Interview mit Corinna Harfouch zum Film Lara Kunst reinigt, tanzen zu Beethoven erfrischt

Corinna Harfouch als Lara. Foto: STUDIOCANAL / Frederic Batier

Nach seinem preisgekrönten Debüt "Oh Boy"  bringt der Regisseur Jan-Ole Gerster mit "Lara" einen weiteren hochambitionierten Film ins Kino. Die Titelrolle in dieser bittersüßen Charakterstudie spielt Corinna Harfouch.

 

AZ: Was war für Sie der Hauptgrund, Lara spielen zu wollen?
CORINNA HARFOUCH: Ich wollte mal einen Film mit Jan-Ole Gerster machen. Ich finde die Frage blöd!

Wie haben Sie sich Lara denn genähert?
Das Interessante an meinem Beruf ist, dass ich – über die Figuren, die ich spiele – Menschen kennenlerne. Und die lerne ich tief kennen, weil ich mich sehr mit ihnen beschäftige. Diese Figuren suche ich natürlich auch in mir. Bei Lara schwanke ich zwischen Mitleid und Trauer. Trauer, dass sie die Barrieren, die sie so einengen, nicht überwinden kann. Und wenn sie es könnte, würde sie vermutlich vor Schmerzen eingehen. Das ging mir natürlich alles sehr nahe. Als ich den Film dann sah, konnte ich zum ersten Mal mit etwas Distanz auf Lara blicken. Ich finde den Film übrigens fantastisch.

Der Film zeigt Laras große Einsamkeit und Selbstisolation. Haben Sie davon auch etwas in sich selbst gefunden? Und was trennt Sie von Lara?
Ich bitte Sie! Was soll denn das? Was ist das Interessante an so einer Frage?

Ich versuche, Sie in der kurzen Zeit des Interviews etwas näher kennenzulernen.
Sie haben doch sicher schon ein bestimmtes Bild von mir. Um noch einmal auf Lara zurückzukommen: Sie ist ja nicht eine Frau, die ihrem Sohn keine Liebe geben kann. Die allergrößte Nähe, die sie als Mutter ihrem Sohn geben kann, findet in dem intimen Raum über das Klavierspielen statt. Sie sind durch die Musik miteinander verbunden. Und da ich Musik sehr liebe und mich auch sehr damit beschäftige, weiß ich, dass das ein Raum ist, in dem man unendlich intim werden kann. Und ein Mensch, der wirklich von Kindheit an Klavier spielt und jeden Tag vier, fünf Stunden übt, den prägt das natürlich extrem. So, wie es Laras Sohn geprägt hat. Lara wäre sicher selbst gerne Konzertpianistin geworden, ist aber an ihrem eigenen Anspruch gescheitert. Und an der Bewunderung für diesen Raum der Musik. Ihr Kind in diesen Raum mit hineinzunehmen war für sie etwas ganz Besonderes. Ich stelle mir vor, dass sie viele Jahre mit ihrem Sohn am Klavier verbracht hat. Dass sie gemeinsam über Musik gesprochen und sie gemeinsam empfunden haben. Natürlich musste sich der Sohn irgendwann aus dieser Mutter-Sohn-Verbindung befreien. Und das ist eben genau das, was Lara nicht schafft zu verstehen.

"Aus dem Angebot des Lebens ist es wichtig, persönliche Entscheidungen zu treffen. Allerdings geschieht das mehr oder wenig zufällig." Das sagten Sie einmal vor ein paar Jahren in einem TV-Porträt. Gilt das immer noch?
Das würde ich heute so nicht mehr sagen. Man wird ja mit den Jahren immer klüger, und ich weiß, dass ich heute immer weniger ganz bestimmt sagen kann. Aber ich kann ganz bestimmt sagen, dass die großen Entscheidungen in meinem Leben alle instinktiv getroffen worden sind. Es gibt keine rationale, große Entscheidung, die mir gutgetan hätte.

Haben Sie sich schon oft verfühlt?
Oh, ganz oft. Und auch, dass man heftige Empfindungen hat – und übermorgen sind sie schon alle wieder weg. Das gibt es ja auch.

Sie können sich selbst nicht trauen? Aber um mitten im Leben zu stehen – wie Sie als Schauspielerin und Mutter – müssen Sie doch viel Selbstvertrauen haben.
Natürlich habe ich Selbstvertrauen. Aber ich habe auch ein gesundes Misstrauen. Das hilft manchmal, mir selbst auf die Spur zu kommen. Es gibt eine Stimme in mir, die sehr kritisch oder ironisch mit mir spricht.

Sie haben die Gewissheit, dass das, was Sie als Schauspielerin machen, Sinn macht, sagten Sie mal.
Der Sinn liegt vor allem darin, dass ich als Schauspielerin ununterbrochen versuche, mich als Mensch zu begreifen. Und damit auch andere Menschen. Und diese unglaubliche Differenziertheit, die uns alle ausmacht. Ich finde es wichtig, dass man sich immer wieder dagegen wehrt, die Dinge zu vereinfachen. Im Gegenteil: Man sollte die Welt so differenziert und kompliziert wie möglich wahrnehmen.

Wenn Sie Menschen zum ersten Mal in Ihrem Leben begegnen, worauf legen Sie da am meisten Wert?
Dass man miteinander lachen kann. Und dass man entdeckt, worüber man gemeinsam lachen kann. Das ist ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass es eine Art von Gemeinsamkeit zu geben scheint.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie sehr gerne immer wieder in den "Zustand des Wohlfühlens" zurückkommen wollen. Wie können Sie dieses Wohlfühlen herstellen – auf der Bühne, beim Drehen und auch privat?
Ich habe inzwischen tatsächlich fünf Enkel. Wenn ich denen begegne, empfinde ich immer eine große Freude, selbst wenn ich sie nur anschaue. Da fühle ich mich sehr wohl. Diese kleinen Wesen sind ja wie ein Wunder … noch ganz unmittelbar … da bin ich immer komplett entspannt.

Ich finde es sehr erfrischend, wie unverstellt und spontan Sie mir antworten.
Da wird es doch erst interessant!

Sie tanzen gerne zu Violin-Konzerten von Beethoven. Wann haben Sie das letzte Mal dazu getanzt?
Tatsächlich erst vor kurzem. Und das war wie ein Neuanfang. Ich tanze jetzt anders als früher …

Tanzen kann auch eine Art Selbstreinigung sein. Man wird doch täglich verschmutzt.

Ja, absolut.

Diese Art Reinigung hat sogar etwas Heilendes. Das kann zum Beispiel auch die Kunst leisten, oder?

Ja, das reinigt und erfrischt – und macht einen sogar manchmal wieder glücklich. Und es gibt einem die Kraft, weiterzumachen.

Was hat Sie davor bewahrt, verbittert zu werden?

Meine Kinder beispielsweise. Die haben mir sehr viel beigebracht. Aber zum Glück ist man ja nicht jeden Tag verbittert. Oder hasst. Hass ist ein sehr brennendes Gefühl, das einen sehr beherrscht und mit dem man sich oft selber schadet. Ich kenne das Gefühl gut. Aber man muss versuchen, sich davon zu lösen. Zum Beispiel: In meinem Dorf gibt es viele Dinge, die ich nicht so gut finde. Aber wenn ich da mit meinem Interesse näher herangehe, dann kann ich mich sogar mit den Reichsbürgern unterhalten.

Das wollen Sie wirklich?
Ja, unbedingt! Das ist das Projekt, das ich für meine Zukunft habe. Wir können doch nicht so weitermachen wie bisher. Wir, die wir die Fähigkeiten haben zu kommunizieren, müssen sie auch dafür nutzen.

Ist das nicht Zeitverschwendung?
Nein. Denn wir dürfen sie nicht länger ignorieren, was wir ja meistens tun. Es gibt den evolutionär-psychologischen Begriff "Bestätigungsfehler". Das heißt, wir sind nicht in der Lage, die andere Gruppe nicht zu hassen, für ihre Ansichten und wie sie die Welt sehen. Dieses Verhalten ist damals entstanden, als wir noch die Jäger und Sammler waren. Da war das eine Überlebensnotwendigkeit. Da musste man die eigene Gruppe stärken. Aber heutzutage? Wir glauben ja alle, dass wir jederzeit jeden Punkt von allen Seiten betrachten können und dann in der Lage sind, zu entscheiden, wie wir ihn sehen und was wir daraus machen. Das ist leider ein Irrtum.

Sind Sie religiös? Oder ist die Kunst oder die Sprache eine Art Religionsersatz für Sie?
Die Sprache ist eine Religion. Ich mag zwar den Begriff nicht, aber er dient wohl zum besseren Verständnis. Alle Religionen sind eine vom Menschen ausgedachte Angelegenheit. Damit will ich sie gar nicht niedermachen, denn wir haben Religionen ja anscheinend bitter nötig – als etwas, an das wir glauben und an dem wir uns festhalten können. Das dient ja auch der Verständigung … Ich habe eine Freundin, die ist Pfarrerin, und von ihr versuche ich mir immer wieder erklären zu lassen, wie das bei den Christen so ist. Ich glaube zutiefst an die Möglichkeiten und den Sinn von Sprache. Einerseits, um uns selber verstehen zu können, andererseits, um das Komplizierte, das man selbst ist, den anderen mitteilen zu können. Und natürlich auch zu empfangen, was sein Wesen ist. Ich glaube an den Reichtum und die Schönheit von Sprache. Mein Lieblingsschriftsteller ist zum Beispiel Marcel Proust.

Sind Sie schon einmal erschrocken, als Sie jemanden so gesehen haben, wie er wirklich ist?
Nein, für mich ist das immer ein großes Geschenk, wenn sich mir ein Mensch so zeigt, wie er ist. Ich denke oft: "Du warst doch mal ein kleines Kind!" Und dieses kleine Kind – das ist doch der Mensch, wie er wirklich ist. Ich meine damit in der Vielfalt seiner Möglichkeiten. Und es heißt doch noch lange nicht, dass, wenn jemand diese eine Straße eingeschlagen hat, das ganze Gelände um ihn ringsherum tot ist.

Ist für Sie die Liebe das stärkste Gefühl im Leben?
Auf jeden Fall. Liebe – das bedeutet ja auch, dass man die Fähigkeit zu lieben nicht verneint. Und das ist schwer genug, im Alltag. Wenn ich den Moment sehe, in dem der wahre Mensch zum Vorschein kommt, bereitet mir das jedes Mal große Freude.

"Lara": R: Jan-Ole Gerster (D, 98 Minuten)


 
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