"Hotel Budapest" im Kino Die Kunst raubt den Atem

Paul Schlase, Toni Revolori, Tilda Swinton und Ralph Fiennes (v. li.). Foto: Twentieth Century Fox

Nach dem Großen Preis der Berlinale jetzt im Kino: „Grand Budapest Hotel“ – eine Zweig-Adaption von Wes Anderson, die eine fantastisch aufgedrehte Welt von gestern zeigt

 

Alle sind sie scharf auf diesen „Jungen mit Apfel“. Millionen soll er wert sein. Dabei wissen gerade die bösen Buben nicht, wie es denn aussieht, dieses Renaissance-Gemälde eines gewissen Johannes van Hoytl. Als Fiesling Dmitri Desgoffe-und-Taxis (Adrien Brody) endlich erkennt, dass der sagenhafte Junge bei einem Diebstahl in seinem Schloss durch ein ordinäres modernes nacktes Weibsbild ersetzt wurde, dreht er durch. Jetzt müssen im Kino Kunstfreunde ganz stark sein: Denn Dmitri vernichtet wütend hier einen Egon Schiele und zeigt damit noch einmal seine ganze Kulturlosigkeit und indirekt auch seine Nähe zum Faschismus.

So anspielungsreich, so skurril, ja so europäisch wie in dieser Szene arbeitet in den USA derzeit nur ein Filmemacher: Wes Anderson, der mit „Grand Budapest Hotel“ gleich den großen Preis der Jury der Berlinale abräumte. Der intellektuelle Softie ist berühmt für seine skurrile Puppenhaus-Guckkasten-Ästhetik und seine kurios-spleenigen Charaktere. Mit seinem neuesten Werk, das vor allem in einem Görlitzer Warenhaus gedreht wurde, hat er sich nun selbst übertroffen.

Raffiniertes Zeitporträt der 30er Jahre

Vordergründig eine abenteuerliche Schnitzeljagd voller brillanter Actionsequenzen, wie einem irrwitzigen Gefängnisausbruch und einer altmodischen James Bond-Verfolgungsjagd auf Skiern, funktioniert seine künstlich überhöhte und künstlerisch geschlossene Komödie auch als raffiniertes, atmosphärisch an Stefan Zweigs „Welt von gestern“ angelehntes Zeitporträt der 30er Jahre.

Cineasten werden sich am virtuosen Spiel mit Filmmitteln (Schwarz-Weiß, Zeitraffer, Stop-Motion, 4:3-Stummfilmformat, drei Erzählebenen) ergötzen, „normale“ Kinogänger an der stargespickten (darunter Willem Dafoe als SS-Scherge), rasend komischen und gegen Ende sogar bewegenden Geschichte berauschen.

Im Mittelpunkt steht der penible Concierge Gustave (Ralph Fiennes), der den Gästen jeden Wunsch von den Lippen abliest und erfüllt – sei es auch ein Schäferstündchen mit einer 84-jährigen, liebeshungrigen Dame. Und weil pervertierter Perfektionismus auch einsam macht, hat Gustave nur eine wirkliche Bezugsperson. Den flüchtigen Lobby Boy „Zero“ (Tony Revolori). Dass der keine Null ist, beweist er beim gewagten Diebstahl des „Jungen mit Apfel“, den Gustave von einem seiner liebsten, aber leider verstorbenen Gäste (Tilda Swinton) vererbt bekommen hat. Wie dieses Gespann vor den Verwandten, die schon ihre NS-Zeit kommen sehen, flieht, ist so virtuos-temporeich inszeniert, dass man sich manchmal fast erschlagen fühlt.

Aber wer glaubt, zuviel verpasst zu haben, kann ja gleich noch mal im „Grand Budapest Hotel“ einchecken. Es lohnt sich.

Kinos: Atelier Leopold, Rio, City, Monopol (OmU) sowie Cinema
Regie: Wes Anderson (D, USA, 99 Min)

 

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