Im AZ-Interview Muslimischer OB-Kandidat in Neufahrn: "Dachte, dass wir schon weiter sind"

Ozan Iyibas, Bürgermeisterkandidat der CSU in Neufahrn, steht an einer Statue des Bayerischen Löwens. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Er kandidiert für die Neufahrner CSU und ist Alevit: Ozan Iyibas (37) erklärt in der AZ, wie er den Trubel um Moslems in einer christlichen Partei wahrnimmt. 

 

Neufahrn - Unternehmensberater Ozan Iyibas ist seit 17. Januar Bürgermeisterkandidat der CSU in Neufahrn.

AZ: Herr Iyibas, Sie sind mit dem bestmöglichen Ergebnis – 32 von 32 Stimmen – zum Bürgermeisterkandidaten der CSU in Neufahrn gewählt worden. Was bedeutet dieses Ergebnis Ihnen persönlich?
OZAN IYIBAS: Es bedeutet mir sehr viel – vor allem nach den Geschehnissen in Wallerstein. Ich wusste zwar schon zuvor, dass es bei uns in Neufahrn keine solchen Vorbehalte gibt, trotzdem ist das Ergebnis für mich natürlich ein guter Wegbereiter für den Wahlkampf.

In Wallerstein hat ein muslimischer Bürgermeisterkandidat seine Kandidatur nach Kritik aus der Partei zurückgezogen. Dadurch ist Ihre Kür bundesweit in den Fokus geraten. Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?
Es war für mich eine sehr heftige und ermüdende Zeit, das muss ich ehrlich sagen. Ich habe unzählige Interviews geführt und musste mich ständig rechtfertigen, wer ich bin, woher ich komme und warum ausgerechnet ich als Muslim kandidiere. Meine Antwort war immer gleich: Der Mensch steht im Vordergrund, nicht die Herkunft. Trotzdem waren die Fragen oft nur auf meinen Glauben beschränkt. Ich habe eigentlich gedacht, dass wir als Gesellschaft und auch die Medien schon weiter sind. Dass man aus einem muslimischen Kandidaten ein derartiges Politikum macht, war für mich nicht verständlich. Ich habe dann schlussendlich zwei Möglichkeiten gesehen: mich zurückzuziehen wie der Kandidat in Wallerstein oder die Herausforderung anzunehmen. Ich habe mich für Zweiteres entschieden. Ich möchte Menschen, die vielleicht noch nicht von mir überzeugt sind, zeigen, dass es eben nicht um die Herkunft geht.

Ozan Iyibas: "Alevitentum ist ein säkularer und liberaler Glaube"

Sie gehören den Aleviten an. Die Konfession wird oft, aber nicht immer, dem Islam zugeordnet. Können Sie die Unterschiede erläutern?
Kurz und knapp: Sogar Theologen streiten darüber, ob das Alevitentum nun zum Islam gehört oder nicht. Doch um die Frage zu beantworten: Das Alevitentum ist ein säkularer und liberaler Glaube. Ob nun innerhalb oder außerhalb des Islams, das sollen Theologen entscheiden. Was mir persönlich wichtig ist: Die Werte und das Menschenbild sind dem Christentum sehr nah. Peter Scholl-Latour hat einmal gesagt: "Das Alevitentum ist das Christentum des Nahen Ostens." Das trifft es, denke ich, ganz gut.

Hat Ihr Glaube schon bei Ihrem Eintritt in die Partei eine Rolle gespielt?
Am Anfang habe ich schon einige fragende Blicke bekommen. Es gab einerseits konservative Parteimitglieder, die sagten, ein türkischstämmiger Muslim kann nicht für die CSU kandidieren. Umgekehrt haben mir aber auch manche meiner muslimischen Bekannten die Freundschaft gekündigt, weil ich einer Partei mit dem "C" im Namen beigetreten bin. Dabei ist die CSU ja keine christliche Sekte, sondern eine Partei der christlichen Werte. Wenn Muslime das nicht verstehen, dann haben sie den Islam nicht verstanden. Und wenn es Christen gibt, die gegen einen liberalen Muslim wettern und sagen, der gehört nicht zur CSU, dann haben sie das Christentum nicht verstanden. Für meinen Namen, meine Herkunft und mein Aussehen kann ich nichts. Aber für den Mensch Ozan Iyibas bin ich verantwortlich. Und auch wenn es manchmal mühsam ist, das immer wieder zu erklären, nehme ich diese Herausforderung an. Denn gesellschaftlichen Zusammenhalt können wir nur gewährleisten, wenn auf beiden Seiten Akzeptanz und Toleranz gelebt werden. Wobei es mir widerstrebt, hier von "beiden Seiten" zu reden, denn eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass es kein "wir" und "die" gibt, sondern nur "wir".

Ozan Iyibas: Was er sich für Neufahrn wünscht

Kommen wir zu Neufahrn. Welche Ideen schweben Ihnen für Ihre Heimatgemeinde vor?
Wirtschaft ist hier für mich ein ganz wichtiger Punkt. Unsere Infrastruktur ist hervorragend, aber wirtschaftlich hängen wir ein bisschen hinterher. Ich habe die Befürchtung, wenn wir hier nicht bald gegensteuern, werden wir im Vergleich zu umliegenden Gemeinden wie etwa Hallbergmoos weiter zurückfallen. Wir müssen die bestehenden Unternehmen besser vernetzen und schauen, dass wir neue Unternehmen gewinnen. Wir könnten hier von Synergien mit der TU oder dem Flughafen profitieren.

 
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