Interview mit einem Rollstuhlfahrer Stadtrat Utz: "Ich meide die S-Bahn, wann immer ich kann"

Oswald Utz (53) ist seit 2005 ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter der Stadt München. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa, Johannes Mairhofer, AZ

Stadtrat Oswald Utz erklärt im Interview, warum die Stadt München nicht nur für Rollstühle barrierefrei sein sollte.

Oswald Utz ist Behindertenbeauftragter der Stadt, Grünen-Stadtratsmitglied und Rollstuhlfahrer. Im Interview mit der AZ erklärt er, welche Probleme ihm täglich begegnen und wo bei S- und U-Bahn für mehr Barrierefreiheit nachgebessert werden muss.

AZ: Herr Utz, wie sind Ihre Erfahrungen mit der Barrierefreiheit in den Münchner Öffentlichen?
OSWALD UTZ: Sehr unterschiedlich. Generell muss ich sagen, dass es zwischen U- und S-Bahn inzwischen große Unterschiede gibt. Bei ersterer ist schon vieles besser geworden. Letztere versuche ich, wann immer ich kann, zu meiden.

Wo sind denn die Unterschiede?
Zum Beispiel in der Informationspolitik. Die MVG hat „MVG-Zoom“, eine eigens eingerichtete Internetseite, die zeigt, wo es momentan Probleme mit den Aufzügen gibt. Ich schaue da immer nach, bevor ich irgendwohin fahre und die Informationen sind wirklich sehr zuverlässig. Die Bahn hat so etwas nicht. Auch beauftragt die MVG seit einigen Jahren keine Fremdfirma mehr mit der Wartung und Reparatur ihrer Aufzüge. Das hat die Verlässlichkeit deutlich erhöht.

Also sind auch Ihr Hauptproblem die Aufzüge?
Ja, absolut. Das Problem ist ganz simpel: Die meisten Stationen haben nur einen Aufzug. Ist der kaputt, können Rollstuhlfahrer die Station nicht nutzen. Und das Problem betrifft ja nicht nur uns, sondern auch mobiltätseingeschränkte Menschen und Eltern, die mit Kinderwagen unterwegs sind.

Über eine Stunde vom Ostbahnhof zum Marienplatz

Welche Auswirkungen kann so ein kaputter Aufzug auf ihren Alltag haben?
Mein persönliches Horrorerlebnis hatte ich vor einiger Zeit am Ostbahnhof, als ich umsteigen wollte, der Aufzug am Gleis aber kaputt war. Ich musste dann erst mehrere Stationen stadtauswärts fahren, um umsteigen zu können. Für die Strecke vom Ostbahnhof zum Marienplatz habe ich so über eine Stunde gebraucht, und ich kam viel zu spät zu einem Termin. So etwas ist sehr ärgerlich und unangenehm.

Welche Stationen sind außer dem Ostbahnhof für Rollstuhlfahrer besonders schwierig?
Mir wird häufig berichtet, am Rosenheimer Platz sei der Aufzug immer wieder kaputt. Und am Isartor gibt es nicht mal einen. Das ist seit Jahren im Gespräch, wird dann aber doch immer wieder verschoben. Und dabei geht es hier um einen der zentralsten Bahnhöfe in München.

Wie viel Einfluss hat der Stadtrat auf das Problem?
Wenig. Auf die Deutsche Bahn, also die S-Bahn, haben wir ohnehin keinen Einfluss. Und die MVG sagt, sie tut, was sie muss und wenn wir mehr Aufzüge wollen, müssen wir sie selber zahlen. Derzeit werden aber ohnehin keine neuen U-Bahnstationen gebaut und die alten nachzurüsten, ist so gut wie unmöglich. Auch gäbe es für dieses Thema vermutlich keine Mehrheit im Stadtrat. Nichtmal ich kämpfe dafür, weil ich weiß, es ist vergebene Liebesmühe.

Was könnte denn neben den Aufzügen noch getan werden, um die Situation zu verbessern?
Mehr Information und Hilfen bei der Orientierung in den Bahnhöfen. Aber selbst kleine Dinge durchzubekommen, ist oft schwierig. Dass jetzt außen an den Aufzügen „Lift“ steht, war ein Riesenprojekt. Dabei könnte man mit mehr Schildern schon so viel machen und das Geld müsste auch nur einmal ausgegeben werden.

 

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