Interview mit Hans Pleschinski "Wiesenstein": Kulturelle Endzeitstimmung

Als Weltrückzugsort ließ Gerhart Hauptmann seine Villa Wiesenstein um 1900 im Riesengebirge errichten. Foto: G. Hauptmann Museumsverbund/AZ

Hans Pleschinski beschreibt in "Wiesenstein" das Leben von Gerhart Hauptmann und den Untergang des Dritten Reichs.

Von Kultur inmitten der Barbarei erzählt der Münchner Autor Hans Pleschinski in seinem neuen Roman "Wiesenstein". Er beschreibt Gerhart Hauptmanns letzte Reise in seine gleichnamige Villa im schlesischen Riesengebirge im Frühjahr 1945 und rollt auf 550 Seiten das widersprüchliche Leben des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 1912 auf. Der ebenso tragische wie faszinierende Roman bietet eine Geschichtsstunde voller unglaublicher Details. Pleschinski führt souverän und mitreißend durch die dunkelste Zeit deutscher Vergangenheit.

AZ: Herr Pleschinski, wie kamen Sie auf Gerhart Hauptmann, über den ja eigentlich die Zeit hinweggefegt ist?
HANS PLESCHINSKI: Die Recherche zu diesem Roman lief teilweise parallel zu "Königsallee", meinem Roman über Thomas Mann. Ich hatte über Margarete Hauptmann gelesen, dass diese zu Augenkuren fuhr und dass bei Hauptmanns bis Weihnachten 1944 Frackzwang beim Abendessen herrschte. Hauptmann war ein fabelhafter Gesellschafter, obwohl er stotterte, selten Sätze zu Ende brachte und sprunghaft sprach. Trotzdem war er faszinierender Mittelpunkt in einem unglaublich reichen Haushalt. Die Hauptmanns achteten sehr auf Stil, zumindest bis dann die Trunkenheit begann, die oft mit einer Polonaise im Haus oder um das Haus herum endete. Gäste wie Max Reinhardt oder Hugo von Hofmannsthal waren morgens schachmatt. Der Hausherr aber begann seinen Tag mit Bogenschießen als Meditationsübung – nackt. Das fand ich alles sehr schräg. So habe ich mich in den Kosmos immer tiefer hineingelesen, und es wurde immer unglaublicher und spannender.

Das Unglaublichste aber ist seine letzte Lebensphase – er reist im März 1945 in seine Heimat, an die Ostfront.
Das ist wie Scarlett O’ Hara, die zurück nach Tara fährt, das ja teilweise in Ruinen liegt, Hauptmanns um 1900 errichteter Weltrückzugsort Villa Wiesenstein allerdings nicht. Trotzdem hat das Buch vom Stoff her eine gewisse Verwandtschaft mit "Vom Winde verweht". Der schon 82-jährige Gerhart Hauptmann ist nach den Dresdner Bombennächten, die er in einem Sanatorium überlebte, wie gelähmt, innerlich gebrochen und will nur noch zum Sterben nach Hause. Doch da ist im Frühjahr 1945 die Ostfront. Mit Sondergenehmigung der Gauleitung lässt er sich und seine Begleiter ins damalige Agnetendorf nach Schlesien fahren, der Roten Armee entgegen, während die Flüchtlingsströme nach Westen ziehen. Es gab dann ein bizarres Detail nach dem anderen, auf das ich gestoßen bin. Ein desertierter Wehrmachtsmasseur zum Beispiel schließt sich Hauptmann in Dresden an und heiratet später dessen Sekretärin. So etwas kann man nicht erfinden.

In der Villa Wiesenstein angekommen, versuchten die Hauptmanns ein bürgerliches Leben in dieser Endzeit zu führen.
Aber das funktioniert im Chaos nicht mehr. Bei der Eroberung hatte Stalin Schlesien zum rechtsfreien Raum erklärt und zur Plünderung freigegeben. Man kann sich heute kaum noch eine Vorstellung davon machen, wie die Situation in Schlesien damals war. In den Straßengräben und Häusern lagen bald 90 000 Leichen, tote Soldaten, tote KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge. Es herrschte völlige und blutigste Anarchie. Und mittendrin wie ein Raumschiff die Villa Wiesenstein, in der Hauptmann noch mit seiner Sekretärin sein Werk bearbeitete. Für die Nazis war es zunächst wichtig, dass er in Schlesien war, viele dachten ja noch, Schlesien bliebe deutsch. Und viele deutsche Bewohner in der Gegend blieben überhaupt nur, weil Gerhart Hauptmann da war, scheinbar ein Symbol, dass das Ende des alten Schlesiens noch nicht gekommen war. Aus dem gleichen Grund wollten ihn die Polen ein paar Monate später auch schnell loswerden.

Sie schreiben zwar von kleineren Plünderungen in der Villa Wiesenstein, aber im Wesentlichen wurde das Haus beschützt – auf Druck der Russen. Warum eigentlich?
Hauptmanns Stück "Die Weber" war eine Welttheaterrevolution gewesen. Das darf man nicht vergessen. Geschundene Proletarier auf der Bühne! Das wurde auf der ganzen Welt gespielt. Auch Stalin kannte das Stück, 1912 gab es schon eine russische Ausgabe von Hauptmanns Werken. Er war der Dichter der Armen und Geschundenen, das hat ihn bis zuletzt geschützt. Der sowjetische Offizier Wassilij Sokolow kam zu Gesprächen zur Villa Wiesenstein, brachte Mangelgüter wie Zucker und Kerzen mit und trank den Wein, den Hauptmann noch von Lieferungen eines früheren Besuchers, des damaligen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, im Hause hatte. Man sieht, hier ballt sich die europäische Geschichte. Deswegen ist das Buch wahrscheinlich mit Abstand mein dramatischtes geworden.

Hauptmann ist eine politisch schwer einzuordnende Figur.
Er ist 1933 nicht aus Deutschland weggegangen und hat auch mal auf seinem Anwesen auf Hiddensee ohne Zwang die Hakenkreuzfahne gehisst. Die Nazis hofierten ihn, weil er weltberühmt war. Er ließ sich einspannen, profitierte auch davon, denn seine Stücke wurden weiter aufgeführt. Man muss aber auch sehen: Er war alt, fahrlässig, hatte unzählige deutsche Regierungen kommen und gehen gesehen und wohl gedacht: Dieser Spuk geht auch vorbei. Dem war aber nicht so. Thomas Mann hatte in New York gesagt: "Wo ich bin, ist Deutschland." Hauptmann sagte das auch, aber leider war das im Nazireich. Er galt ja als ein zweiter Goethe und überlegte immer, ob Goethe wohl emigriert wäre – und dann versuchte er, alles schnell zu verdrängen.

Sie schreiben aber auch, dass die Nazis mit Hauptmann nicht zurande kamen.
Hauptmann ist ein zu umfassender, oft zu anarchischer Geist, um von einem politischen System benutzt werden zu können. Goebbels mochte Hauptmann überhaupt nicht, weil kein Stück des Dramatikers heldisch ist. Es geht immer um Figuren in Not, das konnte Goebbels nicht propagandistisch ausschlachten. In Thüringen gab es ein Aufführungsverbot für Hauptmanns Stücke. Umso mehr bemühte sich der Gauleiter von Schlesien, Hauptmann zu seinem schlesischen Dichter zu machen. Doch seine späten Stücke, die auch 1943 noch aufgeführt wurden, sind vollkommen nihilistisch. Man wundert sich fast, dass sie noch gespielt werden durften. In "Iphigenie in Delphi" stürzt sich Iphigenie von einem Felsen, um verzweifelt Schuld zu sühnen. Aber es gibt nur noch eine dunkle Schicksalsmacht, die alle Menschen zermalmt. Das wurde vom Nazipublikum bejubelt wie in einem Endzeitrausch, alles sollte untergehen wie in der Götterdämmerung. Doch Hauptmann hatte das eher als Mahnung gedacht.

Natürlich kommt in diesem Roman auch das komplexe Verhältnis Hauptmanns zu Thomas Mann zur Sprache.
Das war eine große Rivalität. Hauptmann war früher berühmter als Thomas Mann, erhielt viel früher den Nobelpreis, hieß Hauptmann, nicht nur Mann, was Thomas Mann rein wahnsinnig machte. Es gibt neben Mann einen Hauptmann! Sie begegneten sich jedoch oft, auch bei Festessen, hielten wechselseitig Geburtstagsreden aufeinander, bis dann der "Zauberberg" erschien und Hauptmann sich in der Figur des Mynheer Peeperkorn verunglimpft fühlte. Er war entsetzt und schrieb an den Rand seines Exemplars: "Diese dumme Sau soll ich sein?". Er hat sich durch tagelange Märsche in den Bergen heruntergekühlt und beschlossen, ein Leben ohne Thomas Mann zu führen. Sie schätzten sich später dennoch. Hauptmann erkannte, dass Mann in der Prosa der größere Stilist ist, und Thomas Mann ehrte Hauptmann auch als "Volkskönig". Ich muss nach den Recherchen zu diesem Buch sagen: Der größere Schriftsteller, der feinere Stilist mit der humanistischeren Botschaft ist Thomas Mann. Aber ich glaube, der größere Dichter ist Gerhart Hauptmann. Sein Werk ist vielfältiger. Er griff in die Welt hinein und knetete alles zu Stoff – das konnte Thomas Mann nicht. In Hauptmann pulsierte das Dichten. Und obwohl er stotterte, konnte er in jedem griechischen Versmaß fehlerfrei diktieren. Das ist ungeheuerlich. Hexameter sprudelten aus ihm heraus, seine Wortgewalt ist atemverschlagend.

Sie zitieren in Ihrem Roman ausführlich aus Hauptmanns Werken. Vieles klingt aber auch stark veraltet. Ist er noch für die Bühne zu gebrauchen abseits von "Rose Bernd", "Der Biberpelz" und "Die Weber"?
Viel frühere Dramatik ist derzeit weg, von Ibsen bis Wedekind. Theater ist bei uns eher zu wüster Performance geworden, und da passen auch die psychologischen Stücke von Gerhart Hauptmann schlecht. Aber er kann warten. Und ich kann mir vorstellen, dass man beispielsweise aus seiner Dichtung "Till Eulenspiegel" eine spannende Theaterbearbeitung machen könnte. Das ist ein gewaltiger Gesang über einen modernen Narren, der durch eine chaotische Welt taumelt bis in die Unterwelt, um den Kern des Lebens zu finden.

Gerhart Hauptmann.
Gerhart Hauptmann. Foto: dpa


Hans Pleschinski stellt "Wiesenstein" (C. H. Beck, 550 Seiten, 24 Euro) gemeinsam mit Mario Adorf am 1. März um 20 Uhr in den Kammerspielen vor

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