In Russland Reiseführer: Der höfliche Pedant

Moskau - An der roten Ampel bleibt er stehen, auch mitten in der Nacht, wenn nicht einmal der Hauch eines heranbrausenden Autos zu ­spüren ist. Er mäht alle paar Tage den Rasen, stellt womöglich einige Gartenzwerge in den Vorgarten und lässt seine Frau hübsche Blumen auf den Fensterbänken arrangieren. Zur Schule geht er noch mit 20, bis 30 studiert er vielleicht, lernt das Leben und die Liebe ­kennen. Irgendwann, so nach 35, wenn er ein bisschen Karriere gemacht hat, denkt er ­womöglich an die Fortpflanzung. Und wenn die Kinder erst einmal da sind, packt er sie in den Bollerwagen, wahlweise auch auf den Fahrradsitz, und zieht hinaus in die Natur. Immer den Wanderwege-Schildchen nach, in den Bergen, an den Seen, selbst im Wald.

 

Zu seinen Mitmenschen sagt er stets „Guten Tag“ 

Er ist ordentlich und umweltbewusst. Manchmal aber, da setzt er sich auch ins Auto - ach, was für Autos sie da haben, in diesem Deutschland! Und die Straßen erst! Wie ein Spiegel - ein reines Vergnügen, über sie zu gleiten. Zu seinen Mitmenschen sagt er stets „Guten Tag“ - manche grüßen auch den ­lieben Gott - und verabschiedet sie mit einem artigen „Auf Wiedersehen!“ Emotional ist er nicht, eher rational, aber immer so freundlich, so zuvorkommend, in seinem ruhigen Leben, in dem er jede Vorschrift - da mag es noch so viele unsinnige von geben - beachtet. Kurzum: Er ist ein langweiliger, aber ein überaus höflicher Pedant. So zumindest sehen russische Reiseführer den Deutschen. Die Beschreibung mag nicht vorteilhaft ausfallen, doch aus den Sätzen spricht stets ein wenig Neid: Da sind die eigenen Straßen mit Schlaglöchern voll, also werden die deutschen Verkehrswege in den Himmel gelobt.

Da bringen die eigenen Verkäufer keine Begrüßung und schon gar keinen Dank über die Lippen, also wird die höfliche Behandlung in Deutschland, selbst von einem Post­boten, mit Erstaunen beschrieben. Wanderwege sind den Russen ein wenig suspekt, und ein Abendessen mit Käse und Schinken ist doch allzu spärlich. Aber dieses Brot! So unglaublich, so frisch, so lecker. Der Rat in den Reiseführern lautet: einfach in jeder Bäckerei probieren. Das Biersollte man aber auch nicht vergessen. Jeder Reiseführer widmet der Bierbrauerei einige Seiten und schickt die Reiselustigen stets nach ­München, aber auch nach Berlin, Köln, ­Hamburg, auf den Rhein, zum Schloss Neuschwanstein und ins „Ländle“ zum Schwarzwälder-Kirschtorte-Essen, samt ­Kaffee dazu. Deutschland ist einfach so bequem.

Inna Hartwich wurde 1980 geboren und ist in Nordhessen aufgewachsen; Studium in Französisch, Russisch und Ethno­logie in Heidelberg, Nizza und Sankt Petersburg; Volontariat beim „Mannheimer Morgen“. Seit Oktober 2010 als freie Journalistin in Moskau; schreibt für deutsche, österreichische und Schweizer Zeitungen vor allem über politische und gesellschaftliche Themen; reist gern und lernt Sprachen.

 

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