Interview mit dem Regisseur "Die Welt auf dem Mond": Echte Perlenkette der Gefühle

Links: Liese gesungen und gespielt von Vanessa Fasoli und neben ihre Schwester Klärchen (Polly Ott). Foto: KOM

Die Kammeroper München spielt Haydns Komische Oper "Die Welt auf dem Mond" im Nymphenburger Hubertussaal.

Geboren in Memmingen studierte der heute 50-jährige Dominik Wilgenbus an der Hochschule für Musik in München und ist seidem Regisseur, Übersetzer und Darsteller. In München war er Mitbegründer des Metropoltheaters und der Kammeroper München.

Der Mond als Sehnsuchtsort! Joseph Haydn hat 1777 "Die Welt auf dem Mond" nach einer Textvorlage von Carlo Goldoni komponiert. Die Kammeroper München bringt die Komische Oper in einer deutschen Textfassung von Dominik Wilgenbus, der auch Regie führt, in den Hubertussaal.

AZ: Herr Wilgenbus, ist so eine Haydn-Oper nach Sputnik-Schock, Mondlandung und Weltraumforschung nicht etwas hinterm Mond?
DOMINIK WILGENBUS: Nur, wenn man die Oper krampfhaft in die Gegenwart zieht. Der Mond muss bei einer Inszenierung ein bisher von Menschen unbetretener utopischer Ort bleiben. Und als Maschinen-, Verwandlungs und Ausstattungsstück ist dieses Haydnwerk ein Traum für Regisseure und Psychologen. Ein Forscher spielt einem reichen Einfaltspinsel mit optischen Fernrohrtricks vor, auf dem Mond sei eine Paradieswelt. Und er schafft für ihn mit einer Droge die Illusion, dorthin zu fliegen.

Und dort ist dann alles auf den Kopf gestellt.
Ja und alle - bis auf den Getäuschten - spielen die Illusion mit. Nur dann passiert, was man ja auch dem Fasching nachsagt: Jeder schlüpft in eine Rolle, die das Gegenteil seines Charakters ist, und lernt so ganz andere Seiten an sich und den anderen kennen: Aus einem Haufen selbstverliebter Egozentriker, die mehr in ihr eigenes Verliebtsein verliebt sind als in den anderen, werden auf dem Mond wahre Schwärmern. Und der strenge, aber ängstlich-konfliktscheue Vater, der seine Töchter nicht hergeben will, offenbart seine kindliche Seite und fühlt sich in dieser Gegenwelt immer glücklicher. Er wird vom Stink-Knochen zum empathischen Menschen. Und der Diener spielt den Mondkaiser und würde für den Posten auf seine große Liebe verzichten.

Auf dem Mond herrschen für Männer ja "paradiesische" Zustände: Sie dürfen ihre Frauen schlagen!
Und da gibt es eine echte Sado-Maso-Erkenntnis: Ein junges Paar, das sich noch nicht einmal küssen konnte, weil der Vater die Tochter im goldenen Käfig hielt, erlebt seine erste körperliche Begegnung als Fesselungsspiel - und ist erotisiert.

Sehr frech! Aber dass man in einer Oper über Klassengrenzen hinweg Beziehungen eingeht, das ging eben 1777 doch nicht.
Aber auch da ist "Die Welt auf dem Mond" ziemlich revolutionär, wenn der Diener als Kaiser über Macht, Job und Liebe nachdenkt.

Was haben Sie als Texter und Regisseur vor allem geändert?
Der Text ist deutsch und ich habe einige psychologische Motivationen plausibler gemacht. Dem Wechsel des Vaters vom verhindernen Zauderer zum Befürworter der Heirat der Töchter habe ich noch einen Tobsuchtsanfall vorausgestellt und erst eine Liebesarie, die er belauscht, in der erklärt wird, dass man Liebe wagen muss, obwohl der Ausgang unsicher ist, wird er innerlich umgestimmt.

Warum werden Mozart-Opern rauf und runter gespielt, tauchen Haydn-Opern aber selten in den Spielplänen der Opernhäuser auf?
Da vergleicht man Äpfel mit Birnen! "Die Welt auf dem Mond" ist von 1777, Mozarts Großwerk wie "Don Giovanni" kam erst zehn Jahre später. Und Haydn hat alles genau auf die Sänger, die Musiker und die Bühnenverhältnisse auf dem Sommerschloss seines Arbeitgebers am Neusiedler See, Schloss Eszterháza, geschrieben. Das beginnt damit, dass die Tenorstimmlagen relativ tief sind, weil so eben die zur Verfügung stehenden Tenöre disponiert waren.

Also alles doch sehr speziell?
Nein, aber man muss sehen, dass eine Haydn-Oper anders inszeniert werden muss als späte Mozart-Opern, vor denen auch Haydn größten Respekt hatte, sich das aber selbst durchaus auch zugetraut hat. Aber es gibt diesen Unterschied: Mozart gelingt es, in den einzelnen Charakteren widersteitende Gefühle gleichzeitig anklingen zu lassen oder verschieden fühlende Figuren in einem Ensemble wunerbar zusammenzufassen. Haydn hingegen reiht den ganzen Gefühlsreichtum aneinander, eher wie bei einem Puppenspiel. Denn eine Puppe ist in jedem Moment in ihrem Ausdruck klar definiert. Aber Haydn hat selbst gesagt: Wenn man ihm eine gutes, neues Libretto gibt, würde er auch so etwas wie die Mozart-Psychologie musikalisch schaffen.


"Die Welt auf dem Mond": Hubertussaal, Nymphenburg, 19.30 Uhr (Einführung 18.30 Uhr), Premiere, morgen, Do,. Danach bis 17. September, Mi und Do sowie Sa und So. 25 - 63 Euro, www.kammeroper-muenchen.com, 089 54 81 81 81

 

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