Interview mit dem Operettenexperten Stefan Frey Franz Lehár zum 150. Geburtstag

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Was hat uns der Operettenkomponist Franz Lehár noch zu sagen, der heute vor 150 Jahren geboren wurde und dessen „Lustige Witwe“ zum Welterfolg wurde?

 

Am 30. April kam in Komorn in der heutigen Slowakei der Komponist Franz Lehár zur Welt. Er spielte erst Geige, wurde jüngster Kapellmeister der k.u.k. Armee und begann Operetten zu komponieren. Die 1905 in Wien uraufgeführte „Lustige Witwe“ wurde ein Welterfolg. Aus Anlass des 150. Geburtstags hat Stefan Frey eine lesenswerte, gründliche und quellennahe Biografie verfasst, die den Untertitel „Der letzte Operettenkönig“ trägt.

AZ: Herr Frey, wieso nennen Sie Lehár den „letzten Operettenkönig“?
STEFAN FREY: Es gibt ein schönes Foto aus dem Jahr 1925, das Lehár zusammen mit Emmerich Kálmán in Bad Ischl zeigt. Es trägt den Titel „Die Operettenkönige in ihrer Sommerresidenz“. Der Satiriker Karl Kraus brachte das in den Zusammenhang von Gummibaronen und Stahlmagnaten. Der symbolische Akt dieses Fotos liegt darin, dass Ischl die Sommerresidenz des Kaisers Franz Joseph I. war und sich die monarchistische Nostalgie damals auf die Komponisten übertrug.

Was ist von Lehár geblieben? Eigentlich doch nur die „Lustige Witwe“?
Sie ist Lehárs epochales Werk. Aber ich würde das „Land des Lächelns“ keineswegs niedriger hängen, weil diese Operette das Entfremdungsphänomen der Moderne auf die Bühne bringt, dass sich Emotionen nicht mehr ungebrochen leben lassen. Und die Liebe findet keine glückliche Erfüllung mehr, obwohl die Regeln des Genres das vorsehen. „Giuditta“ ist in ähnlicher Weise ein Hybridwerk zwischen Oper und Operette. Beide Werke bleiben zwar wegen ihres Kitschgehalts eine Herausforderung, aber man sollte sie als „Camp“ lesen: ein absichtsvolles Zuviel, mehr jedenfalls als es Reflexion und Verstand zulassen würden. Das passt auch zu Lehárs Persönlichkeit, der von fast unbeschreiblicher Naivität war.

Sie schreiben schon im Vorwort, dass Lehárs Persönlichlichkeit schwer fassbar ist.
Er hat wenig persönliche Dokumente hinterlassen. Die Zeile „Wie’s da drin aussieht, geht niemand was an“ aus dem „Land des Lächelns“ war sein Lebensmotto. Ihm wurden unglaubliche Frauengeschichten nachgesagt, belegt ist aber nichts. Ich habe Briefe zu einer Affäre gefunden, die Lehár auf dem Weg zu einer Aufführung von „Der Graf von Luxemburg“ in London hatte. Da lernte er ein junges Mannequin kennen, das ihm für die Zeit sehr freizügige Fotos geschickt hat, auf denen unter anderem zu sehen ist, wie sie in langen Unterhosen in einem Fluss steht.

Kurt Tucholsky nannte Lehár den „Puccini des kleinen Mannes“. Ist da was dran?
Die beiden waren befreundet und standen sich auch ästhetisch nahe. Das Primat der Melodie verbindet sie, auch die Entwicklung einer Legato-Linie aus einer lang gehaltenen Note. Aber Puccini war, auch wenn man das nicht vermutet, ein Intellektueller, der sehr reflektiert komponierte.

Warum ist die „Lustige Witwe“ so epochal?
Kein Werk des musikalischen Unterhaltungstheaters hatte jemals eine größere Wirkung. Lehár hat Elemente der ernsten Musik wie Erinnerungsmotive in die Warenwelt überführt. Er konnte opernhafte Finali komponieren, die Solo-Nummern sind dafür in ihrem Couplet-Schema viel schlichter als in der klassischen Wiener Operette. Diese Verbindung von Einfachheit mit Raffinement ist typisch für Lehár. Außerdem war das Libretto sehr gut.

Was sind seine Qualitäten?
Hanna Glawari, die Titelfigur, ist eine für damalige Verhältnisse emanzipierte und selbstständige Frau, die ihre Liebesbeziehung aktiv in die Hand nimmt. Das andere Neue war die Verlegung der Handlung in die Gegenwart. Außerdem hat der Adel ausgedient: Die Figuren definieren ihren Status über ihre Vermögen. Außerdem liefert der komödiantische Geschlechterkampf des Liebespaars ein Modell für die Unterhaltungskultur bis zu den Screwball-Comedys der 1930er Jahre.

Hitler mochte diese Operette auch, und das ist leider an ihr und Lehár klebengeblieben.
Louis Treumann, der Danilo der Uraufführung, ist 1943 in Theresienstadt umgekommen, Fritz Löhner-Beda, der Librettist von „Land des Lächelns“ wurde in Auschwitz ermordet. Es gibt keine Dokumente dafür, dass Lehár beide retten wollte, nur Aussagen von Zeitzeugen. Aber er stand zu seiner jüdischen Frau. Politische Ergebenheitsadressen hat er auch nie unterzeichnet. Und am meisten für ihn spricht: Er hat sich auf kein neues Werk mehr eingelassen.

Klaus Mann schrieb nach seinem Besuch kurz nach dem Krieg vergleichsweise nachsichtig über Lehár.
Mann wollte eigentlich mit den in Nazi-Deutschland gebliebenen Künstlern abrechnen. Bei Richard Strauss ist ihm das gelungen, bei Emil Jannings war er schon hin- und hergerissen, aber vor der Arglosigkeit Franz Lehárs musste er kapitulieren.

Wie lernt man Lehár am besten kennen?
Die Aufnahmen von Louis Treumann und Mizzi Günter aus dem Jahr 1906 dürften Operettenfans zu sehr knistern, obwohl ich sie wegen ihrer ungeheuren Theatralität liebe. Die „Lustige Witwe“ mit Elisabeth Schwarzkopf unter Lovro von Matacic ist immer noch sehr gut. Unter von den neueren Aufnahmen würde ich das „Land des Lächelns“ mit Piotr Beczala aus Zürich empfehlen. Und als Wiederentdeckung: die überraschend frech-frivole „Cloclo“ aus Bad Ischl, die demnächst bei cpo erscheint.
   
Stefan Frey: „Franz Lehár. Der letzte Operettenkönig“ (Böhlau, 435 S., 35 Euro). Der Autor hat Klaus Manns Besuch bei Lehár rekonstruiert und mit anderen erhaltenen Interviews des Komponisten zu einem Reenactment ergänzt, das BR Klassik am 1. Mai um 19.05 Uhr und am 2. Mai um 14.05 Uhr sendet

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading