"Immer am Ball bleiben" Raus aus der Schuldenfalle: Münchner erzählen ihre Geschichten

In München treiben vor allem der angespannte Wohnungsmarkt und die prekären Arbeitssituationen Menschen in die Schuldenfalle. Foto: Andrea Warnecke/dpa

Immer mehr Münchner stehen tief in der Kreide. Hier erzählen Betroffene, wie sie in diesen Strudel geraten sind – und wie sie sich gerettet haben.

 

München - In München verschulden sich immer mehr Menschen. "Die Zahl der Schuldner wächst, und auch die Summe, mit der sie sich verschulden, wird größer", sagt Insolvenzberaterin Melina Welscher. Sie arbeitet bei der Schuldnerberatung "H-Team", die am Dienstag ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat.

Es seien auch immer mehr alte Menschen von Schulden betroffen, da sie von ihrer bescheidenen Rente kaum mehr leben können. "Dann nehmen plötzlich Leute Schulden auf, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, und noch nie Schulden hatten", erklärt die Beraterin.

Schulden machen, um zu überleben

In München würden vor allem der angespannte Wohnungsmarkt und die prekären Arbeitssituationen Menschen in die Schuldenfalle treiben. Oft landen diese Leute dann vor Gericht und werden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Bewährungshelfer Hans-Peter Kelldorfner sagt dazu: "Schulden sind bei uns ein großes Problem. Früher haben viele Leute in München so ungefähr ein Drittel ihres Nettogehalts für Miete aufgebracht. Heute ist es normal, dass Leute mehr als die Hälfte zahlen müssen. Dann machen viele Schulden, nur um überleben zu können."

Welscher betont, dass auch Schwarzfahren vielen Menschen zum Verhängnis wird: "Leute müssen ins Gefängnis, weil sie zu oft Schwarzfahren. Viele verlieren dann ihre Wohnung, machen mehr Schulden – und es wird schlimmer."

"Schulden sind wie so ein Schneeball"

Die Hauptgründe, warum die Münchner sich verschulden, sind laut Schuldnerberatung plötzliche Krankheit, Scheidung oder Trennung, lange Arbeitslosigkeit und immer häufiger auch eine zu geringe Rente. "Schulden sind wie so ein Schneeball, der einen Berg herunterrollt und immer dicker wird", sagt Eduard Kopp. Er musste Privatinsolvenz anmelden, weil er zu viele Schulden hatte.

"Wenn man Schulden hat, macht man sich Sorgen, wird krank, kann nicht mehr arbeiten und macht dann noch mehr Schulden. Es wird immer schlimmer", so Kopp. "Man hat dann oft das Gefühl, dass man ganz alleine ist."

Alleine lassen – das wollen die Schuldnerberater niemanden. Strukturiert und ruhig gehen die Berater die Probleme ihrer Klienten an und versuchen, aus der Schuldenfalle zu helfen. "Viele Menschen verlieren in solchen Momenten die Hoffnung", so Welscher. "Wir versuchen aber, für jeden da zu sein – und lösen die Probleme zusammen."

Etienne Gillig: "Ich lebe trotz allem gut"

Etienne Gillig ist Künstler und Kabarettist. "Ich bin es gewohnt, dass es finanziell immer mal hoch und mal runter geht", sagt der 66-jährige Franzose. Vor Kurzem ging es bei Gillig allerdings etwas zu stark runter. "Ich bekam irgendwann Probleme mit dem Finanzamt, weil ich meine Steuern nicht zahlen konnte", erklärt er. Er habe mit einem Auftrag gerechnet, der dann aber geplatzt war.

Plötzlich hatte Gillig Schulden beim Finanzamt. Kurze Zeit half ihm das Arbeitsamt mit finanzieller Unterstützung, da er Existenzgründer ist. Doch nach sechs Monaten war Gillig wieder allein. Sein Konto wurde gepfändet, Gillig bleibt nur noch etwas mehr als 1.100 Euro zum Leben. "Mit dem Geld muss ich ja auch noch mein Geschäft betreiben", bedauert er. Doch obwohl Gillig immer nur 1.100 Euro bleiben, egal wie viel er verdient, ist er motiviert weiterzuarbeiten. "Ich denke, man muss immer am Ball bleiben", erklärt er.

Auf seiner Fensterbank sammelt er sein Kleingeld. Wenn es dann mal am Ende des Monats sehr eng wird, kann er sich davon ein bisschen Essen kaufen. "Insgesamt denke ich, ich lebe trotz allem gut." In ein paar Wochen hat Gillig eine Operation, danach muss er sich eine Zeit schonen und im Bett liegen. "Das werde ich nutzen, um meine Finanzen in Ordnung zu bringen", hat er sich vorgenommen. "Eigentlich könnte ich auch in Rente gehen", überlegt Gillig. "Aber die Arbeit ist meine Leidenschaft, und ich bezahle meine Schulden."

Herr A.: "Zwei oder drei Chancen"

Herr A. ist etwas nervös. Dabei hätte er guten Grund, heute stolz auf sich zu sein. Der 28-Jährige sagt über sich selbst: "Ich bin das typische Beispiel, was passiert, wenn man alleine gelassen wird."

2007 stirbt seine Mutter, fortan lebt er mit seinem Vater zusammen, zu dem er kein gutes Verhältnis hat. "Ich hatte keine schöne Kindheit", sagt er. A. beginnt Alkohol zu trinken und nimmt Drogen. 2013 schafft er es dennoch, seine Lehre abzuschließen. Doch er hat Probleme, einen Job zu finden. Als er endlich einen bekommt, hat er Pech und wird von der Firma ausgenutzt.

"Damals waren mir Schulden komplett egal", sagt er. Als er 2017 zum zwölften Mal beim Schwarzfahren erwischt wird, kann er die Strafe nicht bezahlen und kommt ins Gefängnis. "Das hat mir die Augen geöffnet. Ich wollte an mir arbeiten." Als er aus dem Gefängnis kommt, findet er endlich einen guten Job, mit Hilfe der Schuldnerberatung zahlt er innerhalb eines Jahres fast alle Schulden zurück. "Manchmal im Leben braucht man auch zwei oder drei Chancen", sagt A.

Andre Sandeck: "Ein sehr schwerer Schritt"

Für Andre Sandeck begann das Problem mit den Schulden, als er nach München zog. "Als ich umgezogen bin, musste ich einen Kredit aufnehmen, um mir das überhaupt leisten zu können", erklärt der 35-Jährige. "Danach bin ich etwas in die falschen Kreise gekommen und habe mich nicht mehr um die Rückzahlungen gekümmert."

Sandecks Schulden wurden immer mehr, er begann an Schlafproblemen zu leiden. Irgendwann riet ihm ein Freund, sich doch beim H-Team zu melden und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Das war ein sehr schwerer Schritt für mich", gibt Sandeck zu. "Man denkt immer, da muss man doch alleine wieder rauskommen." Heute zahlt Sandeck seine Schulden stückweise wieder zurück, er hofft, bald komplett schuldenfrei zu sein.

Eduard Kopp: "Heute bin ich glücklich und frei"

Eduard Kopp wirkt wie jemand, der sein Leben gut unter Kontrolle hat. Der 48-Jährige ist gut gekleidet, und obwohl Deutsch nicht seine Muttersprache ist, drückt er sich sehr gewählt aus. Doch Kopp war zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden, weil er seine Schulden nicht zurückgezahlt hatte.

"Ich hatte eine schmerzliche Trennung erlebt, das war bei mir der Weg in die Schulden", sagt Kopp. Bis 2008 hatte er viel gearbeitet: Unter der Woche auf Baustellen, am Wochenende als Putzkraft. Nebenbei betrieb er einen Onlinehandel. Doch nach seiner Trennung begann Kopp zu trinken, er bekam Schlafprobleme. Einmal fuhr er betrunken Auto und verlor seinen Führerschein. Die Strafe konnte er nicht bezahlen.

Dann fuhr er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, allerdings ohne Ticket. Auch hier wurde er erwischt und nach mehreren Malen zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Kopp hatte auch Schulden bei der Krankenkasse, da er als selbstständig gemeldet, eigentlich aber arbeitslos war. Mit Hilfe der Schuldnerberatung erklärte er Privatinsolvenz, in vier Jahren will er schuldenfrei sein. Heute arbeitet Kopp bei den Stadtwerken, er trinkt nicht mehr und hat das Rauchen aufgehört. "Heute bin ich glücklich und frei", sagt Kopp.

Schulden? Wie Sie sich selbst helfen können

1. Finanzen ordnen
Viele verschuldete Menschen haben Angst, sich einen Überblick über die eigenen Finanzen zu machen. Die Finanzen zu ordnen, ist aber der erste Schritt, um aus den Schulden zu kommen. Wer keinen Überblick hat, macht meist immer mehr Schulden.

2. Reden Sie mit Gläubigern
Oft versuchen Schuldner, ihren Gläubigern aus dem Weg zu gehen. Es ist unangenehm, das Thema anzusprechen – und so wird es oft komplett vermieden. Wer jedoch früh genug mit den Gläubigern spricht, stößt oft auf Verständnis und kann eine Ratenzahlung vereinbaren.

3. Geben Sie weniger aus
Der Tipp klingt erstmal komisch. Viele Menschen, die Schulden haben, leben ja sowieso sehr bescheiden. Dennoch sollte man sich fragen, ob es "Kleinigkeiten" gibt, auf die man verzichten und so schonmal seine Ausgaben senken kann. Viele kleine Ausgaben können am Ende viel Geld kosten.

4. Holen Sie sich Hilfe
Bei vielen Schuldnerberatungen ist eine Beratung kostenlos (beispielsweise bei H-Team, Telefon 089-7473620). Die Berater sind dazu ausgebildet, verschuldeten Menschen zu helfen und haben viel Erfahrung und wichtige Tipps.

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