Internationales Dokumentarfilmfestival Daniel Sponsel über das Online-DokFest

Festivalleiter Daniel Sponsel. Foto: DOK.fest München

Das Internationale Dokumentarfilmfestival München startet diese Woche erstmals als Onlinefestival

 

Zwei Monate lang war der Blick auf die Welt nahezu monothematisch auf Corona beschränkt, nicht nur deswegen ist es großartig, dass am Mittwoch das Internationale Dok.fest München startet. Das Festival, das unter der Leitung von Daniel Sponsel zu Deutschlands größter Bühne für den Dokumentarfilm geworden ist, zeigt vom 6. bis zum 24. Mai 121 Filme. Allerdings wird es in diesem Jahr nur online stattfinden, da es immer noch ein Veranstaltungsverbot gibt und alle Kinos geschlossen sind.

AZ: Herr Sponsel, ist Ihr Dok.fest eine Corona-freie Zone?
DANIEL SPONSEL: Nein, wir haben auch einen Corona-Film im Programm: „Corona Diaries“, der wahrscheinlich erst heute fertiggestellt wird und bei uns Weltpremiere hat. Es ist ein Tagebuchfilm, der multiperspektivisch und persönlich von verschiedenen Menschen weltweit in dieser besonderen Zeit erzählt, beispielsweise von einem Sanitäter in Italien, einer Ärztin in Paris oder einem afghanischen Mädchen im Flüchtlingslager.

Sie mussten sich im März entscheiden, ob Sie Ihr Festival absagen oder ins Internet verlagern.
Wir hätten ja auch verschieben können, sind jetzt aber sehr froh, dass wir diese Karte nicht gezogen haben, weil es dann ja wieder Ungewissheit gegeben hätte, ob wir stattfinden können. Selbst Festivals, die auf den November terminiert sind, gehen davon aus, dass sie nicht so stattfinden können wie geplant. Es war also klug, nicht zu verschieben. Und eine Absage war für mich keine Option, denn das heißt ja, dass alle Filme verschwinden, die finden dann ja nicht alle woanders statt.

Gibt es eigentlich andere Festivals, die etwas Ähnliches schon gemacht haben?
Es gibt zwei Festivals, die vor uns schon ganz schnell reagiert haben, das war das Festival in Vilnius und ein sehr großes Dokumentarfestival in Kopenhagen. Wir haben uns angeschaut, wie die das bewerkstelligen und haben auch mit denen gesprochen. Aber wir wollten natürlich auch unseren eigenen Weg gehen und bemühen uns, so viel wie möglich vom Festival online zu retten – auch die Struktur der Filmreihen, die Vergabe der Preise und die Filmgespräche mit den Machern. Aber natürlich wäre mir eine direkte Begegnung mit Publikum und Filmemachern lieber.

Was sind denn die Erfahrungen aus Kopenhagen und Vilnius?
Die hatten dafür, dass sie ihre Festivals so schnell online auf die Beine stellen mussten, eine gute Resonanz. Sie haben ähnliche Zahlen erreicht wie im Jahr zuvor, als ein regulärer Betrieb möglich war. Wir hatten im letzten Jahr mit 52 000 Zuschauern einen neuen Besucherrekord, den ich dieses Jahr gerne auf 55 000 gesteigert hätte. Wir können aber optimistisch hoffen, dass wir Abrufzahlen in ähnlicher Höhe bekommen. Wir haben nur sehr wenige zeitliche Einschränkungen von Filmemachern, die den Film noch weiter auswerten wollen und müssen, das betrifft zwölf von 121 Filmen. Der Vorteil des digitalen Festivals ist jetzt, dass man alle anderen Filme über einen Zeitraum von 18 Tagen zu jeder Zeit sehen kann. Man ist halt online nicht an eine Uhrzeit oder einen Ort gebunden.

Da der Filmfan ja keine physische Präsenz in einem Münchner Kino mehr benötigt, ist die Zielgruppe für das Dok.fest jetzt deutschlandweit.
Die erste Aufgabe ist die, unsere treuen Zuschauer vor Ort zu erreichen und davon zu überzeugen, den Schritt ins Digitale mitzugehen. Das werden nicht alle tun, aber ich hoffe doch, dass es sehr viele sein werden. Daneben haben wir natürlich jetzt die Chance, noch weiter zu denken, nur ist das halt erstmalig so. In Hamburg oder Kiel ist das Dok.fest München eher unbekannt, und wir müssen schon sehr viel dafür tun, dort in kurzer Zeit Menschen zu erreichen. Allerdings sind unsere Werbemittel auch sehr beschränkt, wir können nicht in allen großen Städten Deutschlands plakatieren. Aber wir gehen natürlich an die Presse, die Blogs, die Multiplikatoren.

Was kostet jetzt der virtuelle Kinobesuch?
Jeder Film kostet 4,50 Euro oder 5,50 Euro inklusive des Solidar-Euros für die Partnerkinos, die dieses Jahr nicht dabei sein können. Das wären das Maxim, City/Atelier und Rio. Der Festivalpass für alle Filme kostet 50 Euro. Die Preise sind also deutlich niedriger als im Vorjahr.

Aber teurer als beispielsweise ein Netflix-Monatsabo.
Es ist uns aber ganz wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass Kultur im Internet nicht frei verscherbelt werden kann. Ich finde es sehr problematisch, dass in Corona-Zeiten so viel Kultur gratis ins Netz gestellt wird. Das raubt den Filmemachern auf Dauer die Lebensgrundlage.

Filmemacher sind engagierte Menschen, die oft mit ihren Filmen politische Missstände thematisieren. Gibt es auch unterhaltende Filme auf dem Festival, die vielleicht eine Ablenkung bieten?
Sehr viele sogar, wir suchen ja in der Programmauswahl auch immer sehr gezielt eine Balance zwischen schweren Themen und unterhaltsamen Stoffen, die relevant sind. Wir haben in diesem Jahr beispielsweise den sehr schrägen Film „Swinger – Die wunderbare Welt des Partnertauschs“ im Programm. Unterhaltsam ist aber auch die Charakterstudie über Donald Trump und dessen Persönlichkeitsstörung. „Die Heimreise“ würde ich ebenfalls empfehlen, ein Film über zwei junge Männer, die geistig ein wenig gehandicapt sind. Sie arbeiten in einer Inklusionsgemeinschaft in Niedersachsen und machen sich gemeinsam auf die Reise nach Berlin. Das ist wirklich eine zärtlich-skurrile Dokumentation.

Was bieten Sie an, außer dem Anschauen des Films?
Wir haben für über 80 Filme Künstlergespräche geführt und produziert. Man kann sich bei diesen Filmen die Filmgespräche auch kostenlos anschauen, bevor man sich dann entscheidet, den Film zu kaufen. Und mit den Filmgesprächen machen wir eine positive Erfahrung. Aufgrund unseres Budgets haben wir zu den Filmen bisher immer nur einen Kreativen nach München einladen können. Jetzt führen wir online manchmal Filmgespräche mit drei oder vier Menschen, nicht nur mit dem Regisseur, sondern auch den Protagonisten oder Kameraleuten. Das sind ganz tolle Gespräche, die wir so auf der Bühne sonst gar nicht umsetzen konnten.

Am Mittwochabend eröffnet das Internationale Dokumentarfilmfestival live aus dem leeren Deutschen Theater mit dem Film „The Euphoria Of Being“. Warum haben Sie diesen Film ausgewählt?
Wir hatten zahlreiche Einsendungen aus der ganzen Welt von Filmen, die sich mit Zeitzeugen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen, weil es ja auch bald die letzte Chance ist, mit ihnen noch zu drehen. Wir haben uns deshalb entschlossen, daraus eine Themenschwerpunktreihe mit sieben Filmen zu machen. Aus diesen Filmen hat sich dann „The Euphoria Of Being“ über die 90-jährige Holocaust-Überlebende Éva Fahidi als Eröffnungsfilm herauskristallisiert. Sie tanzt ihre eigene Geschichte. 

 

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