Idee gegen Verkehrs-Kollaps Würde eine City-Maut in München helfen?

Autokolonnen schieben sich jeden Abend und jeden Morgen über den Mittleren Ring. Könnte eine City-Maut das abmildern? Foto: Matthias Balk/dpa

Wie ist der Verkehrsinfarkt in der Stadt zu stoppen? Die Hochschule München hat in einem Planspiel getestet, was eine City-Maut bringen würde. Das Ergebnis.

München - Kilometerlange Staus, Helfer, die Menschen am Bahnsteig förmlich in die U-Bahn stopfen – diese Bilder kennen wir aus Asien. Doch es scheint nicht unrealistisch, dass wir ihnen so oder ähnlich auch bald in München begegnen. Der Stadt droht der Verkehrsinfarkt, nur: Eindeutige Lösungen dafür findet man in der Stadtpolitik derzeit nicht. Muss man sie vielleicht woanders suchen?

City-Maut für München im Test

In einem großen, hell beleuchteten Saal in der Lothstraße 34 etwa. Hier haben Studenten der Hochschule München am vergangenen Mittwochabend in einem sogenannten Planspiel durchgespielt, was eine City-Maut für die Stadt bringen würde. Ein Semester lang haben sich die Studenten der Debatte angenommen und sich Hintergrundwissen zum Thema erarbeitet. Nun, bei der Abschlussdiskussion schlüpfen sie in die Rollen von verschiedenen Vertretern der Stadtgesellschaft und diskutieren.

Studenten verkörpern Vertreter der Stadt und Maut-Gegner

Im Saal herrscht Nervosität; im Publikum sitzen echte Entscheidungsträger und warten auf das Ergebnis der studentischen Debatten. Auf den im Halbkreis angeordneten Tischen stehen Namenskärtchen. Rechter Hand sitzen die Studenten, die die Maut-Gegner verkörpern: allen voran die CSU, BMW, der ADAC und der zentrale Immobilienausschuss. Ihre Thesen: Mautgelder sind unsozial, sie schränken die Freiheit der Bürger ein und sind eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Innenstadt.

In der versöhnlichen Mitte lassen sich die von Studenten verkörperten Vertreter der Stadt, Oberbürgermeister und Landrat nieder. Es wirkt, als versuchen sie die Wogen in beide Richtungen zu glätten, wissen jedoch selbst nicht genau, wo es hingehen soll. Man wünsche sich eine effiziente Einführung der Maut, die den Pendler nicht abstrafe, Anreize für alternative Verkehrsmittel setzte und die Stadt attraktiver mache.

Die Debatte ist hitzig und komplex

Der linke Flügel, bestehend aus studentischen Repräsentanten des MVV, der Grünen und Vereinen wie BUND, Green City und ADFC, spricht sich vehement für die Maut aus. Sie lindere die bestehende Verkehrsproblematik, verbessere die Schadstoff-, Feinstaub- und Lärmbelastung, setze wichtige Anreize, um alternative Verkehrsmittel zu nutzen und könne eine Verbesserung des ÖPNV mitfinanzieren.

Wie in der Realität ist die Debatte hitzig, komplex und führt zumindest auf dem Podium zu keinem Ergebnis. Unklar bleibt nicht nur, ob Maut "ja oder nein", sondern auch in welcher Form. Soll das Gebiet ab Altstadt- oder ab Mittlerem Ring bepreist werden? Welche Art der Mautberechnung ist die Beste? Welches Zahlungssystem ist möglich? Hinzu kommt: Der rechtliche Rahmen ist noch nicht ausreichend abgesteckt, um eine City-Maut einzuführen. Ein Vorschlag des Studenten, der den ADFC mimt, sorgt selbst im Publikum für Erregung: Der Vertreter fordert eine Maut, die diejenigen mehr belastet, die alleine im Auto sitzen. Wer einen Beifahrer hat, würde weniger zahlen.

Im Versuch stimmen 74 Prozent für die City-Maut

Letztlich schaltet sich aus dem Publikum ein echter Mitarbeiter des Planungsreferats ein: "Eine City-Maut kann nur ein Baustein eines großen Bündels an Maßnahmen sein." Zunächst müsse erörtert werden, wem eigentlich der öffentliche Raum gehöre. Aber das noch an diesem Abend ausdiskutieren? Wohl eher nicht. Zumindest ein Ergebnis gibt es: Das Publikum darf am Ende abstimmen, was es von der Maut hält. Ein eindeutiges Ergebnis: 74 Prozent der knapp 60 Teilnehmer stimmten für eine City-Maut, die innerhalb des Mittleren Rings gilt.

Große Politik im Kleinen gedacht

"Planspiele kommen aus der politischen Bildung und verfolgen die Idee, die ,große’ oft sehr abstrakte Politik, erfahr- und nachvollziehbar zu machen", erklärt Professor Stefan Rappenglück von der Hochschule München. Mit der innovativen Methode können fächerübergreifende Zusammenhänge aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vermittelt werden. Die Teilnehmer "spielen" politische Entscheidungsprozesse nach, schlüpfen in Rollen authentischer Akteure und verschaffen sich so Fachwissen. Der Hochschule München gelingt die Weiterentwicklung mit dem "PlanSpielZukunft@HM". Studenten spielen auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion, in Anwesenheit realer Vertreter, aktuelle Debatten nach und simulieren eine Entscheidung, die in der Realität noch nicht getroffen wurde. Letztes Jahr ging es um die dritte Startbahn – heuer ist’s die City Maut.

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