Hidalgo-Festival Klassik im Bahnwärter Thiel

Der Bahnwärter Thiel an der Tumblingerstraße: eine Mischung aus Techno-Club und Alternativ-Kulturzentrum am frühen Abend, bevor gefeiert wird. Foto: RBR

Musik von Britten, Schostakowitsch und Tschaikowsky beim Hidalgo-Festival im Bahnwärter Thiel

 

Gleich hinter der Baustelle des Volkstheaters, wo die Tumblingerstraße in einem Durcheinander mehrerer Unterführungen versackt, schaut München am ehesten wie die Metropole Berlin aus. Hinter der ehemaligen Großviehhalle auf dem Schlachthof-Gelände türmt sich eine Burg aus Seefracht-Containern gen Himmel: der Bahnwärter Thiel – eine Mischung aus Techno-Club und alternativen Kulturzentrum. Dmitri Schostakowitsch, Peter Tschaikowsky und Benjamin Britten lassen sich in der Gegend normalerweise nicht blicken. Die zugehörige Fan-Blase wagt sich – bis zur baldigen Gentrifizierung der Gegend nach Eröffnung des neuen Volkstheaters – allerhöchstens bis zum nahen Standesamt an der Ruppertstraße. Und das auch nur tagsüber.

Am Sonntagabend lud aber das Hidalgo-Festival dorthin zum Konzert. Die Macher um Tom Wilmersdörffer sind auf der Suche nach der „jungen Klassik“. Und im Unterschied zu anderen Club-Konzerten stieg hier nicht ein Münchner Orchester aus lichten Hochkultur-Höhen hinab. Hier spielen junge Musiker für ein Publikum aus Gleichaltrigen, das normalerweise auch den Bahnwärter Thiel besuchen würde – allerdings erst weit nach dem Ende des Konzerts um 21 Uhr. Und so bekam wohl auch kein einziger typischer Club-Besucher etwas davon mit.

Mehr Nähe, mehr Intensität

Die Frage allerdings, was so ein Konzert bringt, lässt sich einfach beantworten: ein Mehr an Nähe. Aus drei, vier Metern Abstand klingt das von Rudolf Barschai zur Kammersymphonie op. 110 erweiterte Streichquartett Nr. 8 erheblich intensiver und direkter als in einem normalen Konzertsaal, wo durch die Entfernung eine ganze Menge Energie verloren geht. Die ist bei einem Stück, das die Gewalt des Zweiten Weltkriegs spielt und die Opfer betrauert, allerdings entscheidend. Und so kommt dieses Werk im Bahnwärter Thiel erst zu sich, und es passt auch zur Düsternis des kellerartigen Raums im Containergewirr.

Das Hidalgo-Festivalorchester hatte kein Problem damit, aus der Nähe gehört zu werden: Es handelte sich um junge Mitglieder und Akademisten der großen Münchner Orchester. Johanna Malangré dirigierte elegant und sicher. Bei der Tschaikowksy Streicherserenade gab es allerdings ein paar Unschärfen. Ein wenig drückten sich die Musiker auch um die Entscheidung, ob es dieses Stück nun den Neoklassizismus vorwegnimmt oder doch spätromantische Gefühligkeit verbreitet.
Für „Les Illuminations“ erschien die kraftvoll singende Sopranistin Mirjam Mesak, wo sonst der DJ auflegt. Auch dieser Liederzylkus von Benjamin Britten nach Gedichten von Arthur Rimbaud wirkte weniger distanziert als sonst. Aber er verträgt diese Direktheit ohne weiteres. Das Publikum hörte – trotz Getränken – konzentrierter zu als an den klassischen Orten Klassischer Musik. Starke Stücke brauchen den Schonraum Konzertsaal nicht. Es lohnt sich also, die gewohnten Räume zu verlassen und jüngere Leute an ihren eigenen Orten zu treffen. Vielleicht nicht jeden Tag, aber immer öfter.   

Am 17., 18. und 19. September, zeigt das Hidalgo-Festival noch ein „Surround-Kino mit Live-Klassik“ mit Matthias Winckhler (Bariton) und Andreas Skouras (Klavier) unter dem Titel „Scrollen in Tiefsee“: jeweils um 20 Uhr in der Black Box im Gasteig, Rosenheimer Platz. Karten zu 12, 30 und 50 Euro über www-hidalgofestival.de und an den bekannten Vorverkaufsstellen
 

 

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