Interview mit der Ehefrau des Kultregisseurs Tamara Dietl: Unser Leben mit dem Krebs

Tamara Dietl im Gespräch mit LEUTE-Kolumnistin Kimberly Hoppe. Foto: Michael Tinnefeld

Sie ist die starke Frau im Hintergrund: Im großen AZ-Gespräch erzählt Tamara Dietl, wie sie mit der Krebserkrankung ihres Mannes, Kult-Regisseur Helmut Dietl, umgeht.

 

München - Rote Teppiche, Smalltalk, Blitzlichtgewitter – alles nicht ihr Ding. „Ich bin keine Schauspielerin“, sagt Tamara Dietl (50). Das ist auch gut so. Denn an ihr ist alles authentisch, nichts affektiert.

Als sie kürzlich in München unterwegs war, traf sie auf der Straße eine Bekannte. „Du siehst ja gut aus“, sagte sie zu Tamara. Es klang vorwurfsvoll. Doch Tamara antwortete: „Wie soll ich denn bitte ausschauen? Soll ich nur heulen?“ Da war die Bekannte sprachlos.

Seitdem ihr Mann, Kult-Regisseur Helmut Dietl (70, „Kir Royal“, „Monaco Franze“, „Rossini“), seine Krebserkrankung öffentlich gemacht hat, passiert so etwas immer mal wieder. Tamara Dietl sitzt in ihrem Büro in der Schwabinger Wohnung und erzählt diese Anekdote. Neben ihr liegt Labrador Coco, auf dem Tisch stehen frische Croissants und Tee.

Sie arbeitet als Sinn- und Werte-Coach für Führungskräfte, Krisen sind ihr Job, ihre Stärke. Das erklärt ein bisschen, warum sie so eine starke Frau ist. Den Rest erzählt sie im großen AZ-Gespräch.

AZ: Frau Dietl, wie wird man zur „besten Ehefrau von allen“?


TAMARA DIETL: Das weiß ich nicht.


Wie fühlten Sie sich, als Ihr Mann Sie beim Bambi vor einem Millionen-Publikum so betitelte?
Dass er nicht permanent mit mir unglücklich ist, kriege ich im Alltag schon mit. Wir führen eine gute Ehe. Diese Ehe ist für mich mein Alltag. Wenn das für meinen Mann etwas ist, was er so vorher in der Form nicht erlebt hat, ist das eher seine Wahrnehmung. Für mich ist das normal – klingt blöd, ist aber so.


Sie strengen sich nicht an, eine besonders gute Ehefrau zu sein?
Nein. Natürlich gibt es hin und wieder kleine Liebesbekundungen bei uns, aber das ist mehr der Ausdruck eines Gefühls. Das sorgt nicht dafür, dass man eine gute Ehe führt. Natürlich freue ich mich, wenn mir mein Mann mal Blumen schenkt, sich mit unserer Tochter was zum Muttertag einfallen lässt. Aber es ist nicht der Garant dafür, dass es toll läuft. Das wäre ein Missverständnis. Ich glaube, es kommen zwei Sachen zusammen.


Welche sind das?
Erstens: Liebe. Nicht Verliebtsein, das ist am Anfang. Dieses „Wir lieben uns wie am ersten Tag“ – daran glaube ich nicht. Beziehung ist ein Prozess.


Und zweitens?
Was wir früh richtig gemacht haben, ist, dass wir die Erfahrungen, die wir davor in anderen Beziehungen sammelten, berücksichtigten, daraus lernten. Wir haben versucht, es besser zu machen. Das klingt nicht romantisch, aber darin waren wir erfolgreich. Das ist sehr hilfreich. Mir ist auch aufgefallen, dass wir nie über Rollen gesprochen haben, sondern über Aufgaben.


Wie meinen Sie das?
Ich koche sehr gerne, deshalb bin ich diejenige, die kocht – nicht, weil ich die Frau bin. Mein Mann arbeitet dafür gern im Garten. Über so etwas haben wir gleich sehr sachlich, liebevoll und kooperativ gesprochen, wer für was zuständig ist. Wir haben uns keiner Illusion hingegeben. Klar, wir waren sehr verliebt, 1000 Schmetterlinge im Bauch. Interessanterweise hat bei uns der Verliebtheits-Zustand länger angehalten, als ich das kannte. Aber wir wussten, dass ein Zeitpunkt kommt, wo das vorbei ist und man plötzlich einen gemeinsamen Lebensalltag zu bewältigen hat. Immer mit dem Bewusstsein: Man muss etwas dafür tun. Es reicht nicht, sich auf Gefühle zu verlassen.


Ist Helmut der beste Ehemann?
Ja, das kann ich problemlos sagen, weil er mein einziger ist. Für mich ist es sicherlich die beste Beziehung, weil wir sehr reif und erwachsen miteinander umgehen.


Sie haben nie versucht, ihn zu ändern?
Nein, das finde ich albern. Ich bin seine Frau, nicht seine Mutter. Er ist nicht dumm. Warum soll ich ihm klarmachen, dass er mal Sport machen soll? Er weiß, was gesund und was ungesund ist. Unserer Tochter Serafina kann ich das noch sagen. Sie ist elf, hat den Dreh mittlerweile schon raus und sagt: „Mama, ich will ein Stück Schokolade, aber ich esse vorher eine Karotte.“ Das Problem ist, dass sich Menschen oft kindlich verhalten – oder wie Eltern. Aber nicht sehr erwachsen. Das machen mein Mann und ich anders. Wir lassen den anderen so, wie er ist. Allerdings habe ich meine Grenzen.
 

Zum Beispiel?
Wenn er seine cholerischen Anfälle kriegt, sage ich meinem Mann, er soll sich vor den Spiegel stellen. Wenn er sich wieder beruhigt hat, kann er gerne zurückkommen. Ich gehe nicht auf seinen Wutanfall ein.


Waren Sie je ein ängstlicher Mensch?
Ängstlich war ich nie. Aber natürlich habe ich Ängste. Angst ist die Grund-Emotion der Menschen. Die entscheidende Frage ist: Wie gehe ich mit meinen Ängsten um? Ich kann sie zulassen, ohne, dass sie mich überwältigen. Ich nehme sie als Angst an. Ich unterdrücke sie nicht, verstärke sie auch nicht.


Das klingt so schön einfach. . .
. . . und ist harte Arbeit. Aber für das Leben gibt es keinen Garantieschein und es ist nicht die Generalprobe. Es ist die Premiere, mehr Vorstellungen gibt es nicht. Mir hätte auch mit einem Mann, der nicht 20 Jahre älter und Kettenraucher ist, etwas passieren können. Ich finde die Zeit, in der wir heute leben, ist gekennzeichnet durch das Streben nach dem „perfekten Leben“, nach dem „glücklichen Leben“. Ich glaube, dass das ein Missverständnis ist, eine Illusion. In Wahrheit ist die Unsicherheit der Normalzustand des Lebens.


Um sich sicher zu fühlen, gehen viele zur Vorsorge. Sie auch?
Ja, da bin ich sehr rational. Die Technik ist heute besser denn je entwickelt. Ich übertreibe es aber nicht. Ich lebe auch gern mal ungesund. Ich esse wahnsinnig gern, was dazu führt, dass ich immer ein bisschen zu viel Gewicht habe. Aber dafür fühle ich mich sehr lebendig.


Ging Ihr Mann je zur Vorsorge?
Nein. Und dann wurde da plötzlich was entdeckt.


Im vergangenen Herbst, ein Tumor in der Lunge, Heilungschance bei 10 Prozent. Ihre erste Reaktion?
Ich war erschüttert. Und im selben Moment wusste ich, dass ich mit diesem Gefühl werde umgehen können. Ich bin da natürlich nicht prototypisch. Ich habe eine Krisen-Coaching-Ausbildung hinter mir und konnte dieses Wissen jetzt gewissermaßen in eigener Sache anwenden. Also ich weiß, jetzt kommt die Schock-Phase, dann die Nicht-Verstehen-Phase. Wenn man das vorher weiß, wird man nicht so schlimm überwältigt, es bringt einen nicht so aus der Bahn. Es war ja auch nicht so, dass wir in die Klinik kamen und drei Sekunden später hieß es: „Ihr Mann hat Krebs.“ Das hat etwas gedauert, ich konnte mich darauf vorbereiten. Das war hilfreich. Sich mit der Situation auseinanderzusetzen.


Wie haben Sie das gemacht?

Hinzu kommt, dass ich bereits eine Erfahrung mit dieser Krankheit gemacht habe. Vor über 15 Jahren ist eine sehr gute Freundin an Krebs gestorben. Die hatte ich zwei Jahre lang intensiv begleitet. Ich habe mich nie davor gescheut, das Leben in seiner ganzen Bandbreite an mich heranzulassen. Vor 25 Jahren habe ich einen Dokumentarfilm über das erste Hospiz in Deutschland gemacht. Damals wusste kaum jemand, was das überhaupt ist. Diese Erfahrungen, die ich nicht nur gemacht, sondern vor allem auch reflektiert habe, die helfen mir jetzt.


In welcher Phase sind Sie?
Es ist keine Phase mehr. Es ist über ein Jahr her. Wenn Sie so wollen, ist diese Phase am besten mit einem Zitat von Picasso zu beschreiben: Wir müssen lernen, uns geborgen zu fühlen im Ungewissen. Es klingt ein bisschen paradox, aber ich entwickle in der Unsicherheit immer mehr eine Sicherheit. Ich verbessere mich im Umgang damit. Bekomme mehr Selbstvertrauen. Ich will nicht passiv sein, kein Opfer.


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