Interview mit Torsten Sträter "Diese Auftritte fehlen mir geradezu körperlich"

Der Autor, Vorleser und Poetry Slammer Torsten Sträter. Foto: Guido Schröder

Der Kabarettist Torsten Sträter hätte im Circus Krone spielen sollen, jetzt verkürzt er sich die Wartezeit auch als Warteberater

 

Für seine hohe Verbalkunst, von Alltagsbeobachtungen auf unerforschte Phänomene zu schließen, bekam Torsten Sträter 2018 den Deutschen Kleinkunstpreis. Statt durchs Land zu touren, spielte er aktuell ein paar Mal auf Parkplätzen und in Autokinos. Nicht ganz sein Ding, so bleibt nur ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.

AZ: Herr Sträter, neben bisherigen Jobs als Herrenschneider, Spediteur, Handyverkäufer, Horror-Schriftsteller, Kabarettist und TV-Komiker waren Sie neulich Warteberater: bei der Hotline 0180/3105105, in der Anrufer die Kunst des Wartens lernen, eine Idee des Servicekünstlers Armin Nagel. Wie war’s?
TORSTEN STRÄTER: Da haben Leute angerufen, von denen ich nicht den Eindruck hatte, dass die konkret auf etwas warteten. Aber ich fand die Idee gut.

Was waren das für Gespräche?
Fällt das nicht unter die päpstliche Schweigepflicht? Nein, da war ein holländischer Herr, der wissen wollte, wie’s mir geht, worauf ich warte. Worauf ich warte, sollte klar sein: dass es mal wieder losgeht mit irgendwas! Andere erzählten mir, dass sie darauf warten, in Urlaub zu können, dass einer die Wohnung aufmacht. Einer aus einer Kölner Spedition wartete einfach darauf, dass Feierabend ist. Das verstehe ich. Da habe ich den Leuten Mut zugesprochen.

Einen Hang zur Plaudertasche sollte man da schon haben – für Sie als Ruhrpottler kein Problem. Für eher als wortkarg-grantig geltende Bayern wäre das nix, oder?
Das ist Klischee. Ich kenne viele Bayern, die reden ohne Punkt und Komma. Klar, im Pott gibt es viele Labertaschen wie mich, aber es gibt auch die Wortkargen, die lieber mal eben einen Clown anstreichen anstatt ein Wort zu viel zu sagen. Der Bayer ist kein Grantiger in dem Sinne, und wenn er grantig ist, hat das immer einen hohen Unterhaltungswert. Die Ruhrgebietsmenschen sind auch nicht alle geradeheraus. Ich würde diese Klischees gern bedienen, kann aber nicht. Da ist kein Schema auszuarbeiten.

Muss ja nicht. Heute von 14 bis 15 Uhr geht Moses Wolff als Warteberater ans Telefon.
Toller Buch-Autor! Die holen sich bestimmt alle eine Schreib-Beratung bei ihm. Moses Wolff: guter Typ!

Ihr vorletztes Bühnen-Programm hieß „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“. Darin geht es zwar eher um die Hottentotten, atmende Schuhe, blätterfressende Penisse und die nahende Zombie-Apokalypse, aber: Sind Sie im richtigen Leben pünktlich, oder muss man ständig auf sie warten?
Das ist ja nun mal genau aus dem Zusammenhang gerissen! Es geht schon um was in dem Programm. Titel sind für mich nicht so relevant. Ich mag gute Titel, aber ob ich mich dann darauf beziehe oder nicht, das sehe ich dann. Der Titel ist immer zuerst da, und dann fange ich an, da Sinn reinzuschreiben. Oder auch nicht. Oft nicht. Also sehr, sehr häufig. Eigentlich: noch nie. Aber im neuen Programm kommt der Titel wirklich vor.

Sie drücken sich um die Frage nach der Pünktlichkeit.
Ich bin pünktlicher als früher. Hab mir ‘ne Uhr gekauft, ist echt hilfreich. Mir ist auch klar geworden, dass es die Leute als mangelnden Respekt empfinden, wenn ich ihre Arbeits- oder Lebenszeit verbrauche – das will ich ja auch nicht. Ich bemühe mich pünktlicher zu sein. Dadurch, dass ich kaum noch was zu tun habe, ist das nicht mehr so schwierig.

Wie geht’s Ihnen in der auftrittslosen Zeit?
Mir fehlt es. Ich würde gerne auftreten, weil ich gerne auftreten will. Es fehlt wahrscheinlich auch dem Ego. Meinem Ego fehlt es auf jeden Fall. Ich möchte bitte gerne sofort im Circus Krone auftreten! Das ist ein Auftritt, den ich im Mai nicht machen konnte und der mir wirklich fehlt auf der Agenda. Weil ich so gerne in München bin!

Ach.
Das ist jedes Mal eine völlig andere Nummer, hat immer so einen Urlaubs-Charakter. Diese Auftritte fehlen mir geradezu körperlich. Es ist ätzend so.

Wie kompensieren Sie das?
Kann man nicht. Da kann kein Zoom-Meeting und kein Fernsehen gegen anstinken. Man kann das nicht kompensieren. Das verursacht bei mir körperliches Unbehagen, ein Verlustgefühl von etwas, das gar nicht stattgefunden hat. Wir gehen alle krank nach Hause. Ich hoffe, dass wir da bald irgendwas in den Griff kriegen. Und zwar sehr bald! Ich bin nicht so der geduldige Typ. Ich weiß gar nichts – das ist das Schwierigste. Ich möchte wenigstens angelogen werden. Die sollen sagen: „Am 30. September geht’s weiter.“ Wenn das nicht stimmt, rege ich mich auf. Aber so? Ist doch auch scheiße.

Was machen Sie nun statt von A nach B zu hetzen?
Jetzt bin ich eher territorial veranlagt. Sporadisch werde ich in einigen wenigen Autokinos auftreten, einfach auch um diese Autokinos zu stützen und die Leute, die das dringender benötigen als ich. Da müssen Karrieren am Laufen gehalten werden. Gerade frisch begonnene Karrieren sollten da ein bisschen Auftrieb erfahren.

Wie ist so ein Auftritt vor einem Haufen Blech?
Wechselnde Gefühle. Das erste Mal war schon Fremdscham. Wie auf dem Rewe-Parkplatz vor 400 Autos. Da kommt man sich schon blöd vor, vor allem tagsüber. Man kommt raus, die Koordinaten fehlen, Applaus fehlt, alles fehlt. Man kriegt das Programm auch so wahnsinnig schlecht beendet. Du stehst da und sagst: „So. Das war’s von mir. Ähhh. Wiedersehen.“ Zwischendurch dann aber sehr schöne Auftritte wie in Eschweiler: Da haben die Leute die Scheiben runtergekurbelt, ich konnte sie klatschen hören – das war ganz geil. Aber der ganze Autokino-Spuk wird bald vorbei sein, einfach weil man das Fenster zu- und das Auto ausmachen soll, und wenn wir dann gepflegte 32 Grad haben, sehe ich da keinen mehr mit geschlossenem Fenster im Autokino sitzen.

Und außer Autokino?
Schreibe ich Bücher. Man muss schon sagen: mehr als eins.

Wieder Horror?
Bei Buchprojekten bin ich sehr schmallippig unterwegs. Ich sage nix. Großes Geheimnis.

Kein Geheimnis machen Sie um Ihre depressive Erkrankung, unter der Sie in den 90ern litten. Seit zwei Jahren sind Sie Schirmherr der Deutschen DepressionsLiga e.V. Wie haben Sie die Krankheit überwunden? Bekommt man das komplett aus den Klamotten?
Ich hab’s komplett raus, hat auch lange genug gedauert. Ich schieb’s mal aufs Alter. Depressionen mildern sich ab mit dem Alter oder werden zum Erliegen gebracht. Einer der wenigen Vorteile des Alters. Ich bin niemand, der viel über Depressionen weiß, ich weiß halt viel über meine Depression. Wie in den Programmen, wo es auch immer nur um meine Sicht der Dinge geht. Ich kann nichts Anderes anbieten. Es gibt Dinge, die gegen Depression helfen, und das sind immer diese komischen, anstrengenden Dinge wie Sport, Spaziergänge und dergleichen. Der Körper will das, dankt es einem zügig. Aber ich bin schon wieder überanstrengt, wenn ich nur darüber rede, könnte ich mich gerade hinlegen. Depression: ätzendes Thema. Aber nicht ätzend genug, um nicht darüber zu reden. Ich find’s auch lächerlich, wenn Leute versuchen, das zu verschweigen. Das ist eine Volkskrankheit, kommt wahrscheinlich noch vor Hämorrhoiden. Obwohl: Die hatte ich auch schon. Ganz schlimm.

Herr Sträter, vielen Dank für das Gespräch...
Habe ich schon von meinem Kaffee erzählt?

Nö.
Ich hab’ eine eigene Kaffeemarke, und die ist mir wichtig, weil ich an der nix verdiene. Die kleine Rösterei Rokitta in Friedrichstadt bringt meinen Kaffee raus: „Sträters ziemlich guter Kaffee.“ Ein guter, knallender Kaffee, sehr fair, sehr lecker. Vom Erlös gehen 100 Prozent an „handforahand“: ein Solidaritätsfonds für freie Bühnen- und Tontechniker, Beleuchter und Veranstaltungshelfer, die alle gerade nix zu arbeiten haben. Für die verkaufe ich den Kaffee. Billig geht anders, aber ich verbürge mich dafür. Wer bestellt, ist mein Held. 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading