Irland Denkmäler für alle

Dublin - Sofort springt die Studentin auf, als sie sieht, wie ein Tourist gerade den optimalen Platz für sein Erinnerungsfoto sucht. Sie saß zu Füßen von Molly Malone, jener gleichnamigen bronzenen Statue der im Volkslied besungenen Dubliner Fischverkäuferin in der Grafton Street. Jetzt ist der Blick frei auf die hübsche Marktfrau mit ihrem Handwagen - im Volksmund „The Dolly with the Trolley“ (Die Puppe mit der Karre) genannt. Sie soll, dem Vernehmen nach, auch des Nachts Kundschaft empfangen und sich dabei jenes mysteriöse „Fieber“ zugezogen haben, an dem die Ärmste noch in jungen Jahren gestorben ist. Typisch Dublin.

 

Wohl keine andere europäische Stadt ehrt die Heldin eines Volkslieds oder auch den Frontman einer Rockband (Phil Lynott von Thin Lizzy in der Harry Street) gleichberechtigt ehern wie Staatsmänner oder Generäle. Wenngleich nicht ganz auf Augenhöhe, immerhin sind die Podeste der politischen und militärischen Führer, wie Daniel O’Connell, James Larkin oder William Brown höher. Mehr geliebt werden sie indes nicht. Doch das ist auch nicht anders zu erwarten in der Hauptstadt eines Landes, das ein Musikinstrument zum National-Symbol erkoren hat: die Harfe.

Musik ist allgegenwärtig

Wie überall in Irland ist auch in Dublin Musik allgegenwärtig. Kaum ein Pub, in dem nicht Live-Musik zu hören ist, kein Schulkind, das nicht mindestens ein Instrument spielt, kein Stadtviertel ohne ein Probenzentrum oder einen Verein, der sich der Pflege traditioneller Musik widmet, und: kaum ein Taxifahrer, der nicht stolz und ausführlich erzählt, welchen Musiker er schon wohin chauffiert hat. Dass es sich dabei jedoch meist um Bono oder ein anderes Mitglied der Kult-Band U2 handelt, sei angesichts der unterhaltsamen Erzählungen verziehen. Und ist man mal ins Plaudern über Musik geraten, endet die Fahrt fast wie von selbst im Temple-Bar-Viertel. Das Stadtquartier gilt heute als das Kultur- und Vergnügungszentrum Dublins.

Seine engen, kopfsteingepflasterten Gassen laden zum Flanieren ein. Tagsüber ziehen Ausstellungen, Märkte, In-Stores oder die unterschiedlichsten kulturellen Angebote Besucher an, nach Sonnenuntergang pulsiert das Nachtleben. Dabei hätte es diesen Hotspot in Dublin eigentlich gar nicht geben sollen, denn in den 1980er Jahren wollten die Stadtplaner das damals ziemlich heruntergekommene Quartier abreißen und an selbiger Stelle einen großen Busbahnhof errichten. Während der Planungsphase wurden die Gebäude günstig vermietet, was kleine Läden, Pubs und Galerien anzog.

2005 startete ein weiteres Kapitel der in der Temple-Bar-Erfolgsstory

Sofort begann der Ort zu pulsieren. Bald wurde, der daraufhin einsetzenden Eigendynamik folgend, das Bahnhof- Planungsbüro geschlossen und - eine irische Lösung für ein irisches Problem - stattdessen eine gemeinnützige Stadtentwicklungsgesellschaft gegründet, deren Aufgaben heute der „Temple Bar Cultural Trust“ weiterführt. Zufall oder nicht: Während dieser Zeit, im Jahr 1988, anlässlich des 1000-Jahr-Jubiläums von Dublin, wurde Molly Malone in Bronze gegossen. Knapp 20 Jahre später - 2005 - startete ein weiteres Kapitel der in der Temple-Bar-Erfolgsstory.

Alljährlich im Januar lockt seitdem das Trad-Fest Tausende Liebhaber traditioneller Folk-Music und aktuellen Songwritings nach Dublin. Doch während die Touristen-Dichte des üblichen Temple-Bar-Publikums bei rund 70 Prozent liegt, kehrt sich das Verhältnis beim Trad-Fest regelmäßig um. Wer also gerne mal unter Iren feiern will, ist hier richtig. Das Line-up (Besetzung der Bands) kann sich sehen lassen. Mit dabei sind im kommenden Januar unter anderem Paul Brady, Carlos Núñez, Stockton’s Wing, Altan, Eleanor McEvoy, De Dannan, Bellowhead, Macalla, Frances Black, Johnny Duhan, Seth Lakeman, Super Céilí, The Ollam, We Banjo 3 sowie als Special Guest Melo-M aus Riga, der europäischen Kulturhauptstadt 2014.

Süße oder salzige Kuchen und Pasteten im Queen of Tarts

Mehr als 200 Konzerte, Performances, Filme, Malaktionen oder musikalische Workshops locken in Kirchen, Theater oder Pubs; getanzt wird sogar unter freiem Himmel. Und mit etwas Glück kann man auch ein Ticket für Kurzauftritte der Furey Brothers oder der Dublin Legends (ex-Dubliners) ergattern. Für das leibliche Wohl sorgt Dublin nahezu an jeder Ecke. Und das ganzjährig. Vom Menü im Restaurant Oliver St. John Gogarty (Fleet Street) über süße oder salzige Kuchen und Pasteten im Queen of Tarts (Dame Street) bis hin zu einem der zahlreichen Fast-Food-Stopps - für jeden Geschmack ist etwas zu finden. Und Getränke in ausreichendem Maß gibt es - wer hätte das erwartet - in den zahlreichen Pubs.

Ausschließlich während der Trad-Fest-Woche schenkt übrigens die Traditionsbrauerei Smithwick’s ein besonderes, dunkles Ale aus. Prädikat „empfehlenswert“. Wer es hochprozentiger mag, kann im The Temple Bar Pub zwischen 156 Whiskeys (Irland und die Welt) oder Whiskys (Schottland) wählen. Und wem das zu viele Prozente sind oder wer einfach ein bisschen innere Einkehr finden möchte, dem wird auch dies gelingen: außer in einer der vielen Kirchen beispielsweise auch vor dem Denkmal von Father Theobald Mathew in der O’Connell Street, der im Jahr 1838 den Verein der Abstinenzler gegründet hat. Auch ihn hält Dublin in Ehren - zumindest die Erinnerung an seine Person.

 

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