Historisches München Die 60er: Schwabings wilde Jahre in wilden Fotos

Es waren wilde Zeiten damals in den 60er in Schwabing. In den Clubs spielten spätere Weltstars... Foto: Ulrich Handl

Eine Ausstellung in der Pasinger Fabrik zeigt die Beat-Konzerte und Partys der 60er – eine Ära in Schwarz-Weiß und Farbe. Ulrich Handls Fotos zeigen eine andere Welt: mit Weltstars, Witz und gewagten Frisuren.

 

München - Dienstag, 8. November 1966. Jimi Hendrix betritt um kurz nach 16 Uhr die Bühne. In Großbuchstaben klebt sein Name darüber – falsch geschrieben. "Jimmy Hendrix Experience".

Was folgt, ist einer der beeindruckensten Auftritte des künftigen Weltstars. Seine Finger, seine Lippen, seine Zunge, ja seine Zähne spielen die Gitarre, in völliger Rage, als wäre er ferngesteuert. Beim letzten Lied ziehen die Fans den 24-Jährigen von der Bühne. Hendrix versucht, seine Gitarre zu retten – sie bricht. Er spielt weiter, wutentbrannt. Als der letzte Ton noch durch den Raum klingt, hat der Künstler die Gitarre in den Verstärker gerammt, das Schlagzeug umgetreten und die Bühne verlassen.

Als Jimi Hendrix in München spielte

Es gibt keine Filmaufnahmen von jenem Nachmittag im Big Apple Club in der Leopoldstraße in Schwabing, und es würde auch nur wenige Fotos geben. Hätte sich nicht ein 20-Jähriger immer wieder erhoben und Bilder geknipst. Sein Name ist Ulrich Handl. Heute, mehr als 53 Jahre später, stellt er die Fotos aus: in der Pasinger Fabrik. Eine mitreißende Dokumentation der wilden Jahre.

"Schwabing war in den 60er-Jahren der Mittelpunkt der neuen Musikrichtung", sagt Ulli Handl. Der 73-Jährige sitzt in seinem Wohnzimmer, vor ihm zwei dicke Fotoalben aus Plastik. Handl wirkt deutlich jünger, als er ist, seine blauen Augen strahlen. Er trägt eine Lederweste mit Fransen und ein Lederkettchen mit Würfelanhänger. "In der Leopoldstraße zwischen Franz-Joseph-Straße und Ainmillerstraße waren die Highlights: die ersten Beatclubs."

Schwabing war ein Hotspot, hier traten die Großen der Szene auf

1963 hatte der Tanzclub Big Apple eröffnet, "die Schauspieler, die Möchtegerns, die Playboys" gingen hier ein und aus, sagt Handl. Direkt nebendran war das PN Hit House. Dort ging es locker zu: "Wir waren in deren Augen die Gammler, die Rocker", sagt Handl lachend. "Das PN war, im Rückblick gesehen, das Beste, das uns passieren konnte", schwärmt er. "Wir haben keinen Frust geschoben, sondern alles weggetanzt."

Peter Naumann, Inhaber des PN, lud Bands aus aller Welt ein. Bald zog auch der Big Apple Club nach. Es war die Zeit des Vietnamkrieges, der Studentenbewegung, der sexuellen Revolution. Von überall strömten junge Menschen nach Schwabing, viele kamen per Anhalter.

Mit den Bee Gees nach London: Münchner hautnah dabei

Handl machte zu dieser Zeit eine Ausbildung zum Werbekaufmann. Seine Leidenschaft aber war die Fotografie. Für 1,50 Mark verkaufte er im PN die Abzüge der Fotos, die er im Jugendhaus entwickelt hatte. "Ich war mittendrin und vorne dran", sagt er stolz. "Das war das Schöne an dieser Zeit: Dass wir mit diesen Musikern Freundschaften aufgebaut haben, die zum Teil bis heute reichen." Da ist er zum Beispiel mit Rick Davies mit dem Schiff nach London gefahren und hat bei Gilbert O’Sullivan übernachtet. Ein andermal: "Mit den Bee Gees in London, erste Klasse rübergeflogen", sagt der 73-Jährige, zwinkert und streckt die Zunge raus.

Handl schießt mit Namen um sich, dass einem schwindelig wird, er springt von einer Geschichte zur anderen und ist empört, wenn man den Namen eines Gitarristen nicht kennt. Mehr als 150 Bands umfasst Handls alphabetische Liste der von ihm fotografierten Künstlerinnen und Künstler – darunter die Beatles, die Rolling Stones oder Led Zeppelin.

10.000 Fotos aus den 60er digitalisiert

Dass er so viele Bands kennen lernte, hat Handl auch Bubi Heilemann zu verdanken: Handl wurde Assistent des Fotografen und späteren stellvertretenden Chefredakteurs der Jugendzeitschrift "Bravo". Anschließend spezialisierte sich Handl auf Familienfotografie, "weil ich gut mit Kindern konnte", sagt er, "Ich hab aber auch viele andere Jobs gemacht, um zu überleben."

Heute ist Handl froh, dass er keine gewöhnlichere Fotografenlaufbahn eingeschlagen hat. "Der Spaß kommt erst im Nachhinein: Wenn man eine Situation fotografiert hat und danach sieht, was da für Erinnerungen hochkommen", sagt er. "Ich werde mit jedem Bild an so viele Erlebnisse erinnert. Das macht mich glücklich und ich will es mit anderen teilen."

Deshalb hat Handl vor 15 Jahren begonnen, um die 10.000 analogen Fotos aus den wilden 60ern in München zu digitalisieren. Bei seiner Vernissage soll es ein Fan-Suchbild geben: "Wenn einer seine Eltern oder Großeltern auf den Fotos entdeckt, kriegt er einen Gratisabzug", sagt Handl grinsend.

"Und dann hat Hendrix die Uschi kennengelernt, dann war er wieder glücklich"

Von seinen Kollegen höre der Fotograf oft: Du hängst zu sehr in der Vergangenheit. Handl blättert widerwillig durch sein Fotoalbum: "Ja", sagt er, "aber ich muss das ja auch erstmal alles verarbeiten."

So zum Beispiel Jimi Hendrix’ Auftritt. Der 20-jährige Ulli Handl geht danach zu dem verunsicherten Künstler hinter die Bühne und beschwichtigt: "Wir waren alle beeindruckt." Dem DJ des Clubs erklärt er, dass er schnellstmöglich den Namen ändern müsse. "Und dann hat Jimi Hendrix noch die Uschi Obermaier im Gang kennen gelernt, dann war er wieder glücklich."


"Beat in Schwabing" ist von Mittwoch, 5. Februar an, bis zum 8. März in der Pasinger Fabrik, August-Exeter-Straße 1, zu sehen. Di bis So 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr.

Lesen Sie hier: Historisches München - Rechts der Isar - 1948 bis 1966

 

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