Initiative "Ich kann kochen" Deshalb kocht Sarah Wiener jetzt mit Schulkindern

Am Herd stehen heute die kleinen Köche: Sarah Wiener schaut zu und gibt Tipps, wie man das Gemüse am besten anbraten kann. Foto: Lukas Barth

„Ich kann kochen“ – das ist ein Projekt der Sarah-Wiener-Stiftung und der Barmer, das aus Lehrern und Kindern Küchenchefs macht.

 

München - Madonna (9) macht große Augen. Vor ihr liegen auf einem Schneidebrett kleine Tomaten, gelbe, fast schwarze. Neben ihr steht Sarah Wiener, Köchin, Stifterin und Botschafterin des guten Geschmacks. „Wie viele Tomatensorten gibt es auf der Welt?“, fragt Wiener. „Vielleicht 100“, sagt Madonna. Ihre Klassenkameraden aus der 3b der Grundschule an der Pfeuferstraße in Sendling schätzen sogar noch weniger. „Es sind weltweit 20 000“, sagt Wiener dann, „könnt ihr euch das vorstellen?“ Da bläst Madonna ungläubig ihre Backen auf.

Kinder sollen lernen, wie man aus Frischem Gutes zubereitet

Natürlich kommt eine Starköchin nicht einfach so in eine Münchner Grundschule. Sie hat ein Ziel: Ihre Stiftung bildet in Zusammenarbeit mit der Barmer GEK kostenlos Lehrer fort. Die sollen Genussbotschafter werden und mit ihren Schülern Kochkurse veranstalten. In den kommenden fünf Jahren will man so 1,4 Millionen Schüler erreichen – nicht nur in München.

Interessierte Schulen können sich bei der Stiftung für das „Ich kann kochen“-Programm bewerben. Wiener, aber auch Stadtschulrätin Beatrix Zurek halten derartige Projekte für dringend notwendig: „Ernährung ist wichtig, fällt aber oft hinten runter.“ Viele Kinder würden daheim nicht mehr vermittelt bekommen, dass Erbsen und Möhren nicht nur aus der Dose kommen.

Gesunde Ernährung Kindern nahezubringen, ist aber aus anderen Gründen wichtig:

1. Weil Hännschen zu Hans wird: Ernährungsgewohnheiten werden im Kindesalter leicht erlernt und im Erwachsenenalter schwer wieder verlernt. Nach dem zweiten Lebensjahr sind Nährstoffmuster im Wesentlichen stabil. „Es ist wichtig, unseren Kindern gutes Essen beizubringen“, sagt Wiener. Eltern und Lehrer sind Vorbilder. Wenn sie es schaffen, dass Kinder Gesundes mit Genuss und Freude am Essen verbinden, tut man den Kleinen noch etwas Gutes, wenn sie schon groß sind.

2. Weil man Geschmack lernen muss: Als Säuglinge können Kinder nur salzig, bitter, süß und sauer unterscheiden. Erst im Heranwachsen wird es mehr. „Geschmack wird geschult“, erklärt Wiener. Kinder sollten deshalb eine Vielfalt an Lebensmitteln kennenlernen – und am besten möglichst wenig stark verarbeitete Industrieprodukte. „Wer an künstliche Lebensmittel in der Kindheit gewöhnt wird, wird sie auch im Erwachsenenalter vorziehen“, sagt Wiener. Sie berichtet von Schulkindern, die künstlichen Erdbeerjoghurt (ohne ein Stück frische Erdbeere) Naturjoghurt mit Erdbeeren vorziehen – weil der süßer als die Naturprodukte ist. Mit Ernährungserziehung kann man da gegensteuern.

3. Weil Kinder wachsen müssen: Und dafür brauchen sie Nährstoffe – die richtigen. Also sparsam sein bei fettreichen Lebensmitteln und Süßzeug, mäßig zu tierischen Produkten und reichlich zu pflanzlichen Lebensmitteln greifen. Calcium und Vitamin D sind wichtig für die Entwicklung der Knochen.

Wenn Kleine schlecht essen, kann das dem IQ schaden

4. Weil Essen dümmer machen kann: Studienergebnisse der Universität Bristol legen nahe, dass eine sehr zuckerhaltige Ernährung bei Dreijährigen später zu einem leicht verminderten IQ führen kann. Diese Befunde sollte man nicht überbewerten, kurzfristig kann der IQ nicht durch Essen beeinflusst werden. Eine dauerhaft fehlerhafte Ernährung kann sich jedoch negativ auswirken.

5. Weil Mahlzeiten verschwinden: Jedes fünfte Grundschulkind kommt ohne Frühstück in die Schule. Viele Eltern gäben ihren Kindern einfach einen Euro am Morgen mit, sagt Wiener: „Die Kinder kaufen sich beim Discounter dann einen Tortenboden.“ Wie die TU Dortmund gezeigt hat, führt ein vollwertiges Frühstück zu besseren Leistungen in der Schule. Die Forscher verglichen zwei Gruppen: Kinder, die Vollkorn und Obst frühstückten, hatten bessere schulische Leistungen als Kinder, denen man süße Aufstriche und Weißbrot zum Frühstücken gab. Wer regelmäßig frühstückt, hat klinischen Studien zufolge ein niedrigeres Risiko, fettleibig zu werden.

6. Weil schlechtes Essen krank macht: „Diabetes und Fettsucht nehmen zu“, beobachtet Wiener. Das hat mit einer zu kalorien- und fettreichen Ernährung zu tun. Wer schon im Kindesalter fettleibig ist, wird dieses Übergewicht im Erwachsenenalter schwer wieder los. Mit Fettleibigkeit gehen oft Herz-Kreislauf- und chronische Krankheiten einher. Selbst Atemwegserkrankungen wie Asthma lassen sich durch Gewichtsreduktion lindern. Eine gesunde Ernährung im Kindesalter stärkt das Immunsystem auf lange Sicht.

7. Weil Kinder häufig falsch trinken: Limo und Cola sind beliebt, aber sehr zuckerhaltig. Light-Produkte mit Süßstoff stehen in der Kritik, für Heißhunger zu sorgen. Süßstoff täuscht das Gehirn: Auf der Zunge schmecken wir süß, das Gehirn erwartet einen Glukoseschub. Der bleibt aber aus, weil Süßstoff kalorienärmer ist. Das Gehirn empfiehlt also: Iss noch etwas. So besteht die Gefahr, zu viel zu essen.

8. Weil Kinder Lebensmittelvielfalt lernen sollen: Fleisch, Obst und Gemüse kennen viele Kinder nur abgepackt oder schon verarbeitet als Fertigprodukt. Wer gerne kocht und sich mit Lebensmitteln beschäftigt, ist eher bereit, Neues auszuprobieren. Wenn ältere Gemüsesorten und Nutztiere wieder mehr Beachtung finden, ist das gut für die Artenvielfalt.

9. Weil Kochen eine wichtige Kulturtechnik ist: „Wenn wir nur noch fremdgefüttert werden, weil wir uns nicht mehr selbst bekochen können, ist das ein Desaster“, sagt Wiener. Die Lebensmittelindustrie hätte kein Interesse daran, uns gesund zu ernähren. Dafür müsste man schon selbst sorgen. Das muss man aber lernen – und da gilt der Spruch: früh übt sich.

 

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