Hilferufe angesichts der Touristen-Flut Overtourism in den Ferien: Dem Oberland graut's schon

Hier geht nix mehr: ein Wanderparkplatz im Suttengebiet bei schönstem Sommerwetter. Viele stellen dann ihr Auto einfach in der Natur ab. Foto: Klaus Wiendl

In knapp zwei Wochen starten auch die Bayern in die Ferien. Viele werden den Süden des Freistaats als Alternative zum Ausland entdecken wollen. Den Einheimischen wird angst und bange. 

 

München - Bereits gegen elf Uhr ist ein Stau auf der A 8 Richtung Irschenberg gemeldet. Bis zu 45 Minuten Geduld werden dem Ausflügler abverlangt, so der Liveticker des Tourismusverbands Oberbayern am Sonntag. Doch schon seit zehn Uhr sind die Parkplätze am Sudelfeld, in Birkenstein und Geitau "voll belegt". Gleiches gelte für "alle Parkplätze an den Badestellen und Freibädern des Starnberger- und Ammersees", ist auf dem Ausflugs-Ticker nachzulesen. Der Besucherlenker via Internet empfiehlt: "Bitte weicht auf den ÖPNV aus."

Doch wer will schon in Zeiten der Ansteckungsgefahr durch Corona in dicht gedrängten S-Bahnen oder Busse stehen? Dann doch lieber das eigene Fahrzeug, sagen sich wohl die meisten Tagesausflügler, auch wenn es länger dauert und man damit am Zielort mangels Stellplatz zum Wildparker wird. Ein Trend, auf den die Einheimischen in Tourismus-Hotspots allergisch reagieren. Ihre Hilferufe werden angesichts der Touristen-Flut immer lauter.

Was am Walchensee los ist, sei "der totale Horror"

Überlegt werden am Walchensee bei Überlastung beispielsweise "lokale temporäre Sperrungen". Sie sind für den Landrat von Bad Tölz-Wolfratshausen, Josef Niedermaier, "längst überfällig." Kommunalpolitiker denken dort auch an eine "Tageskurkarte", eine Art Eintrittsgeld für Ausflügler. Der Vorschlag werde bereits vom Innenministerium geprüft. Bislang ist es für den Landtagsabgeordneter Martin Bachhuber (CSU) noch "der totale Horror", was sich am Walchensee abspiele. Ins gleiche Horn stößt auch Thomas Holz.

Der Bürgermeister von Kochel am See beklagt, dass die Kapazitätsgrenzen "absolut ausgeschöpft" seien. "Zwar sind wir mit Unterstützung der Fachbehörden dabei, nachzujustieren, doch wir steuern auf einen Kollaps hin." Die Badesaison beginne erst. "Zu den Wanderern, die jetzt bereits für ein Chaos sorgen, bekommen wir dann vermehrt Badegäste dazu. Das werden unsere Straßen nicht mehr schaffen und die Rettungskräfte kommen nicht mehr zu den Patienten durch", so Holz.

Eck: "Die Anwohner hier nicht absaufen lassen"

Am Königssee will Nationalpark-Chef Roland Baier ein "Betretungsverbot in den nächsten drei bis fünf Jahren" für einen Hotspot unter Influencern erlassen: den Königsbachfall mit seiner Gumpe (AZ berichtete). Gehypt wird er etwa auf Instagram als spektakulärster "Infinity Pool am Königssee". Überwiegend junge Leute stehen also an Sommertagen im felsigen Gelände Schlange für einen Schnappschuss. Schon mancher ließ dafür sein Leben, weil der hochalpine Felsstock unterschätzt wurde. Zudem sei der "Vandalismus nicht mehr hinnehmbar", sagt Baier.

Bislang wird noch nach dem Patentrezept gegen den Overtourism gesucht. Die Rede ist von kürzeren Taktzeiten bei Bahnen und Bussen, mehr oder weniger Parkplätzen bei höheren Gebühren und einer Ausflügler-App zur Besucher-Lenkung. "Wir müssen dauerhafte Maßnahmen ergreifen", sagte jüngst Innen-Staatssekretär Gerhard Eck (CSU) bei seiner Walchensee-Visite. Denn man könne "die Anwohner hier nicht absaufen lassen."

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