"Ich wollte selbst was tun" Aus Al-Hasaka nach München: Eine syrisch-deutsche Freundschaft

Günter und Klara Zachmeier und Ibrahim Hanna verbindet syrisch-deutsche Freundschaft, hier zu Hause bei Zachmeier. Foto: Daniel von Loeper

Sie sind völlig unterschiedlich und doch ist der Syrer Ibrahim Hanna für Günter Zachmeier ein Teil der Familie. Die Geschichte einer syrisch-deutschen Freundschaft.

 

München - Für Günter Zachmeier ist er sein Ersatzenkel. Seit zweieinhalb Jahren betreut der 74-jährige Münchner den syrischen Flüchtling Ibrahim Hanna. "Mir war es lästig, immer aus dem Fernsehsessel von dem Flüchtlingsthema zu hören. Ich wollte selbst was tun", beschreibt Günter Zachmeier den Grund, warum er sich um den Syrer Ibrahim Hanna kümmert.

Der ist jetzt ein richtiger Teil seiner Familie. "Die Mutter von Günter ist jetzt meine Oma, denn ich habe meine Großeltern nie kennengelernt", erzählt Ibrahim Hanna. Und Günter Zachmeier ergänzt: "Sie ist schon 93 und liebt Ibrahim sehr."

Im Schlauchboot geflohen

2013 flüchtete der damals 22-Jährige aus dem syrischen Al-Hasaka nahe der türkischen Grenze. Von seiner Heimatstadt stehen heute nur noch wenige Teile, und weil Hanna Christ ist, wurde er verfolgt. Christen sind in Syrien Terror und Mord ausgesetzt. Hannas Mutter geht nur mit Kopftuch auf der Straße, um nicht als Christin erkannt zu werden.

Zunächst flüchtete Ibrahim Hanna in die Türkei. Von dort ging es für ihn mit dem Schlauchboot weiter. Und das, obwohl er Nichtschwimmer ist. "Da hatte ich sehr große Angst", sagt er. Von Griechenland ging es weiter nach Österreich und dann nach Deutschland. Insgesamt war Ibrahim Hanna vier Monate auf der Flucht.

Die erste gemeinsame Leberkassemmel am Viktualienmarkt

Nun lebt der heute 27-Jährige mittlerweile seit viereinhalb Jahren in Deutschland. Anfangs geht er zunächst zur Schule und lernt Deutsch. Dort wird er auch gefragt, ob er sich einen deutschen Betreuer wünsche. Da er das gerne möchte, wird der Kontakt zu Günter Zachmeier hergestellt.

Wenn die beiden über ihre erste Begegnung, die erste gemeinsame Leberkassemmel am Viktualienmarkt und das erste zusammen aufgenommene Foto erzählen, strahlen ihre Gesichter. Von da an hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt.

In den folgenden Monaten hilft Günter Zachmeier dem Neu-Münchner, ein Konto zu eröffnen und eine Wohnung zu finden. "Die Wohnungssuche in München ist sowieso schon eine schwierige Angelegenheit, aber für einen Flüchtling ist sie fast unmöglich", sagt Zachmeier. Mittlerweile wohnt Hanna in einer 33 Quadratmeter großen Wohnung in Großhadern für 600 Euro Miete. Auch diese Wohnung fanden sie nur über Bekannte von Zachmeier.

Durch ihn, den er als "Bruder" bezeichnet, kam Hanna dann auch an einen Praktikumsplatz bei einem Münchner Sattler. In Syrien hatte der 27-Jährige eine fünfjährige Ausbildung zum Schneider gemacht. Nach dem Praktikum findet er einen Job in einer Maßschneiderei. Dort läuft es jedoch nicht so gut für ihn. Aber Hanna hat Glück und bekommt eine neue Stelle in der Änderungsschneiderei eines namhaften Münchner Bekleidungsunternehmens. Ende Januar ist seine Probezeit dort zu Ende und er bekommt eine Festanstellung. "Jetzt bin ich der glücklichste Mensch", sagt Ibrahim Hanna mit strahlenden Augen.

Bei "Mama" Hanna in Solln zuhause

Im August 2016 hatte Günter Zachmeier eine große Herzoperation, er bekam eine neue Herzklappe implantiert. "Ich hatte Angst zu sterben", sagt er und hat dabei Tränen in den Augen. "Und in dieser Zeit konnte ich nichts für Ibrahim tun, aber er hat für mich gebetet und mich besucht."

In Solln bei Günter Zachmeier und seiner Frau Karla, die Ibrahim Hanna "Mama" nennt, fühlt sich der Mann aus Syrien zuhause. Da wird geherzt und vor allem viel gelacht. "Er ist unser Sonnenschein, weil er so fröhlich ist", sagt Karla Zachmeier.

Ibrahim Hanna hat Bleiberecht in Deutschland und sieht seine Zukunft auch hier. Aber seine leibliche Mutter, die in Syrien lebt, vermisst er schmerzlich. "Wir telefonieren oft, aber ich habe sie jetzt seit fünf Jahren nicht gesehen."

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