Heroin, Kokain, Crystal Meth Kampf gegen Drogen: "Ich will stinknormal sein, wie die Spießer"

Der Münchner Michi N. im Maltherapieraum der "Villa". Hier versucht er, seine Heroinsucht in den Griff zu bekommen. Foto: Petra Schramek

Der Münchner Michi N. erzählt in der AZ, wie er als Jugendlicher heroinsüchtig wurde – und wie er bis heute gegen die Drogensucht ankämpft.

 

München - Heroin, Kokain, Amphetamine, Crystal Meth – wie viele Münchner drogenabhängig sind, ist schwer zu schätzen. Zu viele jedenfalls geraten durch ihre Sucht aus der Bahn – etliche sterben jedes Jahr daran.

Die Drogen-Entzugsstation auf dem Gelände des Schwabinger Krankenhauses bietet Therapieplätze für 16 Betroffene, elf Männer und fünf Frauen. Unter dem neuen Träger (der Isar-Amper-Klinik des Bezirks Oberbayern) kommen Drogenkranke nicht mehr nur zur Entgiftung hierher. Sie werden auch psychiatrisch behandelt. "Das macht Sinn, weil viele Patienten auch unter Angststörungen, Depressionen, Traumatisierungen, ADHS oder Borderline leiden", erklärt Chefarzt Prof. Ulrich Zimmermann.

Vor allem junge Suchtkranke zwischen 18 und 30 Jahren sollen künftig hier behandelt werden – jeweils drei bis sechs Wochen. Es gibt ein Gruppentherapie-, Ess- und Malzimmer und im Keller auch Räume mit Kicker, Tischtennisplatte, Yogamatten und Boxsack. Suchtpatienten können sich selbst melden oder werden über Ärzte oder Beratungsstellen hierher vermittelt.

Hier berichtet der Patient Michi N. (38, Name geändert), wie er in die Sucht geraten ist:

Nach der Trennung von seiner Freundin wieder drogenabhängig

"Wie alles angefangen hat? Ich war 15 und auf der Realschule. Ein Einzelkind in einer normalen Mittelklassefamilie mit netten Eltern. Ich habe gekifft, wie viele meiner Freunde, weil wir anders sein wollten als die Leute, die wir für langweilige Spießer gehalten haben. Ab und zu gab es ein paar Ecstasy-Pillen. Dann bin ich im Freizeitheim an Kokain geraten. Das war alles noch überschaubar.

Mit 17 bin ich dann so richtig an falsche Freunde geraten, wie man so sagt. Mit denen habe ich zum ersten Mal Heroin geraucht, auf Alufolie. Und später auch gespritzt. Das ging während meiner Lehre so weiter. Ich dachte, ich habe das im Griff. Süchtig sind bloß die anderen.

Ich erinnere mich gut an den Morgen, an dem ich dachte, ich kriege eine Grippe, weil ich Schüttelfrost hatte. Mein Dealer sagte: Du kriegst keine Grippe. Willkommen im Club, jetzt bist du süchtig. Die Lehre habe ich noch gut durchgezogen. Aber danach war mir klar, ich brauche Hilfe. Ich habe eine Entgiftung und sechs Monate Reha gemacht, das Abi nachgeholt und eine stabile Beziehung gehabt. Sechs Jahre war ich clean. Dann zog meine Freundin weg und ich war allein. Mit der ersten Heroinspritze ging der ganze Suchtapparat wieder los.

Ich habe inzwischen zig Entzüge gemacht, war immer wieder ein paar Jahre clean. Jedes Mal wurde der Konsum heftiger. Zum Heroin kamen verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel wie Diazepam, die man in der Szene kaufen kann, oder opiathaltige Substitutionsmittel wie Subutex oder Methadon. Gottseidank bin ich irgendwann beim Dealen erwischt worden und musste in den Knast. Das hat mir gut getan, weil mir endlich mein Problem bewusst geworden ist. Ich bin jetzt satt, ich mag nicht mehr. Und ich habe den Entschluss gefasst, mit all dem aufzuhören. Was ich heute möchte? Eine Familie gründen. Ein erfülltes kleines Leben haben. Stinknormal sein, wie die, die ich für Spießer gehalten habe. So einfach ist das."

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