Hundert Zeilen Lüge Wie Juan Moreno den Betrüger Claas Relotius entlarvte

Claas Relotius freut sich 2014 seiner Laudatorin Ilse Aigner über die Ehrung als "CNN Journalist of the Year 2014". Foto: dpa

In dem spannenden Buch „Tausend Zeilen Lüge“ beschreibt Juan Moreno, wie er Claas Relotius entlarvte

 

Was für eine Ironie: Der „Spiegel“-Reporter Claas Relotius hat einen der größten Medienskandale der deutschen Geschichte ausgelöst, indem er jahrelang Geschichten erfunden hat. Er ignorierte das graue Klein-Klein der Realität, ließ seiner Fantasie freien Lauf und lieferte so reihenweise Storys, von denen seine Kollegen nur träumen konnten. Doch ausgerechnet seine eigene, wahre Geschichte liest sich spektakulärer, als ein Autor sie erfinden könnte.

Aufgeschrieben hat sie Juan Moreno, der „Spiegel“-Kollege, der Claas Relotius Ende vergangenen Jahres enttarnt hat. Dieser war der Star-Reporter des deutschen Journalismus. Er hatte über vierzig Journalistenpreise gewonnen, wurde als erster Europäer überhaupt von CNN als Journalist des Jahres ausgezeichnet. Und das mit Anfang dreißig.

Maximale Fallhöhe

Die erfundenen Reportagen berauschten Redakteure und Jurys gleichermaßen, und sie passierten beim „Spiegel“ den Fakten-Check der Dokumentationsabteilung – es ist die größte weltweit. Kurzum: Der Fall Relotius hatte die maximale Fallhöhe. Und die Aufdeckung war spektakulär: Juan Moreno enttarnte Relotius im Alleingang, gegen massive Widerstände seiner Vorgesetzten und unter maximalem persönlichen Risiko. Deshalb liest sich sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“ in Teilen wie ein Thriller.

Moreno, freier „Spiegel“-Mitarbeiter, hatte den Auftrag erhalten, gemeinsam mit Relotius eine Reportage zu schreiben: Moreno begleitete gerade einen Flüchtlingstreck, der sich durch Süd- und Mittelamerika in Richtung USA vorarbeitete. Und dort sollte Relotius über eine Bürgermiliz schreiben: rechte Trump-Fans, die verhindern wollen, dass die illegalen Migranten über die Grenze gelangen. Moreno merkte bald, dass irgendetwas nicht stimmte.

Auf eigene Faust

Ein US-Undercover-Reporter hatte Monate gebraucht, um eine Bürgerwehr zu infiltrieren – wie konnte Relotius das in zwei, drei Tagen schaffen? Und hatte ein Milizionär wirklich auf einen Migranten geschossen, wie Relotius schrieb, also ein Kapitalverbrechen begangen, als der Reporter neben ihm stand? Moreno recherchierte auf eigene Faust und fand heraus: Die Männer auf den Fotos, die als Teil des Artikels „Jaegers Grenze“ im „Spiegel“ erschienen, waren nicht die, über die Relotius zu schreiben vorgab. Sie hießen anders, hatten andere Berufe, andere Lebensgeschichten. Doch seine Vorgesetzten glaubten ihm nicht, warfen ihm Rufmord vor. „Juan, das ist eine Hinrichtung“, sagte Ressortleiter Matthias Geyer, als Moreno erstmals Zweifel äußerte, „entweder deine oder die von Claas, und ich habe keinen Grund an meinem Autor zu zweifeln.“

Moreno, Vater von vier Kindern, stand vor dem beruflichen Aus, recherchierte wie besessen weiter, reiste in die USA. Dort sagten ihm zwei Protagonisten vor laufender Kamera: Sie haben Claas Relotius nie im Leben gesehen.

Doch unfassbarerweise überzeugten selbst diese Videoaufnahmen Morenos Vorgesetzte nicht: Vielleicht hatte er die Männer ja bezahlt, so die Antwort. Relotius erwies sich derweil als brillanter und wohlgeübter Lügner, als er Morenos Vorwürfe parieren musste. So dauerte es noch eine Weile, bis er aufflog.

Große Teile dieser Geschichte konnte man schon im Mai nachlesen: Der „Spiegel“ hatte eine Kommission ermitteln lassen und das Ergebnis veröffentlicht, obwohl es für das Magazin restlos vernichtend war. Aber in Morenos glänzendem Buch liest sich alles ungleich spannender, zumal er eindringlich den existenziellen Druck beschreibt, unter dem er stand. Und er verweist auf etwas höchst Pikantes: Die Vorgesetzten, die ihm nicht glaubten, hatten guten Grund zu hoffen, dass er unrecht hatte. Ressortleiter Matthias Geyer sollte Blattmacher beim „Spiegel“ werden, Relotius’ Förderer Ullrich Fichtner war designierter Chefredakteur. Und Claas Relotius? Sollte nach „Jaegers Grenze“ zum Ressortleiter aufsteigen.

Große Emotionen

„Der Aufzug nach oben stand bereit, sie waren eingestiegen“, schreibt Moreno. „In der letzten Sekunde aber stürmte Moreno in den Aufzug und schob den Fuß dazwischen.“ Kein Wunder, dass er die Filmrechte an dieser unglaublichen Geschichte schon verkauft hat. Aber sein Buch ist auch eine kluge Reflexion über das Genre der Reportage wie auch den Zustand des Print-Journalismus: In einer Branche, deren Umsätze massiv zurückgegangen sind – beim „Spiegel“ um 30 Prozent in den vergangenen zehn Jahren –, galt Relotius als Heilsbringer.

Seine Reportagen lieferten, was Kostenlos-Artikel im Internet niemals bieten: große Emotionen, Protagonisten mit spektakulären Schicksalen, hautnah begleitet. Und Relotius ließ die überkomplexe Welt stets ganz verständlich wirken, plausibel und nachvollziehbar wie in einem Hollywood-Film. In seiner Fantasiewelt gab es nichts Uneindeutiges. Relotius habe die Sehnsüchte von Lesern, Redakteuren und vor allem Preisjurys durchschaut, meint Moreno.

Ein notorischer Lügner

Mit seinen Lügengeschichten habe er an seiner Karriere gebaut, vor allem indem er auf Preise schielte, für Journalisten der einzige schnelle Weg nach oben, so Moreno. Wie er Relotius porträtiert, ist schlüssig und doch – als einzige Passage in diesem großartigen Buch – angreifbar: Er schildert Relotius’ Handeln als systematisch und zielgerichtet, sein Erfolg sei „von langer Hand geplant, kühl exekutiert“.

Ist das nicht auch vereinfachend und monokausal? In den Kopf von Menschen können Reporter nicht blicken, schreibt Moreno an einer anderen Stelle treffend.

Unzweifelhaft ist hingegen diese Einschätzung: Claas Relotius ist ein notorischer Lügner. Als ein „Spiegel“-Kollege den Abgetauchten kürzlich telefonisch erreichte, gab er vor, in einer Klinik in Süddeutschland zu sein. Etwa zur gleichen Zeit sah ihn eine Sekretärin in Hamburg auf dem Fahrrad. Eine Figur, wie aus einer brillanten Geschichte.

Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ (Rowohlt, 288 Seiten, 18 Euro)

 

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