Intendant Tilch im AZ-Interview Stadttheater Landshut - droht ohne Geld für die Sanierung das Aus?

In dieser Interimsspielstätte laufen momentan die Produktionen des Landshuter Stadttheaters. Lange hält das Zelt jedoch laut Intendant Stefan Tilch nicht mehr durch. Foto: Hagn

Die Stadt Landshut ist klamm – und schlägt vor, die Stadttheater-Sanierung auf Eis zu legen. Für Stefan Tilch, den Intendanten des Landestheaters Niederbayern, ist die Botschaft eine Katastrophe. Im AZ-Interview äußert er sich zu den Konsequenzen einer ausbleibenden Restaurierung des Gebäudes.

 

Landshut - Noch zur Spielzeiteröffnung im September sagte ein Stadtrat zu Intendant Stefan Tilch: "Jetzt geht es ja dann bald los mit der Sanierung." Doch losgehen könnte es jetzt gar nicht. In der Haushaltsklausurtagung wurde von der Verwaltung vorgeschlagen, die Sanierung des Theaters auf Eis zu legen, weil kein Geld da ist. Für Tilch ist das nun ein Schlag ins Gesicht.

Die AZ hat sich mit ihm gestern im Theaterzelt getroffen.

AZ: Herr Tilch, haben Sie sich von dem Schock am Freitag schon erholt?
STEFAN TILCH: Ich sehe mittlerweile auch die einzig positive Seite: Dass die Aussage so klar ist. Also, ich wüsste nicht, wie wir uns verhalten sollten, wenn die Meldung aus dem Rathaus gewesen wäre: "Ihr müsst noch mal ein Jahr warten." Dann würde sich einfach diese Hängepartie, die sich seit zehn Jahren im Kreis dreht, wieder Runde um Runde weiterschleppen. Aber die Aussage, wir blasen das jetzt ab, ist so deutlich, dass wir jetzt auch in der Lage sind, genauso deutlich zu antworten: Wenn ihr das tut, ist das Theater erledigt und der Zweckverband Landestheater Niederbayern noch vor seinem 70. Geburtstag 2022 tot.

Aber es ist ja vorerst nur ein Vorschlag der Verwaltung...
Und ich kommentiere ihn, indem ich auf die Konsequenzen dieses Vorschlags aufmerksam mache, die vermutlich vielen Stadträten so nicht bewusst sind. Der Vorschlag beinhaltet das Aus für Niederbayerns größte kulturelle Einrichtung, also auch für die Theater in Straubing und Passau.

In diesem Zelt sehen Sie also über die nächsten fünf Jahre hinaus keine Zukunft mehr?
Ich sehe noch genau diese fünf Jahre, die bis letzte Woche der Zeitplan waren für die Bernlochner-Sanierung. Die würden wir versuchen, mit zusammengebissenen Zähnen noch irgendwie durchzustehen. Es ist so, dass wir hier seit sechs Jahren ausharren unter extrem unwürdigen Bedingungen und arbeitsrechtlich hochgradig prekären Verhältnissen.

Wir haben hier eine nicht funktionierende Kanalisation und dadurch andauernden Fäkalgestank im ganzen Gebäude, wir haben Ratten unterm Gelände, die verenden und bestialisch vor sich hin stinken. Wir haben Temperaturschwankungen. Im Sommer kriegen wir sofort 40 Grad, wenn es draußen nur 25 Grad hat, und wenn im Winter wie so oft eine Heizung ausfällt, sind es halt null Grad. Und bei Regen waten wir zur Probebühne durch tiefe Pfützen. Dazu kommt noch der Lärm.

Der Lärm?
Das ist mit das Schlimmste. Das Publikum bekommt nur die Spitzen mit, wenn gegenüber ein Hardrock-Konzert ist, eine kurdische Hochzeit, ein Fußball Public Viewing oder eine Zirkusvorstellung. Wir aber haben das den ganzen Tag, müssen uns häufig bei Proben anschreien, weil draußen eine Messe auf- oder abgebaut wird oder Mähdrescher und Schneepflug hin- und herfahren.

Tilch fürchtet drohende Maßnahmen der Gewerkschaft

Das klingt ja schrecklich.
Ja. Wir machen nämlich eine intime Arbeit, wir suchen feine Emotionen und ziehen unsere Seelen voreinander aus. Wir haben das alles bis jetzt im Vertrauen auf die Stadt Landshut und ihr immer erkennbares wohlwollendes Bemühen um einen baldigen Rückzug in die Stadt durchgehalten, haben immer gute Miene zum bösen Spiel gemacht und versucht, das Beste aus der Zeltsituation zu machen. Dabei spürten wir auch sehr viel Rückenwind aus der Bürgerschaft, wir haben steigende Zuschauer- und Abonnentenzahlen, der Freundeskreis ist bei über 1.000 Mitgliedern und wächst weiter.

Wenn jetzt aber die Aussage der Stadt Landshut ist: "Ihr bleibt jetzt da im günstigsten Fall bis 2032", dann bricht das gebrochene Versprechen der Stadt voraussichtlich diesen Durchhaltewillen. Der Konsens, dass die Mitarbeiter im Vertrauen auf eine rasche Lösung diese unzumutbaren Arbeitsbedingungen einfach hinnehmen, wird so nicht halten. Die Gewerkschaft hat mir gegenüber schon angedeutet, dass – falls sich der Vorschlag der Verwaltung durchsetzt – , hier arbeitsrechtlich einiges auf den Prüfstand kommen wird. Und wir, die Theaterleitung, die juristisch Zustände verantworten muss, die sie nicht verantworten kann, weil das Zelt ja der Stadt Landshut gehört, werden dann nichts mehr einfordern, was nicht zumutbar ist. Keine Proben bei 35 Grad und keine Vorstellungen beim Hardrock-Konzert.

Was hätte das für Konsequenzen?
Wir müssen Premieren verschieben, ganze Produktionen fallen aus und zwar nicht nur hier, sondern auch in Straubing und Passau. Damit gehen unsere Einnahmen runter und am nächsten Tag werden wir uns genau die Dinge, die für unser Publikum am attraktivsten sind, nicht mehr leisten können. Also fallen die Burgenfestspiele aus, der Ring wird abgebrochen und Musicals sind Geschichte. Das weitergesponnen, sind wir in zwei Jahren am Ende.

Hat mit Ihnen im Vorfeld irgendjemand gesprochen, dass diese Sanierung möglicherweise auf Eis gelegt werden muss?
Es gab Hinweise, dass solche Überlegungen im Raum stehen, aber nicht in diesem Ausmaß.

Empfinden Sie unter diesen jetzigen Voraussetzungen den großen Ideen-Wettbewerb im Februar nicht als Hohn?
Nicht nur der Wettbewerb, seitdem sitzen wir alle drei Wochen bei einem Bauherrenjourfixe im Rathaus und haben tausende von Arbeitsstunden investiert, um diesen Entwurf weiter zu entwickeln. Ich bewege mich innerlich seit Monaten in dem neuen Komplex. Und jetzt sagt man: Es kommt nicht, das ist ein Schlag ins Genick. Aber das ist nur mein persönliches Problem und tut nichts zur Sache. Der Punkt ist: Es muss etwas passieren. Und der vorliegende Plan, den der Oberbürgermeister ja persönlich mit großer Weitsicht entwickelt und vorangebracht hat, ist schlicht und einfach die einzig sinnvolle, dauerhaft wirtschaftliche und zukunftsweisende Maßnahme.

Aber können Sie sich denken, wieso man das überhaupt noch gemacht hat? Diesen Wettbewerb?
Ich vermute, dass man das wirklich machen wollte und eigentlich noch machen will und dass man das Ausmaß der städtischen finanziellen Probleme nicht richtig eingeschätzt hat. Aber tatsächlich freue ich mich jeden Morgen einmal kurz, dass ich nicht der Kämmerer von Landshut geworden bin, sondern Theatermacher.

Wie hat denn Ihre Theatermannschaft reagiert, nachdem der Vorschlag der Stadt am Freitag bekannt wurde?
Mittlerweile hatten wir mit den meisten Mitarbeitern Kontakt und mein Eindruck ist, dass wir Einigkeit darüber erzielen werden, dass es jetzt eine große öffentliche Aufmerksamkeit zugunsten des Theaters geben muss. Aber eine Mitgliederversammlung haben wir erst heute.

Tilch verärgert: "Ich höre immer: Die Stadt hat kein Geld"

Was ärgert Sie am meisten?
Dass ich immer höre: "Die Stadt hat kein Geld". Vor 15 Jahren baten wir um eine Tür mit Wärmedämmung, um Menschen an der Kasse vor Kälte zu schützen, Kostenpunkt 600 Euro. Auch damals habe ich diesen Satz schon gehört. Und genau deswegen sitzen wir jetzt da. Ich weiß nicht, wie die Stadt Passau es macht, die ihr Theater vorbildlich pflegt, wo der OB seine Hausherrenfunktion wirklich wahrnimmt und wo sämtliche notwendigen Erneuerungen und Reparaturen in Windeseile und völlig geräuschlos vonstattengehen. Wir hatten eine Hochwasserkatastrophe dort, ein komplett zerstörtes Theater. Und der OB stand mit uns im Schlamm und hat mitgeschaufelt und das Motto "Theater zuerst" vorgelebt. Genau drei Monate später war das Theater wieder spielfertig hergerichtet. Ich wusste gar nicht, dass Passau so viel reicher sein soll als Landshut, ich unterstelle, dass dort einfach dem Theater gegenüber ein ganz anderer politischer Wille herrscht.

Wenn Sie am frisch renovierten Landshuter Eisstadion vorbeifahren: Was denken Sie sich da?
Ich freue mich für die Eishockey-Fans, das ist ja wunderbar. Eine Stadt braucht ein Stadion, eine Stadt braucht ein Schwimmbad, eine Stadt braucht Infrastruktur und Straßen. Natürlich. Aber wir erwarten, dass man uns die gleiche Liebe und Aufmerksamkeit, die man all diesen Punkten zuwendet, eben auch mal angedeihen lässt und den Willen demonstriert, das Theater angemessen zu unterstützen und dahin zu tun, wo es hingehört. Ins Stadtzentrum, in ein angemessenes Gebäude, das die nächsten 100 Jahre hält. Das nicht zu machen, heißt ja, sich komplett auf Schlafstadt zu verlegen und zu sagen: Was immer an Kultur der Landshuter konsumieren will, erledigt halt der Zug nach München.

Wenn ich mir das so anschaue, dann wird es das Theaterzelt sowieso nicht mehr lange machen.
Wie gesagt, es geht eigentlich jetzt schon nicht mehr mit dem Gestank und der Belastung. Auch die Plane hält nicht mehr lange, die war auf fünf Jahre ausgelegt und müsste jetzt erneuert werden. Böden brechen durch. Vergangenen Donnerstag wurde das Zeltdach am Foyer geklebt. Klebeband ist hier Realität.

Noch eine ganz persönliche Frage. Wenn am 6. Dezember im Haushalt der Vorschlag der Verwaltung angenommen wird, die Sanierung auf Eis zu legen: Sehen Sie dann noch eine Zukunft für sich selbst am Landestheater?
Es geht nicht um mich, das Theater geht dann mit mir oder ohne mich zu Bruch. Was mich persönlich enttäuschen würde, ist, dass ich eine Vertragsverlängerung nach der anderen gemacht habe in der Hoffnung, in der nächsten Legislaturperiode eröffne ich ein neues Theater.

Denken Sie, dass mit Ihnen dann manch Angestellter sagt: Dann höre ich auch auf?
Das wird nicht nötig sein, weil es sich von selber erledigt. Diesen Zweckverband gibt es dann nicht mehr lange. Der steht nur auf den drei Beinen Landshut, Straubing und Passau zusammen. Wenn Landshut jetzt ausschert, ist es bald mit dem Zweckverband vorbei.

Lesen Sie hier: Innenstadtschutz oder Gewerbesteuer? Das Decathlon-Dilemma

 

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