollkollektion mit dem bezeichnenden Namen „Love Story“ und gründet das erste Webmagazin für isländische Strickkunst weltweit (www.icelandicknitter.com). In den kurzen isländischen Sommern arbeitet sie zudem als Bergführerin. Es macht ihr Spaß, den Besuchern Islands bizarre und einzigartige Landschaft näherzubringen. „Aber die kulturelle Dimension“, sagt die 44-Jährige, „kam dabei einfach zu kurz.“ Das brachte Hélène Magnússon auf die Idee, Touren anzubieten, die Wandern und Stricken (englisch: hiking and knitting) kombinieren. „Stricken hat in Island eine lange Tradition. Daher kann man über das Stricken an die Menschen in Island herankommen“, sagt sie. Besuche auf der Schafsfarm oder in den Werkstätten, in denen die Wolle verarbeitet wird, sind feste Bestandteile jeder Hiking-and-Knitting-Tour.

Dabei hat Hélène Magnússon die Erfahrung gemacht, dass Einheimische und Besucher schnell einen Zugang zueinander finden, weil sie etwas haben, das sie verbindet: das Stricken. Das Konzept ging auf: Im Sommer 2010 wurde die erste Wander- und Strickreise angeboten, inzwischen stehen sechs Touren pro Jahr auf dem Programm. Im Januar 2013 wurde Hélènes Magnússons Idee auf der Reisemesse CMT mit dem Touristikpreis von Sonntag Aktuell ausgezeichnet. Den Mitgliedern der internationalen Strickszene ist kein Weg zu Hélène zu weit. Diesmal sind zwölf Frauen und ein Mann aus den USA, Kanada, Frankreich, Belgien, England, Deutschland und der Schweiz angereist. „Mich reizt die Kombination aus Anstrengung und Entspannung mit Stricken“, sagt Ellen Heidbüchel, Übersetzerin aus Brüssel. Nachdem der Durst gestillt ist und sich der Atem der Wanderer wieder beruhigt hat, beginnt Hélène mit der ersten Lektion. Der provisorische Maschenanschlag steht auf dem Stundenplan.

Klick, klack, klick, klack

Außerdem wird das Abketten mit der Häkelnadel geübt. Für die Teilnehmerinnen ist das kein Hexenwerk. Die meisten sind passionierte Strickerinnen. Fast jede hat auch noch ein eigenes Strickprojekt im Rucksack. Müßiggang ist bei diesen Damen selbst im Urlaub nicht angesagt. Kaum sitzen sie, egal wo, zerren sie aus mitgeführten Beuteln und Taschen die Nadeln und Wollknäuel hervor. Auch bei der nächsten Pause am Fuß eines Geröllfelds wird wieder gestrickt. Und bald ist wieder nichts zu hören, nicht mal der Wind, nur ein rhythmisches Klappern. Diesmal sind es die Stricknadeln. Klick, klack, klick, klack. Nach neun Stunden erreicht die Gruppe erschöpft, aber gut gelaunt die Unterkunft für die Nacht: eine einsame Hütte an einer malerischen Meeresbucht namens Hallormsstaður.

Ein glasklarer Bach fließt an dem Holzhaus vorbei, mäandert noch etwa 500 Meter durch eine Wiese und versickert schließlich - kurz bevor er die Brandung erreicht - im schwarzen Sand. Aus dem Haus duftet es verführerisch. Hélènes rechte Hand, die Isländerin Bryndís, ist vorausgeeilt und hat bereits gekocht. Es gibt Steinbeißer in einer delikaten Soße aus gedünstetem Lauch, Knoblauch und Pfeffer. „Smakkadu!“, sagt Bryndís, was so viel heißt wie „Probier mal!“ Köstlich! Es ist 20 Uhr, aber die Sonne steht noch hoch am Himmel wie andernorts am frühen Nachmittag und strahlt so warm, dass die Wanderer draußen essen könnten, wenn es genügend Tische und Stühle vor der Hütte gäbe. Die Stimmung drinnen ist ausgelassen. Englisch, Deutsch, Französisch, alle brabbeln durcheinander.

Ab und zu ist immer mal wieder ein „Merde“ oder ein „Shit“ zu hören, wenn sich jemand beim Muster verzählt oder eine Masche verloren hat. Doch es gibt nicht viele Fehler, die Hélène Magnússon nicht flugs wieder in Ordnung bringen kann. Von Müdigkeit ist bei den Strickerinnen auch gegen Mitternacht nichts zu spüren. Sie habe gelesen, dass das Dauerlicht im Sommer in den Regionen nahe dem Polarkreis den Hormonhaushalt beeinflusst, was zu Unruhe und zu Schlaflosigkeit führt, berichtet Tamara Gonzalez, eine der Teilnehmerinnen aus Kalifornien. Einige Strickwütige haben um zwei Uhr morgens den Weg ins Matratzenlager noch nicht gefunden, als unvermittelt die Mitternachtssonne über dem Meer auftaucht. Wer noch wach ist, stürzt nach draußen. Der tief stehende Himmelskörper taucht die Landschaft in ein mystisches Dämmerlicht. Über der Bucht hängt der Vollmond wie eine polierte Silbermünze. Und wieder ist es still. Nur die Auslöser der Fotoapparate sind zu hören. Klick, klack, klick, klack.

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