Immer mehr Infizierte Coronavirus-Pandemie: Der Notfall-Plan der bayerischen Kliniken

Paul Nöllke.
Die Zahl der Intensivbetten in den bayerischen Krankenhäusern soll verdoppelt werden. (Archivbild) Foto: Sven Hoppe/dpa

Die bayerischen Universitätskrankenhäuser bereiten sich auf den Krisenfall vor – unnötige Operationen werden abgesagt, Pfleger im Ruhestand und Studenten eingespannt.

 

München - Im Hörsaal des LMU-Klinikums sitzen die Journalisten weit voneinander entfernt. Auch die Stühle der Klinikdirektoren und des Staatsministers stehen in großen Abständen: eine Sicherheitsmaßnahme gegen eine Übertragung des Coronavirus'.

Bei der Pressekonferenz der Universitätsklinika am Freitag ging es natürlich um das Virus – und darum, wie gut Bayern auf den Extremfall vorbereitet ist. "Es ist die schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs", sagte Bernd Sibler, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Es sei eine Bewährungsprobe für die Medizin, eine Probe, die sich niemand gewünscht habe, auf die man aber gut gerüstet sei. Derzeit würden 50 Corona-Erkrankte in bayerischen Uniklinika behandelt, 17 von ihnen auf der Intensivstation. "Doch diese Zahl steigt immer weiter dramatisch an", sagte Sibler.

Zahl der Intensivbetten soll verdoppelt werden

Um dieser Entwicklung begegnen zu können, soll die nächsten Wochen die Zahl der Intensivbetten verdoppelt werden, auch einen neuen Drive-in-Test soll es in München geben. Zur Zeit gebe es etwa 600 Intensivbetten in Bayern, bald sollen es 1.200 sein. "Das ist eine unglaubliche Herausforderung", fügte Karl-Walter Jauch, Ärztlicher Direktor des LMU-Klinikums hinzu. Es gebe schon mehr Intensivbetten als zum Beispiel in Italien, man sei "bereits gut aufgestellt". Um die zusätzlichen Betten bereitstellen zu können, würden nun nicht notwendige Operationen aufgeschoben und Stationen zusammengelegt.

Statt zwei Patienten sollen Pflegekräfte nun drei Patienten versorgen müssen. So würden Pflegekräfte für die Intensivstationen frei. "Es muss sich aber keiner Sorgen machen: Bei Herzinfarkten, Schlaganfällen und sonstigen Notfällen ist die medizinische Versorgung in Bayern natürlich gegeben", fügte Matthias Frosch vom Universitätsklinikum Würzburg hinzu.

Als zusätzliche Hilfe sollen auch Pfleger, die im Ruhestand sind, und Medizinstudenten eingesetzt werden. "Ich sehe bei Studenten eine große Bereitschaft zu helfen", sagt Frosch. Nach einem Aufruf in Würzburg hätten sich in 24 Stunden 800 Studenten gemeldet, um in der Pflege, im Labor, im Rettungsdienst und den Gesundheitsämtern auszuhelfen.

"Auch die seelische Gesundheit muss bedacht werden"

Auch die Versorgung der Krankenhäuser mit Schutzkleidung sei weiterhin ein Problem, sagte Jauch. Eine Beschaffung solle staatlich organisiert werden. Das gelte auch für Schutzmasken: "Normalerweise kosten die drei Cent", sagte Jauch. "Jetzt das 25-Fache." Das sei für viele Krankenhäuser, die sparen müssten ein Problem. Die Krise bedeute für das Gesundheitssystem einen Marathon und keinen Sprint. "Wir rechnen mit zwei bis drei Monaten Dauer."

Frosch begrüßte die Maßnahmen der Regierung, wie die Ausgangsbegrenzung. In einer noch nicht veröffentlichten Studie sei herausgekommen, dass "die bisherigen Maßnahmen nicht ausgereicht hätten", erzählt Frosch. Doch sich nur auf das Virus zu fokussieren, sei einseitig. Auch die seelische Gesundheit der Bevölkerung müsse bedacht werden. Hier müsse die medizinische Forschung herausfinden, wie lange eine Ausgangsbegrenzung aufrecht erhalten werden könne. "Denn politische Entscheidungen brauchen wissenschaftliche Grundlagen."

Auch die Virologin Ulrike Protzer von der TU München setzt beim Kampf gegen das Virus auf Forschung. Dadurch, dass die Lage zuerst in Italien so ernst wurde, habe Deutschland einen Vorsprung. Dennoch, so Protzer, sei das kein Anlass, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. "Es wird auch hier viele Todesfälle geben."

Protzer erzählte, sie würde oft gefragt, ob sie keine Angst vor dem Virus habe. "Nein", sagte sie. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Zudem sei man in Deutschland gut aufgestellt. "Um mich habe ich keine Angst, aber durchaus um meine Eltern", sagte sie. Alte und schwache Menschen seien in großer Gefahr. "Deswegen appelliere ich an uns alle: Verhalten wir uns vernünftig."

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