Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Knabenliebe unterm Deckmantel des Cäsaren

Carlo Alemanno (Tito) und das römische Volk. Foto: Rupert Larl

Wolfgang Amadeus Mozarts „La Clemenza di Tito“ eröffnet die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

 

Tito will noch ein bisschen kuscheln. Mit dem jungen Sesto ist’s gar so schön unterm Regentenmantel. Doch der spürt keine Körperlust auf den väterlichen Freund[/INI_3], vielmehr hat die throngierige Vitellia dem kaiserlichen Herzbuben den Kopf verdreht. Sie sinnt auf Rache, denn der heiratswillige Herrscher zieht ihr andere Damen vor. Ein zugkräftiges Dreiecksdesaster also, aus dem Mozart seine „Clemenza di Tito“ gestrickt hat – bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck hatte sie jetzt Premiere.

Man braucht nicht viel Fantasie, um die Homophilie dieses Gutmenschen-Cäsaren aus dem Libretto zu fieseln. Nur fängt Christoph von Bernuth, inszenierender Opernchef des Festivals, damit nicht wirklich etwas an auf seiner studententheaterhaften Bühne (und Kostüme: Oliver Helf). Der Regent wider Willen geht auf einem monströsen Küchenstuhl den Geschäften nach, wo er doch lieber drunten bei den Untertanen Privatmann wäre. Deshalb muss sich Carlo Allemano im Schlafanzug durch die Szenen schleppen. Was sich dann leider auch auf die Stimme niederschlägt.

Ansonsten wird plakativ gezickt und in Alltagsklamotten marschiert, gehen Tito-Fähnchen in die Höhe und verzweifelte Körper zu Boden. Und das Papp-Kapitol brennt, als dürften Vierjährige an Silvester mit Papi Knallfrösche zünden. Was amüsant sein könnte, würde Bernuth die Sache mit Ironie oder wenigstens einem Augenzwinkern angehen.

Allzu gerne hätte man sich an Mozarts traumhafter Musik hochgehangelt, doch die feinen Früchte hingen zu weit oben. Dazu hatte Alessandro De Marchi, der künstlerische Leiter und Nachfolger von René Jacobs, nicht die originale, sondern die Fassung des Wiener Kärntnertortheaters von 1804 ausgewählt. Ein musikologisch interessanter Versuch, der Einblick in die Aufführungspraxis der Mozart- und Folgezeit gewährt, wo oft vogelwild dazu komponiert und ornamentiert wurde.

Allerdings haben die Arien von Joseph Weigl und Johann Simon Mayr lange nicht Mozarts Glanz, in all den Girlanden verpuffen Pointen und Inhalte. Wobei das Orchester der Academia Montis Regalis auch nicht den besten Abend hatte. Intonation und Balance mit der Bühne ließen zu wünschen übrig. De Marchi preschte erst durch die Ouvertüre, um im Verlauf immer mehr zu dehnen. Unter den Sängern (Kate Aldrich, Nina Bernsteiner, Marcell Bakonyi) stach nur Ann-Beth Solvang als Annio wirklich heraus.

Für ein Alte-Musik-Festival, das nach internationaler Aufmerksamkeit strebt, ist das ziemlich dürftig. Aber die Festwochen haben eben erst begonnen. Da ist also noch einiges drin.

Innsbrucker Festwochen, bis 25. 8., „La Clemenza di Tito“: heute und Sonntag, Telefon 00 43-1-880 88

 

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