Hofspielhaus Der "Jedermann" im Corona-Modus

Diana Marie Müller (Buhlschaft und gute Werke), Markus Böker (Jedermann) und David Hang, der den Tod, Jedermanns Gesellen und den Glauben spielt. Foto: Chris Hirschhäuser

Das Hofspielhaus zeigt den „Jedermann“ als szenisches Hörspiel im schönen Hof-Ambiente

 

Der Jedermann hat es schon wirklich schwer, besonders schwer in unseren Zeiten. Denn während der reiche Bonvivant sich im Stück von Hugo von Hofmannsthal (uraufgeführt 1911) bereits mit Tod und Teufel herumschlagen muss, so setzt ihm jetzt auch noch die Corona-Krise zu. So darf er seinem treuen Gesellen nicht näher als 1 Meter 50 kommen, geschweige denn die Hand zum Abschied schütteln. Und selbst seine Buhlschaft muss auf Distanz bleiben, ja, er darf sie nicht mal busseln!

Stattdessen lesen die drei Spieler im Hof des Hofspielhauses gerade in solchen Momenten die Regieanweisungen vor und überlassen die Berührungen und leidenschaftlichen Küsse der Fantasie des Publikums. Was auch einen gewissen Witz hat: Der Virus sorgt hier für Anstand und Sitte; und als Anstands-Wauwau schaut die Buhlschaft aus einem der Fenster über dem Hof des Hofspielhauses und pustet bei verbotenen Annäherungen durchdringend in eine Trillerpfeife: Achtung, Abstand! Ein „Hof Hör Spiel“ haben Regisseur Georg Büttel und sein Team Corona-bedingt aus dem alten Klassiker gemacht, weshalb dann auch vor allem Worte und Klänge die Welt des Jedermanns evozieren sollen.

Der Himmel ist weit

Ein schweißtreibendes physisches Spektakel wie es alljährlich auf dem Domplatz in Salzburg stattfindet, ist derzeit kaum möglich, und man darf gespannt sein, wie die Salzburger, die auch in diesem Jahr nicht auf ihren „Jedermann“ verzichten wollen, dieses Problem lösen werden. Die Verhältnisse im Hofspielhaus sind von Grund auf kleiner und beengter, aber im Hof des Hauses von Prinzipalin Christiane Brammer entsteht allemal eine schöne Open-Air-Atmosphäre. Der Himmel über dem Hof ist blau und weit, zwei Tauben flattern der Atmosphäre dienlich durch die Gegend und der Abend senkt sich allmählich über das Geschehen, so wie der Jedermann seinem Ende langsam, aber sicher entgegendämmert.

An drei randständigen Pulten lesen und spielen Markus Böker, Diana Marie Müller und David Hang, während das Publikum dazwischen als Festgemeinschaft figuriert. Der Jedermann lässt es ja noch mal tüchtig krachen, bevor er sich auf die Reise macht, dabei nach Gefolgsleuten in den Tod sucht, letztlich zum Glauben findet und so immerhin der Hölle entkommt. Was es an Feierlichkeiten nicht zu sehen gibt, liest David Hang zumindest schwungvoll vor. Hang ist insgesamt für die komödiantischen Einlagen zuständig, wechselt zwischen den Rollen mit witziger Behändigkeit, sei es, dass er die Mutter des Jedermann als betulich frömmelndes Mamamonster gibt oder dem Hausvogt einen Ossi-Akzent verleiht, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Als „Tod“ und „Glaube“ schlägt er jedoch ernste Töne an und trägt dazu bei, dass die Tragödie des zum Sterben verurteilten Mannes auch im kleinen Hofspielhaus-Hof an einnehmender Größe gewinnt.

Markus Böker ist ein Jedermann, wie er sein sollte: kein übertriebener Macho, kein Jammerlappen, sondern ein charismatischer Lebemann, der allein mit seiner sonoren Stimme joviale Autorität ausstrahlt. Bis er dem Tod ins Auge sehen muss und seine Lebenskraft ins Leiden umkippt – ein robustes, starkes Leiden.

Dem Missionarischen treu

Für Diana Marie Müller ist es nicht ganz leicht, eine Buhlschaft im Stillstand zu spielen, aber etwas Verführung gelingt ihr mit der Stimme, und vor allem in der Rolle der guten „Werke“, die zerbrechlich und eher als leiser Hauch dem Jedermann zur Seite stehen, ist sie rührend. Durch angefeuchtete Finger bringen sie mit Wasser gefüllte Gläser in Schwingung und untermalen so die überirdischen Momente der Erzählung. Eine Klangschale, das harte Auftocken roter Besenstile, die trippelnden oder schlurfenden Schritte von Hangs Nebenfiguren komplettieren dieses „Hof Hör Spiel“, dem man mit wachsender Freude lauscht. Dem christlich Missionarischen des Stücks bleibt die Inszenierung treu: Der Jedermann wird bekehrt, das letzte Lebenslicht in harmonischer Eintracht ausgepustet. Das wirkt selbst auf Atheisten tröstlich: So lässt man sich gerne mit Glauben infizieren.

Und im Hofspielhaus geht der Theatersommer jetzt richtig los: Neben den Hof-Aufführungen gibt es ab dem 14. Juli „Theater für alle“ in der Passage nebenan, Eingang Falkenturmstraße 8 (Dienstag und Mittwoch, 19 Uhr; Sonntag, 16 Uhr; Eintritt frei); am 25. und 26. Juli am Platz vor der Klosterkirche St. Anna im Lehel (jeweils 15 und 18 Uhr, Eintritt frei). Gespielt wird, für Jederfrau und Jedermann.

Das gesamte Sommer-Programm findet sich unter www.hofspielhaus.de; „Jedermann“: Tickets für 25 Euro, inklusive Mini-Menü & Begrüßungsgetränk; karten@hofspielhaus.de oder Telefon 242 09 333

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