Isarvorstadt "Die haben einfach über uns hinweggeplant"

Diese Mieter fühlen sich übergangen: Ihre Wohnungen wurden zum Verkauf angeboten, bevor sie davon überhaupt erfuhren. Foto: Gregor Feindt

Wohnwahnsinn in der Geyerstraße: Von einst 18 harren noch sechs Mieter aus – auch wenn ihre Wohnungen längst mieterfrei verkauft werden

Isarvorstadt Durch den Schreibtisch, an dem Inge C. sitzt, bohrt sich eine Wendeltreppe. Ihre Nachbarin Kerstin G. hat einen Aufzugschacht mitten im Bad. Und Michaela L. sitzt in einer Wohnung, die es gar nicht mehr gibt.

Zumindest nicht in der Planung des Eigentümers. Der bietet die Wohnungen, in denen Inge C. und ihre Nachbarn leben, kernsaniert im Internet an – noch bevor die Mieter überhaupt wissen, dass das Haus verkauft ist. „Auf einmal finden wir unser Haus mit komplett neuen Grundrissen als Verkaufsobjekt“, sagt die Mieterin Anne F. „Als wollte man uns wegsanieren.“

Das Haus in der Geyerstraße 14 ist heruntergekommen: 1898 erbaut, im Krieg teils zerstört und wieder auf-gebaut, gehörte es bis vor wenigen Jahren einer Familie, die nichts in die Immobilie investierte. „Das Haus verkam, alle Renovierungen mussten wir notfalls selbst zahlen“, sagt Anne F. Im Keller schimmelt es, die Wände und Leitungen sind marode, vieles nur notdürftig repariert. Dafür stieg auch die Miete kaum.

Letztes Jahr kaufte eine Immobilienfirma das Haus im Glockenbachviertel. Diesen April kam dann der erste Schock für die Mieter: Es sollte Modernisierungen geben, die Kosten würden umgelegt und die Mieten um bis zu 80 Prozent steigen. Viele Mieter zogen aus. So zum Beispiel eine 80-Jährige Frau, die seit 60 Jahren hier wohnte. Ihr Arzt sagte, dass sie mit ihrer Asthmaerkrankung die staubige Renovierung nicht überleben würde. Sie ging ins Altersheim. Andere gaben sich mit Abfindungen zufrieden, um keinen Ärger zu haben.

Jetzt haben die Mieter wieder Post bekommen. Das Haus ist erneut verkauft worden. Sie suchen den neuen Eigentümer im Internet – und können nicht fassen, was sie sehen: Fast alle Wohnungen werden bereits mit völlig geändertem Grundriss zu Höchstpreisen im Internet angeboten.

Die beiden oberen Stockwerke sollen zu einem Luxuspenthouse werden, wahlweise mit 200 oder 450 Quadratmetern, für 3 bis 7 Millionen Euro. Die anderen Wohnungen werden zusammengelegt, sie sollen zwischen einer und anderthalb Millionen kosten. Insgesamt sind Objekte für mehr als 13 Millionen Euro inseriert – ohne dass bereits alle Stockwerke angeboten werden. Die Innenausstattung ist luxuriös, die Fassade veredelt. Und alles sieht aus, als gebe es keine Mieter mehr im Haus.

Die gibt es aber noch. Die Bewohner sind schockiert. „Wir müssten ausziehen, das kann sich niemand leisten“, sagt eine Mieterin. „Die haben einfach über uns hinweggeplant.“ Sie hat Angst. „Die wollen uns damit einschüchtern und vertreiben.“ Ein anderer Mieter schimpft: „Die Eigentümer bieten Wohnungen an, die es gar nicht gibt. Das ist zur Verunsicherung der Mieter. Und ist das nicht Betrug am Käufer?“

Die potenziellen Käufer stört es nicht, dass der Luxusbau noch ein Planer-Traum ist. Drei Tage später steht schon der Makler mit einem Haufen Interessenten im Garten. Die Mieter sollen ihre Wohnungen für Besichtigungen freimachen. „Das Interesse ist sehr groß und wir haben auch schon Reservierungen vergeben“, sagt der Makler. „Natürlich gibt es auch noch alternative Planungen, falls das Haus nicht mietfrei wird.“

Auch der Eigentümer, ein Immobilienunternehmer aus der Nähe von Stuttgart, sagt, dass von Rausekeln keine Rede sein könne. „Wenn jemand nach der Renovierung bleiben will und die Miete zahlen kann, dann kann er gerne bleiben.“ Renoviert werden müsse aber unbedingt, sonst bleibe bald nur noch der Abriss. Außerdem würden die Mieter einerseits Mietminderungen wegen der Mängel geltend machen, andererseits aber eine Sanierung blockieren. „Die Bestandsmieten sind wahnsinnig niedrig, die Mieter leben in einem Kostenparadies“, sagt er. „Aber das ist einfach nicht machbar.“

Der Immobilienunternehmer ärgert sich über die trotzigen Mieter. „Wir würden das gerne mit den Mietern zusammen planen, aber da will niemand mit uns reden.“ Dann meint er: „Im Nachhein sehe ich es als Fehler, dass wir gleich die Exposés ins Internet gestellt haben. Wir wollten einfach nur den Markt auschecken.“ War es also nur schlechter Stil oder doch gezielte Ein-schüchterung, um das Haus leerer und damit wertvoller zu machen?

In der Geyerstraße 14 herrschen Frust und Verunsicherung. Von ehemals 18 Mietern sind nur noch sechs geblieben. Sie wollen kämpfen, auch wenn ihnen Abfindungen angeboten werden. „Wir sind alle so verwurzelt hier, wir werden durchhalten.“

Einen Termin für die Sanierung gibt es noch nicht, sagt der Eigentümer. Doch die Käufer warten schon. In den Inseraten heißt es: bezugsfertig schon im nächsten Jahr.

 

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