Hildebrand-Haus Die Monacensia würdigt Erika Mann

Erika Mann (rechts) und die Schauspielerin Therese Giehse waren zwischen 1927 und 1937 liiert. In der Emigration zerbrach ihre Beziehung, aber sie blieben befreundet. Das in der Ausstellung gezeigte Foto entstand 1968. Foto: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

„Wer immer lügt, dem wird man glauben“ – die Erika Mann-Ausstellung in der Monacensia im Hildebrandthaus

 

Das Literaturarchiv Münchens im Bogenhausener Hildebrandhaus, erfindet sich schon eine gute Weile neu. Dabei spielen die Nachlässe von Erika und Klaus Mann, der beiden ältesten Kinder des Nobelpreisträgers Thomas Mann, eine besondere Rolle. Als Schenkung der Familie 1972 (Klaus) und 1976 (Erika) ins Haus gekommen, erfreuen sie sich einer regen Nutzung, die auch online möglich ist.

Aus Anlass des 50. Todestags von Erika Mann im August wurde nun eine Programmausstellung konzipiert, die ebenfalls neue Wege geht. Erika Mann ist hier nicht mehr nur „die Tochter“ Thomas Manns oder „die Schwester“ des literarisch produktiveren Klaus Mann (dessen 70. Todestag im Mai 2019 beinahe in Vergessenheit geraten ist). Vielmehr wird sie mit den drei Themen vorgestellt, die ihr Leben zwischen 1933 und 1945 bestimmt haben: das Kabarett, die Reportage und der politische Appell. Erstaunlich daran ist, dass vieles von dem, was Erika Mann thematisiert, sich gerade heute als erstaunlich aktuell erweist.

Glaube an moralische Ideale

So Erika Manns 1943 formuliertes „Prinzip“, ihr hartnäckiger Glaube an einige grundlegende moralische Ideale – Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz. Warum sind solche Tugenden heutzutage immer weniger gefragt? Warum erinnert der Appell „Beteiligt Euch, – es geht um Eure Erde!“ uns heute an Greta Thunberg? Die Kuratorin der Ausstellung, die Philologin Irmela von der Lühe und das junge, überwiegend weibliche Team der Monacensia stellen sich einer anspruchsvollen Aufgabe: Erika Manns Wirken auf den springenden Punkt zu bringen.

Als erste weibliche Gründerin und Leiterin eines politischen Kabaretts begann Erika Mann mit der „Pfeffermühle“ im Januar 1933 in der Bonbonnière am Münchner Platzl. Sie musste nach der Machtergreifung Hitlers mit dem Ensemble in die Schweiz emigrieren und setzte ihren kabarettistischen Kampf gegen Hitler in verschiedenen europäischen Ländern bis in die USA fort, wo die „Peppermill“ 1936 im Misserfolg endete: Das Publikum fand keinen Bezug zu den Liedern und Sketchen der Emigranten.

Kabarettistin wird aber auch eine Erika Mann nicht einfach so. Voraussetzung war ein großes schauspielerisches Talent, das sie schon als Kind und Jugendliche zeigte. Ihre Spezialität war das Lügen, wie sie selbst in einem Rundfunkgespräch 1968 bekannt hat. Sie habe als Siebenjährige so sehr gelogen, dass ihr Vater sie zur Seite nahm und ihr eindringlich ins Gewissen redete: „Stell Dir bitte einmal vor, was passieren würde, wenn wir alle immerzu lögen. Wir könnten uns ja gegenseitig gar nichts mehr glauben, wir würden uns gegenseitig überhaupt nicht mehr zuhören, weil es ja viel zu langweilig wäre und es wäre gar kein Leben.“

Lügenprinz Hitler

Daher, aufgrund des eigenen Lügen-Talentes und des väterlichen Einspruchs, konnte Erika Mann in der „Pfeffermühle“ das Lied vom „Lügenprinz“ vortragen, das damals auf Hitler gemünzt war, heute aber, in den Tagen der Fake News und Trump, aktueller ist denn je: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, / Wer immer lügt, dem wird man glauben.“

Bühne, Schreibtisch, Automobil, das waren die Schauplätze der jungen „neuen Frau“. Viele der zahlreichen Feuilletons zeigen ihr Talent für Timing und Pointe. Die kurze Ehe mit dem ehrgeizigen Schauspieler Gustaf Gründgens, die Weltreise mit dem Bruder Klaus, ein Weihnachtsmärchen für das Darmstädter Theater und ein Kinderbuch („Stoffel fliegt übers Meer“, 1932), sind nur Akzente innerhalb dieser großen Rastlosigkeit.

Geradezu als „Erweckungserlebnis“ empfand Erika Mann eine öffentliche Frauenversammlung im Januar 1932 in München. Die Frauen warnten eindringlich, man stehe vor der Wahl: „Weltabrüstung oder Weltuntergang“! Erika Mann sprach über „Die deutsche Zukunft“ und musste sich erstmals rechtsradikal beschimpfen lassen. An diesem Abend fiel ihre Entscheidung, sich fortan mit allen Mitteln für Wahrheit, Recht und Frieden einzusetzen. Es war die ideelle Geburtsstunde der „Pfeffermühle“, für die Vater Thomas Mann den Namen fand.

Vob der Kabarettistin zur Buchautorin

Nach dem Ende der „Pfeffermühle“ wandelte sich Erika Mann in den USA zwangsläufig zur politischen Rednerin, zur Buchautorin und Kriegskorrespondentin. Sie klärte das Publikum zweisprachig auf über die Erziehung im Dritten Reich („School of barbarians“), berichtete vom spanischen Bürgerkrieg ebenso wie von den Bombardierungen Londons, und unterstützte ihren Vater als politische Rednerin und Übersetzerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Erika Mann die einzige weibliche Berichterstatterin bei den Nürnberger Prozessen und wagte eine Begegnung mit 52 hochrangigen deutschen Kriegsverbrechern im luxemburgischen Mondorf-les-Bains.

In der Zeit der amerikanischen Kommunistenhetze geriet die überzeugte Neu-Amerikanerin jedoch derart ins Visier der US-Behörden, dass ihr Verhaftung und Gefängnis drohten. Die hysterischen Verdächtigungen führten zu dem Entschluss der Familie Mann in ein zweites Exil zu gehen und erneut Zuflucht in der Schweiz zu suchen. Hier wurde Erika Mann zur wichtigsten Vertrauten ihres Vaters, zur Nachlassverwalterin und Herausgeberin der ersten Briefausgabe. Doch das ist nicht mehr Thema dieser Ausstellung, die das Persönliche weitgehend ausspart. Das Schlusswort bildet ein Zitat Erika Manns, ihre Hoffnung auf eine „hellere Welt“, die durch „Rauch und Flammen“ des menschenfeindlichen „Nationalismus“ bedroht werde.

Auf den Tag genau vor 30 Jahren wurden die Nachlässe Erika und Klaus Manns in einer großen Ausstellung im Gasteig vorgestellt und danach in Berlin und Hamburg gezeigt. Es bleibt ein Rätsel, warum diese Ausstellung nirgends erwähnt ist.
Es gibt Lesungen, Podiumsdiskussionen, Buchpräsentationen, eine „Pfeffermühlen“-Matinee, Kabarett- und Filmabende und literarische Spaziergänge. Über die Öffnung zu Kooperations- und Bildungspartnern wie Schulen, dem museumspädagogischen Zentrum, der Münchner Volkshochschule und dem NS-Dokumentationszentrum soll Erika Mann auch eine junge Welt ansprechen. Das müsste gelingen, die Medienangebote sind vielfältig. Aber ein Katalogbuch muss noch her.  


„Erika Mann – Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Rednerin“ Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Str. 23, bis 30. Juni, Mo– Mi, Fr,9.30 – 17.30 Uhr / Do 12-19 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr
 

 

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