"Ich komm' aus dem Staunen nicht heraus" Autobiographie: Brigitte Fassbaender hat ihre Erinnerungen veröffentlicht

Brigitte Fassbaender wurde 2012 von Horst Seehofer mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Foto: dpa

"Ich komm’ aus dem Staunen nicht heraus": Die Erinnerungen der Mezzosopranistin, Intendantin und Regisseurin Brigitte Fassbaender

 

Es gibt Sänger, deren Karrieren kurz aufleuchten und die wie ein Meteorit rasch verglühen. Andere, wie die von Edita Gruberova oder Dietrich Fischer-Dieskau, entwickeln sich zu Fixsternen. Und dann gibt es noch die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender, die in kein Sternbild passt: Sie verabschiedete sich 1995 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie wechselte erfolgreich ins Intendanten- und Regiefach. Im Frühjahr inszenierte sie am Gärtnerplatztheater "Der junge Lord" und bereitet für die nächsten Jahre den "Ring des Nibelungen" bei den Tiroler Festspielen in Erl vor.

Als Nachfeier zum 80. Geburtstag im Juli erscheinen heute die Lebenserinnerungen von Brigitte Fassbaender, die sich das Zitat "Komm’ aus dem Staunen nicht heraus" aus dem "Rosenkavalier" als Titel geliehen hat. Und sie hält sich auch an diese Maxime: Das Buch ist in angenehmer Weise frei von den unter älteren Herrschaften üblichen Jeremiaden über den Verfall des Singens und des Opernbetriebs.

Stetige Entwicklung

Im ersten Teil erzählt die Mezzosopranistin von ihrer Familie und ihrer Karriere, die sich stetig und ohne Krisen oder Skandale entwickelte. In Nürnberg nahm die gebürtige Berlinerin erst Unterricht bei ihrem Vater, dem großen Verdi- und Mozart-Bariton Willy Domgraf Fassbaender. 1960 trat sie ihr erstes Engagement an der Bayerischen Staatsoper an, wo sie sich über ein Jahrzehnt lang in kleinen und kleinsten Rollen entwickeln konnte.

Im "Rosenkavalier" sang sie erst eine adelige Waise, dann die Annina. Dann probierte sie den Octavian erst in einer geschlossenen Vorstellung und durfte danach hin und wieder Herta Töpper in der Rolle vertreten. In Otto Schenks legendär gewordener Neuinszenierung eignete sie sich 1972 dann unter der musikalischen Leitung von Carlos Kleiber die Rolle vollständig an – eine kontinuierliche, stetige Entwicklung und Reifung, die auch in der Ära des Ensembletheaters eher selten war.

Brigitte Fassbaender empfand den androgynen Charme, der ihrer Interpretation nachgesagt wurde, teilweise auch als Belastung: Sie lieferte sich auf dem Heimweg vom Nationaltheater nächtliche Verfolgungsfahrten mit Verehrerinnen, ihre Mülltonne wurde durchsucht, eine Doppelgängerin kopierte ihre Frisur, ihre Kleidung und ihren Schmuck. "Der Verwechslung der Rolle mit meiner Person begegnete ich mit jahrelanger Menschenscheu, mit Rückzug und Flucht in ein abgeschirmtes Dasein."

Die Mezzosopranistin konnte es sich leisten, Angebote von Herbert von Karajan abzulehnen. Sie machte eine Weltkarriere und blieb doch der Bayerischen Staatsoper bis zu ihrem plötzlichen Abschied treu. Brigitte Fassbaender macht kein Geheimnis daraus, dass gesundheitliche Probleme im Klimakterium die Ursache dafür waren. Außerdem wollte sie sich auf dem Höhepunkt der Karriere verabschieden: "Wenn man der Marschallin näher kommt in Psyche und Physis, ist es Zeit, Adieu zu sagen und das Feld der jüngeren Generation zu überlassen, die nachdrängt und nicht warten kann, bis ihr die Ehre widerfährt."

Nüchtern erzählt

Unmittelbar nach dem Abschied übernahm sie die Operndirektion in Braunschweig, später war sie Intendantin in Innsbruck und Leiterin der Garmischer Richard-Strauss-Tage. Illusionslos schildert sie, wie opportunistisch es im Theater zugeht, wenn die Intendanz wechselt. Sie hat sich immer an den Rat ihres Vaters gehalten, die Kantine zu meiden: "Da triffst Du die Frustrierten und Unzufriedenen."

Tagebuchartig beschreibt sie am Beispiel ihrer Inszenierung von Benjamin Brittens "A Midsummer Night’s Dream" die Theaterarbeit als Kollektivprozess. Fassbaender leidet sichtlich darunter, dass aus Gründen der Werkstätten-Planung mehr oder weniger alles vorher feststehen muss, was sich eigentlich erst zusammen mit den Darstellern entwickeln sollte: "Aber das ist ja immer so: Probenkostüme sind oft stimmiger und inspirierender als das, was dann im Endeffekt auf der Bühne erscheinen wird."

Diese in Künstler-Autobiografien ungewöhnliche Nüchternheit ist die große Stärke von "Komm’ aus dem Staunen nicht heraus". Brigitte Fassbaender schreibt sehr geradlinig über die von ihr erlebte Zerstörung Dresdens im Februar 1945, die Vergewaltigung ihrer Mutter durch russische Soldaten und die finale Pflegebedürftigkeit beider Eltern. Genauso schnörkellos geht sie mit ihrem Privatleben und der im siebten Jahr gescheiterten Ehe um. Irgendwann spielt im Buch Jennifer Selby die wichtigste Nebenrolle. Ganz selbstverständlich, ohne ein Coming-out. Der Nebensatz, sie habe sich zu Frauen hingezogen gefühlt, reicht aus. Und das ist auch gut so. 

Plácido Domingo war übrigens ein unverbesserlicher Frauenheld. Lesen Sie dazu: Brigitte Fassbaender über Plácido Domingo: "Vor seinen Avancen war keine sicher"


Brigitte Fassbaender: "Komm’ aus dem Staunen nicht heraus" (C.H. Beck, 381 S., 27.80 Euro). Zum 80. Geburtstag erschien bei der Deutschen Grammophon eine Box mit 11 CDs. Brigitte Fassbaender stellt das Buch am 24. November um 11 Uhr im Orchesterprobensaal des Gärtnerplatztheaters vor. Karten zu 12 Euro an der Kasse der Bayerischen Staatstheater.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading