Im Prinzregententheater und im TV Bayerischer Filmpreis: Wirr, lähmend - und doch politisch

Ehrengast Udo Lindenberg und Ehrenpreisträger Heiner Lauterbach. Foto: dpa

Seit langem war der Bayerische Filmpreis nicht mehr so seltsam: Pannen, wirre Juryentscheidungen, lähmende Dramaturgie. Aber ein unerwartetes politisches Dauerfeuer.

 

München - Wenn über 300.000 Euro verteilt werden, lässt man sich als Filmemacher gerne sehen, beim "Bayerischen Oscar": ein gern zitierter Minderwertigkeitskomplex-Begriff, der die eigentlich großzügige Veranstaltung unfreiwillig provinziell klingen lässt.

Die Landtagspräsidentin Ilse Aigner wird nicht begrüßt

Unbemerkt passierte der erste Fauxpas im Prinzregententheater schon in den ersten Minuten: Traditionsmoderator Christoph Süß begrüßte zwar den Ministerpräsidenten als Gastgeber, auch dessen Digitalministerin und natürlich brav seine BR-Chefs (Intendant Ulrich Wilhelm und Fernsehdirektor Reinhard Scolik).

Die protokollarisch höchste Frau aber nicht: die frühere Södergegnerinund jetzige Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Aber so etwas ist Galagästen oder Fernsehzuschauern natürlich letztlich egal. Schon deshalb, weil Begrüßungsorgien zum Langweiligsten einer Show gehören. Aber Süß – sonst bekannt für intelligente Hofnarren-Frechheiten – hatte an diesem zweieinhalbstündigen Abend keinen Biss.

Kompromisse und Ratlosigkeit sowie Kalkül

Dabei hätte man einiges durchaus süßsauer und bissig kommentieren können. Denn die Preisauswahl verriet vor allem Kompromisse und Ratlosigkeit sowie das Kalkül, einer auch sehr politischen Auswahl mit vielen noch unbekannten Filmemachern, doch noch Starglanz einzuimpfen.

Das begann schon mit dem superdotierten "Produzentenpreis" (200.000 Euro), den man zwar klugerweise dem Kinowunder "Systemsprenger" zuerkannt hat: einem wirklich aufwändig recherchierten und schwer zu produzierenden Film über eine Schwererziehbare. Aber, als hätte man sofort wieder Angst vor der eigenen Courage gehabt, wurde der Produzentenpreis geteilt: mit dem Mainstream-Film "Das perfekte Geheimnis", der in einem einzigen Raum spielt, von einem etablierten Starensemble getragen wird und hinter dem die Großfirma Constantinfilm steht.

Und wer ist da der Produzent? Unter anderen der Regisseur des Filmes und einer, der bestens im Geschäft ist: Bora Dagtekin ("Fack ju, Göhte"). Die "besondere Würdigung einer Produzentenleistung" war hier also völlig unsinnig.

Kategorien-Wirrwarr, Dauerteilungen und kein "Kinderfilm"

Zum bereits produzentenlastigen Kategorien-Wirrwarr kam dann noch "Kinderfilm" hinzu. Wobei aber hier gar kein Kinderfilm ausgezeichnet wurde, sondern der Familienfilm "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". Und den Preis bekam hier nicht etwa Regisseurin Caroline Link, sondern: wieder die Produzenten. Dazu hatte man auch den Holocaust-Überlebenden, den Münchner Ernst Grube, als Zeitzeugen eingeladen. Den aber stellte man absurderweise einfach am Bühnenrand wieder ab, anstatt ihn den Preis überreichen zu lassen.

Warum man die begabte Nachwuchsdarstellerin Luna Wedler wiederum für zwei Filme auszeichnete, wovon einer ("Auerhaus") wirklich Qualität hat, während der andere ("Dem Horizont so nah") katastrophal war, blieb ebenfalls rätselhaft. Und bei aller Verlegenheit erfand die Jury auch noch zusätzlich einen undotierten Sonderpreis für Philipp Stölzl. Vielleicht weil man auf das Staraufgebot seines relativ gefloppten Ensemble-Musical-Film "Ich war noch niemals in New York" hoffte.

Der prominenteste Gast sang nicht: Udo Lindenberg

Der prominenteste Gast aber war Udo Lindenberg. Denn für den biografischen Film "Lindenberg! Mach Dein Ding" wurde Jan Bülow als Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet. Er spielt den jungen Lindenberg, wozu ihm Udo mit einem Bühnenkuss gratulierte. Im Hintergrund saß zwar kein Panik-, sondern das Rundfunkorchester. Aber warum ließ man Lindenberg nicht einen Song singen? Stattdessen: Uwe Ochsenknecht. Der sang stimmlich schlecht ein Udo-Jürgens-Medley. Ein weiterer überflüssiger Pop-Showact kam auch von Schauspielerin Anna Loos.

Bei so viel Merkwürdigkeiten, Mutlosigkeit und Kalkül war erfrischend, dass viele weitere Preisträger die Bühne nutzten, um gesellschaftlichen Aussagen ihrer Filme zu unterstreichen: Bjarne Mädel und Lars Eidinger mussten zwar auch ihren Preis teilen, was bei den zwei gleichwertigen Hauptrollen in der Familientragikomödie und langsamen Roadmovie "25 km/h" auch richtig ist. Sie wollen ihr Preisgeld mit der Deutschen Flüchtlingshilfe teilen.

Dann wird es politisch und Söder vielleicht mulmig

Dazu passte die Beste Darstellerin im Asyl-Liebesdrama "Es gilt das gesproche Wort". Anne Ratte-Polle ließ sich bei ihrem Dank das Mikro nicht abdrehen. Sie rief am Ende in Saal: "Und ich wünsche mir, dass wir die 20er Jahre in unserem Jahrhundert neu besetzen und wir dieses Mal nicht ins Braune kippen."

Den Regiepreis bekam ein Film, der Sandra Maischberger produziert war: "Nur eine Frau" über einen so genannten "Ehrenmord". Regisseurin Sherry Hormann nutzte ihren Auftritt aber, das kulturell Verbindende zum Islam zu betonen und nicht Islamophobie. Und "Zoros Solo" über die Integrationskraft eines Knabenchors bekam den Drehbuchpreis. Bei soviel Flüchtlingsthematik und nicht gerade CSU-nahen politischen Äußerungen wurde Gastgeber Markus Söder bei sicher etwas mulmig.

Promigesichter voller Langeweile

Söder hatte sich als Ehrenpreisträger Heiner Lauterbach ausgesucht und lobte diesen in einer kurzen, freien, gelungenen Rede. Auch Lauterbach hielt sich dankend kurz und sagte schnell den erlösenden Satz, dass alle schon viel zu lange aufs Buffet warten würden. So war der Bayerische Filmpreis in diesem Jahr ein inhaltlich wirrer Geduldsmarathon mit einigen tapferen Rettungsversuchen. TV-Zuschauer sahen dann auch beim Schwenk ins Publikum und auf Promigesichter vor allem Gelangweiltheit.

A Apropos "Bayerischer Oscar". Die US-Film-Academy hat bereits versucht, ellenlange, letztlich inhaltslose Danksagungen an Mammi, Kofferträger und Hauskatze zu verbieten – zugegeben mit mäßigem Erfolg. Aber beim Bayerischen Filmpreis könnte man es ja – neben weiteren Straffungen und Klärungen – auch versuchen. 

 

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