Homosexuelle in Uganda Bedroht und verfolgt: "Ich will mich nicht verstecken"

Das Schicksal hat sie zusammengeschweisst: Kyabangi und Sekulima aus Uganda. Foto: Petra Schramek

Kyabangi (35) und Sekulima (30) sind aus Uganda geflohen, weil sie als Homosexuelle dort diskriminiert wurden. In München haben sie neue Freunde gefunden. Jetzt droht beiden die Abschiebung.

München - Man könnte Kyabangi und Sekulima für ein Liebespaar halten, so zärtlich und vertraut gehen sie miteinander um. Doch sie sind kein Paar und werden es nie sein. Denn beide sind homosexuell. In ihrer Heimat Uganda wurden sie deshalb bedroht und verfolgt. Unabhängig voneinander flohen sie nach Deutschland. Erst in München, in einer Dependance der Bayernkaserne, lernten sie sich kennen und fassten gemeinsam neuen Lebensmut. Jetzt sollen Kyabangi und Sekulima abgeschoben werden.

Kyabangi (35) stammt aus einem Dorf etwa 80 Kilometer von der ugandischen Hauptstadt Kampala entfernt. Der Vater hat mehrere Frauen und so viele Kinder, dass Kyabangi ihre Geschwister nie gezählt hat. Mit 15 stellt sie fest, dass ihr Mädchen besser gefallen als Buben – ein Geheimnis, von dem sie niemandem erzählen kann. Denn Homophobie und Diskriminierung sexueller Minderheiten sind in Uganda weit verbreitet.

Kyabangi wird Hausmädchen bei einer Familie in Kampala – und verliebt sich in Winnie, eine der Töchter. Ihre Beziehung müssen die Frauen geheim halten. Eine lesbische Liaison mit einer Bediensteten wäre gleich in doppelter Hinsicht skandalös. „Eines Tages ist Winnie auf offener Straße getötet worden, weil sie eine Lesbe war.“ Kyabangi kämpft mit den Tränen.

Schockiert kehrt sie in ihr Dorf zurück. Um einer Zwangsehe zu entgehen, gesteht Kyabangi ihrer Mutter ihre Homosexualität. Als immer mehr Nachbarn, Onkel und Cousins die Hochzeit fordern, zieht die junge Lesbe zum zweiten Mal in die Hauptstadt. Anfangs läuft es gut in Kampala. Kyabangi mietet einen kleinen Kiosk an, verkauft Getränke, Süßigkeiten, Zigaretten. Sie hat ein winziges Zimmer – und findet eine neue Freundin. Sie ist glücklich.

Doch dann schwärzen Nachbarn sie bei den Behörden an. Und plötzlich hängen überall im Viertel Steckbriefe mit ihrem Namen, ihrem Foto – und dem Vorwurf: „Sodomie“. So wird Homosexualität in Uganda bezeichnet. Ihr Vermieter wirft Kyabangi aus der Wohnung. Unbekannte zünden den Kiosk an. Sie steht vor dem Nichts. Sie hat panische Angst – und schließlich Glück: Mitglieder einer Kirchengemeinde und Winnies Schwester helfen ihr mit Geld und einem neuen Pass, das Land zu verlassen. Im Sommer 2011 landet sie auf dem Münchner Flughafen.

Die Situation in Uganda spitzt sich währenddessen zu. 2013 bringt Präsident Yoweri Museveni ein Gesetz auf den Weg, das lebenslange Haftstrafen für Homosexuelle vorsieht und die Bürger dazu verpflichtet, Schwule und Lesben bei der Polizei anzuzeigen. Ursprünglich wollte Museveni sogar die Todesstrafe für Homosexuelle einführen.

Im August 2014 kippt Ugandas Verfassungsgericht dieses Gesetz – wegen eines Formfehlers. In den kommenden Wochen soll es erneut verabschiedet werden. Nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation sind im Januar 2015 allein in Kampala neun Menschen aufgrund ihrer Homosexualität verhaftet worden.

Sekulima (30) arbeitet in Uganda als Chef der Qualitätsprüfung bei einer Firma für medizinisches Equipment – bis sein Vorgesetzter erfährt, dass der aufstrebende Nachwuchs-Manager schwul ist. Sekulima wird gefeuert. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Abfindung. Und er wird bedroht.

„Einmal haben mir zwei Männer den Unterkiefer blutig geschlagen, weil ich mit einem ihrer Brüder befreundet war. Sie haben behauptet, ich würde ihn zum Homosexuellen machen. Dabei waren wir einfach nur Freunde.“ Bei dem Übergriff wird Sekulima schwer verletzt. In ein Krankenhaus traut er sich trotzdem nicht. „Dann hätte ich doch alles erklären müssen.“

Beim zweiten Angriff stechen ihm Jugendliche ein Messer in die Seite. „Verschwinde von hier, du Tier“, raunen sie. „Solche Dinge passieren überall in Uganda“, sagt Sekulima. „Jeden Tag.“ Aus Furcht um sein Leben flieht auch er.

Im August 2011 begegnen sich die beiden in der Erstaufnahmeeinrichtung an der Baierbrunnerstraße, einer Zweigstelle der Bayernkaserne. Kyabangi erkennt in Sekulima einen Besucher aus Winnies Elternhaus wieder. Sie werden Freunde. Doch es dauert Wochen, bis sie sich eingestehen, warum sie geflohen sind. „Man weiß ja nie, was der andere darüber denkt.“

Kyabangi ist in dieser Phase schwer depressiv. Die Vergangenheit nagt an ihr. Im Flüchtlingsheim will sie sich nicht outen. Sie hat Angst vor den Folgen. Sekulima hat sich Hilfe im Sub, dem Zentrum für schwule Männer, gesucht – und begleitet seine verunsicherte Freundin, ganz Gentleman, nun zur Lesbenberatungsstelle Letra.

Für Kyabangi beginnt ein neues Leben. „Sie ist Teil unserer Szene geworden. Sie hat hier ihre Heimat als lesbische Frau gefunden“, sagt Beraterin Diana Horn. Kein lesbisches Straßenfest und kein CSD finden mehr ohne Kyabangi statt. Immer in ihrem Schlepptau: Sekulima.

Die zwei träumen davon, Medizintechnik zu studieren (Sekulima) und Elektrikerin zu werden (Kyabangi). Doch ihre Asylanträge wurden abgelehnt. Die Regierung in Uganda würde Homosexuelle ausreichend schützen, so die Begründung.

Sekulima ist fassungslos. „In Holland und Finnland sind schwule Freunde als Verfolgte anerkannt worden. Und wenn deutsche Politiker nach Uganda fahren, verurteilen sie die Diskriminierung. Aber uns sagen sie: Es gibt kein Problem.“ Aber so lange ihre Anwälte noch um das Bleiberecht kämpfen, geben Kyabangi und Sekulima die Hoffnung nicht auf. „Ich will nicht mehr leben wie ein Tier. Ich möchte mich nicht mehr verstecken. Lieber sterbe ich“, sagt Sekulima. Seine schüchterne Gefährtin nickt.

Die Lesben-Beratungsstelle Letra unterstützt Flüchtlinge, indem sie Fahrt- und Rechtsanwaltskosten ihrer Klientinnen übernimmt sowie Deutschkurse für sie finanziert.

Dabei ist der Verein auf Spenden angewiesen:

Lesbentelefon e.V.
Stichwort: Flüchtlingshilfe
IBAN: DE647015 00000013138540
BIC: SSKMDEMM