Interview mit 68er-Ikone Jutta Winkelmann: Mein Leben mit Krebs

„Die ganze Zeit am Abgrund“: Jutta Winkelmann erzählt im AZ-Gespräch, wie sie mit ihrer schweren Krebs-Erkrankung umgeht. Foto: Gregor Feindt

Brustkrebs, sagt sie, habe sie damals noch locker weggesteckt. Nun hat sie Metastasen im Genick, im Kopf, im Unterleib. In r AZ erzählt sie berührend, wie sie mit ihrem Schicksal umgeht

 

München - Es duftet nach saftigem Fleisch, Rotwein wird nachgeschenkt, die Gäste reden laut, lachen – und die Weihnachtsdeko funkelt im Sonnenlicht von draußen. Hier im „Theresa“ herrscht Lebensfreude. Und ausgerechnet hier möchte sich Jutta Winkelmann (64) treffen.

Die 68er-Ikone, berühmt geworden mit ihrer Zwillingsschwester Gisela Getty durch ihre Freizügigkeit und die Kommune mit Rainer Langhans, sorgte zuletzt mit ihrem Blog für Schlagzeilen. Im Internet veröffentlichte sie schonungslos offen Berichte über ihre Krebs-Erkrankung. Das Tagebuch einer Todgeweihten – wie sie sich dort selbst mal beschrieb (AZ berichtete).

Jutta Winkelmann, die die Freiheit so liebt(e), ist nun abhängig von Ärzten, Befunden, Medikamenten, Infusionen, Bestrahlung – und der eigenen Angst. Zum ersten Mal möchte sie jetzt über das Horror-Jahr sprechen, das zu einem der besten Jahre für sie wurde. Als sie das Steak-Lokal betritt, sieht die überzeugte Vegetarierin aus wie das blühende Leben. Die vormals ausgefallenen Haare sind nachgewachsen, die Augen funkeln.

AZ: Frau Winkelmann, wie geht es Ihnen?

JUTTA WINKELMANN: Ich beiße die Zähne zusammen. Gerade habe ich so wenig Schmerzen, dass ich sogar meine kurzen, dünnen Haare bejammern kann. Durch das haarwurzelschädigende Tamoxifen, ein Antihormon, fielen sie mir büschelweise aus – wie auf Chemo. Ich schnitt sie dann ab und fühlte mich meiner Weiblichkeit beraubt. Ich war richtig sauer, dass man mir so den Krebs auch noch ansehen konnte. Jetzt sind sie etwas nachgewachsen. Ich habe Glück im Unglück, schramme die ganze Zeit am Abgrund entlang.

Wann sahen Sie den Abgrund?

Im Januar 2012 bekam ich so wahnsinnige Rückenschmerzen. Ich bin zu zig Orthopäden, die mich alle eingerenkt haben, aber es wurde nicht besser. Ein Arzt hatte von meiner Brustkrebserkrankung gelesen. Vor zwölf Jahren musste mir eine Brust amputiert werden, aber ich galt immer als das Wunder, das es ohne Chemo geschafft hat.

Sie waren seitdem regelmäßig bei der Vorsorge?

Ja, klar. Alles war immer bestens. Gute Blutwerte, ich wurde jedes Mal regelrecht aus der Praxis geworfen. Nach dem Motto: „Was wollen Sie hier? Da ist doch nichts.“ Und plötzlich war da was. Meine Knochen waren schon durchgebrochen, zwei Wirbel weggefressen. Der Krebs war lange gewachsen, an zwei Stellen sechs Zentimeter groß, niemand hatte ihn gesehen. Ich musste sofort operiert werden, bekam Zement in den Rücken. Es folgte Bestrahlung. Vor meiner ersehnten Indien-Reise – ich wollte nicht daheim sitzen und jammern, sondern was erleben – ein Jahr später ging es mir so weit ganz gut, es war zumindest nichts nachgekommen.

Nach zwölf Jahren die zweite Krebs-Diagnose – wie war Ihre erste Reaktion?

Ich war total aus dem Häuschen, viel geschockter als beim ersten Mal. Den Brustkrebs habe ich locker weggesteckt, weil ich mir eh immer alles zugetraut habe. Seitdem hatte ich auch gesünder gelebt. Nur am Schluss habe ich wieder die Nächte durchgemacht, Süßes gegessen und Alkohol getrunken. Weil ich mich so gut gefühlt habe. Und dann das. Ich hatte eher an einen Bandscheibenvorfall gedacht als an Krebs. Ich verkroch mich daheim, aber Gisela merkte schnell, was los war. Die Zwillingsschwester kann man nicht täuschen.

Warum ich? Ist das die erste Frage, die einem durch den Kopf schießt?

Tja, schon. Aber genauso gut könnte ich auch fragen: Warum nicht ich? Ich habe mich eher gefragt, was ich falsch gemacht habe. Ich fühlte mich wie ein beschissener Loser. Haben Sie denn Ihrer Meinung nach etwas falsch gemacht? Ja, ich denke schon. Ich wollte mir selbst die Computer-Welt beibringen, Motherboard einbauen, Photoshop lernen, Quellcodes schreiben. Ich war jahrelang nur vorm Computer gesessen, wollte mich im Internet kreativ austoben können und habe mich zwar vegetarisch, aber zu süß ernährt. Krebs liebt Zucker, da wuchert er schneller. Ich war in der ganzen Zeit nie in der Sonne, habe mich kaum bewegt.

Nach der Indien-Reise wucherte der Krebs bei Ihnen noch mehr.

Ich habe Unmengen an süßen Chais getrunken, war in Indien richtig größenwahnsinnig. Plötzlich tat mein Genick weh, sehr ungemütlich. Ich ging zum Arzt, die Ungewissheit ist grauenhaft, kaum auszuhalten. Er rief mich kurz darauf an und sagte: „Es ist leider weiter gegangen. Viel weiter.“ Er hat noch etwas im vierten, fünften, sechsten Wirbel gefunden, alles sehr weit schon, weil der Krebs schnell wachsend ist. Und im Genick noch, im Jochbein, im Unterleib. Immer stückchenweise mehr. Im Kopf auch. Ganz schrecklich. Ich war so geschockt, konnte gar nicht weinen. Ich wurde ganz eisig. Irgendwann auch wütend, habe mich gleich mit meinen Freundinnen zerstritten.

Sie brauchten ein Ventil.

Absolut. Das Genick ist eine prekäre Stelle – ich hatte prompt Angst, gelähmt zu sein. In der Schädeldecke habe ich drei Metastasen, eine davon sehr groß, die sitzt schon auf der Hirnhaut. Zum Glück nicht im Gehirn. Und nicht in den Organen. Toi, toi, toi (sie klopft auf den Holztisch). Manchmal kann ich meine Metastasen im Kopf richtig spüren.

Kann man gegen die Metastasen irgendetwas machen?

Nee, die Metastasen im Kopf kann man nicht entfernen. Es ist eher so, dass sich der Knochen zersetzt, das ist sehr diffus. Den Kopf haben sie mir auch nicht bestrahlt. Ich krieg noch so Zeug, das die Knochen härtet. Das tut gemein weh. Aber da hoffen wir jetzt, dass es den Krebs so ein bisschen aus den Knochen raustreibt.

Frau Winkelmann, Sie erzählen das alles wahnsinnig tapfer, fast gelassen. Andere würden durchdrehen. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Es gab auch sehr viele tiefschwarze Momente. Momente, wo ich dachte, ich würde verrückt werden, das alles nicht mehr aushalten. Es ist irreal. Das ist alles eine heftige Erfahrung, man wird zu einer einsamen Monade. Plötzlich vervollständigt man jeden Satz mit „... aber dann bin ich tot“. Es ist so, als würde über mir immer ein Zettel hängen, auf dem steht: „Erlebst du nicht mehr.“ Natürlich muss irgendwann jeder sterben, aber wenn einem deutlich wird, dass es bei einem sehr viel schneller gehen soll, kommt man in einen sehr eigenartigen psychischen Zustand. Es ist alles so wie früher – aber gleichzeitig ist nichts mehr wie früher.

 

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