Holger Engelmann im AZ-Interview Webasto-Chef: "Kinder von Mitarbeitern dürfen nicht in den Kindergarten"

Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender der Webasto SE. Foto: Webasto Group

Webasto-Chef Holger Engelmann spricht in der AZ über Vorverurteilung seiner Mitarbeiter und die nächsten Schritte.

 

Holger Engelmann ist der Vorstandsvorsitzende der Webasto SE. Die Firmenzentrale des Autozulieferers in Stockdorf bleibt vorerst wegen des Virus geschlossen - die Mitarbeiter und deren Familien erfahren teilweise sogar Ausgrenzung.

AZ: Herr Engelmann, die schnelle Reaktion Ihres Hauses auf den Corona-Fall wird allseits gelobt. Andererseits ist Webasto jetzt auch als der Corona-Herd in Deutschland bekannt. Ist das für das Image eher gut oder eher schlecht?
Holger Engelmann: Wir bekommen im Augenblick sehr viele positive Rückmeldungen für unsere transparente und schnelle Kommunikation und unser Krisenmanagement. Dies gibt uns viel Kraft in dieser besonderen Situation, denn für uns steht nicht nur das Wohl unserer Mitarbeiter, sondern auch der Gesellschaft insgesamt im Vordergrund. Was dabei oft untergeht, ist, dass bis auf China an all unseren Standorten außerhalb von Stockdorf der Betrieb ganz normal weiterläuft. In Stockdorf können unsere Kolleginnen und Kollegen, die hier zentrale Funktionen für die Webasto-Gruppe erfüllen, ihre Arbeit vorübergehend auch digital erledigen.

Sie haben die Ausgrenzung von Mitarbeitern Ihres Hauses in der Gesellschaft beklagt. Können Sie Beispiele nennen?
Eltern und Lebenspartner von Mitarbeitern, die nicht zur Risikogruppe gehörten, wurde von ihren Arbeitgebern bis auf Weiteres ins Homeoffice gesandt, bis eine negative Testbescheinigung des Kindes oder Partners vorliegt. Kindergärten haben Kindern von Webasto-Mitarbeitern den Besuch des Kindergartens bis auf Weiteres untersagt. Die Steuerberaterin der Mutter einer Mitarbeiterin wurde ins Homeoffice geschickt.

Ist die Infektionskette bei Webasto unterbrochen?

Den in Deutschland lebenden Infizierten geht es dem Vernehmen nach ganz gut. Wie geht es Ihrer chinesischen Mitarbeiterin, die in ihre Heimat zurückgekehrt ist?
Wir stehen in engem Austausch mit unseren Mitarbeitern und freuen uns, dass es allen in China und in Deutschland positiv getesteten Mitarbeitern gut geht und die Krankheit bei ihnen einen relativ leichten Verlauf zu nehmen scheint. Einige davon sind auch schon symptomfrei.

Kann man sagen, dass Webasto jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Virusträger des Unternehmens in Deutschland identifiziert hat oder können noch weitere Fälle kommen?
Da wir den Standort am 29. Januar frühzeitig vorsorglich geschlossen haben, die Risikogruppen schnell eingegrenzt und die Mitarbeiter gebeten haben, im Homeoffice zu arbeiten, gehen wir davon aus, dass wir die Infektionskette im Unternehmen unterbrechen konnten.

Sie haben Produktionsstätten in China, sogar in Wuhan. Was passiert jetzt dort?
Bis Ende Januar waren unsere chinesischen Werke im Rahmen der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten geschlossen. Der Start unserer Produktion wird sich voraussichtlich auf den 9. Februar verschieben, da sowohl die chinesischen Behörden als auch unsere Kunden vor Ort die Schließung ihrer Werke verlängert haben. Für die Region Hubei, in der Wuhan liegt, werden die chinesischen Behörden die Beschränkung für den Personen- und Güterverkehr voraussichtlich am 17. Februar wieder aufheben. Wir sind täglich im engen Kontakt mit den chinesischen Behörden, da derzeit nicht auszuschließen ist, dass sich dieser Zeitplan nochmals verschieben wird.

Coronavirus bei Webasto: Der finanzielle Schaden ist noch unklar

Wie lange kann Webasto diese Krise aushalten, ohne dass ernsthafte wirtschaftliche Schäden eintreten?
Wir können Auswirkungen auf die globalen automobilen Lieferketten derzeit nicht ausschließen. Zum heutigen Zeitpunkt sind keine Werke außerhalb von China von einer Schließung betroffen. Einen möglichen finanziellen Schaden für unser Unternehmen können wir aktuell nicht beziffern, da unklar ist, wie sich die Situation – vor allem auch die Nachfrage von unseren Kunden, die in China produzieren – weiterentwickelt.

Abgesehen von Webasto: Wie stark kann Ihrer Ansicht nach Corona die Weltkonjunktur beeinträchtigen?
Die Einschätzung des Ausmaßes wäre zum jetzigen Zeitpunkt rein spekulativ. Sicher jedoch ist, dass sich die chinesische Schließung der Infrastruktur und damit der Werke der ansässigen Unternehmen negativ auf die konjunkturelle Entwicklung in China auswirken wird. Entscheidend für das globale Ausmaß wird hier sicherlich die weitere Entwicklung der Neuinfektionen sein – und die Maßnahmen der jeweiligen Firmen und Regierungen.

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