Hölderlins Geister Karl-Heinz Ott über die Wirkung Hölderlins

Der Tübinger Hölderlinturm ist eine Kopie: Er brannte 1875 bis auf die Grundmauern ab und wurde mit spitzerem Dach neu errichtet. Auch das angrenzende Haus wurde erweitert. Foto: Weisbrodt/dpa

Karl-Heinz Ott gibt einen essayistischen Überblick über die Wirkungsgeschichte des schwäbischen Pindar

 

Die Ermunterung junger Talente war nicht gerade Goethes starke Seite. Schubert bekam keine Antwort auf eingesandte Lieder. Als Direktor des Weimarer Theaters verdarb er die Uraufführung von Kleists „Zerbrochnem Krug“ durch die Zerstückelung in drei Akte. Und Hölderlin riet Goethe, sich eher an kleinere Gegenstände zu halten und nicht immer gleich zu Übergroßem zu greifen.

Karl Heinz Ott, der zu Hölderlins 250. Geburtstag ein gelungenes Buch über die Wirkung des schwäbischen Lyrikers geschrieben hat, zitiert diese etwas philiströse Bemerkung des Klassikers nicht ohne klammheimliche Zustimmung. Der 1957 in Ehingen an der Donau geborene Schriftsteller, Essayist und Übersetzer ist ein liberaler Skeptiker, der in „Hölderlins Geister“ mehr als einmal durchblicken lässt, dass er den hohen Ton bei aller Sympathie für die Sprachkunst des großen deutschen Lyrikers bisweilen auch hohl findet.

Das entscheidende "Aber"

Aber er bleibt nicht bei der Meinung stehen. Er begründet sie: etwa durch die Beobachtung, wie Hölderlins Lieblingsworte „aber“ bei Merksätzen wie „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ für gehobene Stimmung sorgt. Füllwörter wie „doch“, „nämlich“ und „zwar“ erzeugen im Verbund mit Wortballungen wie „göttlichschön“, „gewittertrunken“ oder „heilignüchtern“ einen hymnischen Ton, der zu zerfallen droht, wenn man wagt, ihn in Prosa zu übersetzen.

„Ein Hang zum Vieldeutigen und Schwerverständlichen zeichnet Hölderlins Verse aus. es ist viel die Rede von den Himmlischen, vom Göttlichen, vom Vater Äther“, findet Ott. Diesen Tonfall entlieh Hölderlin bei seinem großen Vorbild, dem altgriechischen Dichter Pindar. Im Vergleich zum antiken Vorbild ist sein hymnischer Ton „allerdings elegisch getränkt, schließlich besingt er eine Welt, die es nicht mehr gibt“, wie es in „Hölderlins Geister heißt“.

Der Schwabe träumt von der Wiederkehr der vom Christentum vertriebenen Götter und Helden. Aber er idealisiert in seiner Sehnsucht nach dem Heiligen und Ewigen die Antike: Ott errinnert mit dem französischer Alt-Historiker Paul Veyne daran, dass bei Plato oder Diodor nachzulesen ist, dass gebildete Griechen und Römer Zeus und Herakles ungefähr so ernst nahmen wie heutige Erwachsene das Christkind: „Die Kinder glauben dran, die Großen möchten bloß das Ritual nicht missen.“

Dionysos und Chateaux Margaux

Ott führt dieses Thema bis an die Grenze der Boshaftigkeit durch, wenn er Hölderlins Bordeaux-Reise mit der von Thomas Jefferson engführt. Während sich der deutsche Dichter im dortigen Weinanbaugebiet dem Gott Dionysos nahe fühlte, besuchte der Amerikaner die schon damals mythischen Chateaux Margaux und Lafite. Dann maß der Amerikaner den Abstand der Rebstöcke und erkundigte sich nach den Löhnen, weil er wissen wollte, was es heißt, in der Neuen Welt Wein anzubauen.

Für Hölderlin war das Griechenland der Oden Pinars Vorbild einer zukünftigen, schöneren Welt. „Das Christentum ist schuld, dass es diese Welt nicht mehr gibt. Mit ihm ist alles auseinandergefallen, Glaube und Wissen, Mensch und Natur, Leib und Geist“, beschreibt Ott die Haltung des Dichters. „Hinter den Wogen des Meers soll sich wieder Poseidon verbergen, das Donnergrollen wieder von Zeus kommen.“

Das von Hölderlin gefeierte Heldische führte dazu, dass der Dichter im Tornister der Soldaten des Ersten Weltkriegs landete. Für den griechensüchtigen Philosophen Martin Heidegger war der Dichter ein wichtiger Bezugspunkt. Die Idee der Wiederherstellung einer alten Einheit lockte auch andere Konservative und Rechte, sich des Dichters zu bemächtigen.

Nach 1968 entdeckt man den kurz mit der Französischen Revolution sympathisierenden Hölderlin. Die neue Kritik an der bürgerlichen Vernünftigkeit und das wachsende Interesse an Ganzheitlichkeit brachte Hölderlin in die Regale studentischer WGs. „Man rennt mit Hölderin gegen den Weimarer Klassizismus an, kürt ihn zum Hohepriester griechisch-germanischen Heroentums, stilisiert ihn zum frühen Marxisten“, resümiert Ott.

Der simulierte Wahnsinn

1969 erscheint ein Buch des französischen Literaturwissenschaftlers Pierre Bertaux. Der glaubt, Hölderlin habe den Wahnsinn nur vorgetäuscht und sei ein „edler Simulant“ geworden, um der politischen Verfolgung als Jakobiner zu entgehen. „Im Zuge der antipsychiatrischen Kritik am Einsperren und Wegschließen wird Hölderlin als berühmtes Beispiel dafür angeführt, dass die westliche Moderne alles Abweichende als wahnsinnig stigmatisiert“, heißt es in „Höderlins Geister“.

In diesen Jahren schreibt jemand mit der Spraydose „Der Hölderlin isch et verruckt gwä“ auf Schwäbisch und in Sütterlin auf die Wand des Hauses, in dem der Dichter von 1807 bis zu seinem Tod im Jahr 1843 von der Familie Zimmer gepflegt wurde. Hier, in der Universitätsstadt Tübingen kurz vor der Bologna-Reform, endet Otts essayistisch geschriebenes und in kurze Abschnitte gegliedertes Buch.

Hellas mit der Seele

Es setzt beim Leser eine Hölderlin-Grundkenntnis voraus. Aber der Autor hat die Gabe, komplexe Sachverhalte knapp und treffend zusammenzufassen. Wer eine Skepsis gegenüber dem Pomp des großen Ganzen, das sich noch immer als das Unwahre erwiesen hat, wird seinen Spaß daran haben, wenn neben der Darstellung von Hölderlins Wirkungsgeschichte einigen berühmten Herren eins mitgegeben wird. Wie in einer Abschweifung etwa Ernst Jünger, der im Kongo Flußpferde, Krokodile oder auch Kannibalen treffen möchte, aber nur Kraftwerke sieht: „Der Mann aus Wilflingen nutzt gern die Möglichkeit in der Welt herumzureisen, die Leute im Kongo sollen im Ursprünglichen verharren.“

Hölderlin wusste das wohl. Daher suchte er Hellas lieber mit der Seele, statt sich persönlich auf den Weg nach Griechenland zu machen.

Karl-Heinz Ott: „Hölderlins Geister“ (Hanser, 239 S., 22 Euro)
 

 

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