Immer mehr Flüchtlinge kommen nach München In der Bayernkaserne wird's eng

Aus dem Kosovo kommen derzeit tausende Flüchtlinge nach Deutschland, vor allem nach München. Foto: dpa

"Aber die Situation ist mit der im Sommer nicht zu vergleichen“, sagt eine Expertin. Denn der Winter-Notfallplan der Regierung funktioniert.

 

München - Bis zu 647 Flüchtlinge pro Tag kommen derzeit in München an. Zahlen, wie man sie sonst nur aus den Sommermonaten kennt, wenn sich tausende Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten auf die gefährliche Reise übers Mittelmeer machen. Die Folge: In der Bayernkaserne wird’s langsam eng, 1000 der 1200 Schlafplätze sind belegt. In den Außenstellen der Erstaufnahmeeinrichtung in München, Fürstenfeldbruck, Eichstätt und Ingolstadt sind weitere 2660 Menschen untergebracht.

Allein am Wochenende sind laut Regierung von Oberbayern rund 800 Frauen, Männer und Kinder neu in München eingetroffen. Mehr als 70 Prozent der Flüchtlinge stammen aus dem Kosovo. Schuld am Massen-Exodus aus dem Balkan-Staat ist offenbar eine Mischung aus Armut, Arbeitslosigkeit, Kälte, mangelnder medizinischer Versorgung und falschen Versprechungen. „Dort scheint große Not zu herrschen. Zudem haben Dampfplauderer offenbar das Gerücht in die Welt gesetzt, in Deutschland erwarteten die Menschen Begrüßungsgeld, Asyl und Arbeit“, sagt Lisa Ramzews, die Leiterin des Sozialdienstes für Flüchtlinge und Asylsuchende der Inneren Mission München.

Viele verkaufen ihr letztes Hab und Gut, um den Schlepper zu bezahlen – und müssen nach ein paar Monaten mit leeren Händen zurück. Denn nur 0,3 Prozent der Asylbewerber aus dem Kosovo dürfen in Deutschland bleiben. Eine Tatsache, die dort weitgehend unbekannt ist. „Noch sind keine Asylbewerber in den Kosovo zurückgekehrt“, sagt Lisa Ramzews. „Selbst bei verkürzten Verfahren muss man von einer etwa achtwöchigen Bearbeitungszeit ausgehen. Erst dann können die Menschen zuhause berichten, dass ihr Vorhaben nicht funktioniert hat – wenn sie ihr Scheitern denn formulieren.“

Manchen geht es aber auch nur um eine warme Unterkunft während der Wintermonate. Ramzews kennt Familien, die im Vier-Jahres-Turnus wiederkommen, „ein bisschen älter und mit mehr Kindern“.

Noch stört diese Entwicklung den Ablauf in der Bayernkaserne nicht. „Es ist ruhig auf dem Gelände. Man kann die Situation nicht mit den Zuständen im August vergleichen.“ Damals war die Erstaufnahmeeinrichtung hoffnungslos überbelegt. Menschen schliefen auf den Gängen und im Freien.

Um solche Engpässe zu vermeiden, hat Sozialministerin Emilia Müller vergangene Woche den Winter-Notfallplan teilweise in Kraft gesetzt. Dieser sieht vor, dass jede Kreisverwaltungsbehörde winterfeste Unterkünfte für 200 bis 300 Personen bereithalten muss. Die Regierung von Oberbayern hat bereits Flüchtlinge in Not-Quartieren im Olympiapark, in Germering, Raubling und Taufkirchen untergebracht. Ab Mittwoch sollen auch in Markt Indersdorf Asylbewerber eine vorübergehende Bleibe finden. „Der Winter-Notfallplan scheint zu funktionieren“, lobt Lisa Ramzews.

Sie gibt jedoch zu bedenken: „Wenn die gestiegenen Zahlen ein Indikator für den Sommer sind, dann müssen wir uns auf etwas gefasst machen.“

Das sagt der Flüchtlingsrat:

Laut Bayerischem Flüchtlingsrat suchen die meisten Kosovaren hier vor allem eins: Arbeit. Viele seien schon in der Bundesrepublik gewesen, sprächen Deutsch und seien gut qualifiziert, so das Gremium.

Deshalb sollten sie eine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten, so Sprecher Stephan Dünnwald. Mögliche Folgen: „Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse würden den Menschen eine Perspektive geben, die Wirtschaft hätte dringend benötigtes Personal.“ Das Bundesamt für Migration würde entlastet und in den Sammellagern würden Plätze für Neuankömmlinge frei.

Schnell-Verfahren lehnt der Rat ab, weil unter den Flüchtlingen auch Angehörige von Minderheiten (Roma, Aschkali, Ägypter) sind, die schutzbedürftig sein können.

So können Sie helfen:

Eine ungewöhnlich großzügige Spende sorgt in der Bayernkaserne derzeit für Kopfzerbrechen: Vor ein paar Tagen lud der Fahrer eines holländischen Lkw vor der Flüchtlingsunterkunft sechs Paletten Kaffee ab, das Geschenk eines Unbekannten. „Für Flüchtlinge“, hieß es auf einem Zettel – mehr nicht.

Doch die drei Tonnen Kaffeepulver und 60 000 Pads stellen die Helfer vor eine enorme Herausforderung: Um das Heißgetränk ausschenken zu können, werden Becher, Rührstäbchen, Milch, Zucker und Senseo-Maschinen benötigt. Anschaffungen, die das knappe Budget nicht hergibt.

Wer helfen kann, wendet sich bitte an Lisa Ramzews, Leiterin des Sozialdienstes für Flüchtlinge, Tel: 089 / 14332 2414.

Aufgrund der winterlichen Temperaturen wird für die Asylbewerber außerdem warme Kleidung gesucht. Vor allem Schuhe und Jacken für Männer werden momentan dringend benötigt. Auch Rasierschaum und Duschgel, Handtücher und Decken sind Mangelware. Außerdem werden Helfer zum Sortieren der Spenden gesucht (Infos: 089 / 1891 4800).

Die Spenden können in der Annahmestelle der Diakonia, Dachauer Straße 192, abgegeben werden. Öffnungszeiten: Mo, Di, Mi, Fr: 9 – 16 Uhr, Do: 9 – 19 Uhr, Sa: 9 – 14 Uhr.

 

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