Helfen auf der Palliativstation Klinikclowns: Sie bringen bunte Tupfer in den letzten Tagen

, aktualisiert am 20.02.2017 - 14:03 Uhr
Die Klinikclowns "Fräulein Lilo Musi" und "Lupino". Foto: Christophorus Hospiz Verein

Das Sterben auf der Palliativstation ist vieles: ruhig, würdevoll. Und oft: grau. Klinikclowns versuchen, Farbe zu bringen.

 

München - Die Frau im Bett kann sich nicht rühren. Sie kann nicht aufstehen und nicht das Fenster schließen, durch das ein eisiger Luftzug strömt. Kann das Radio nicht ausschalten, aus dem Popmusik plärrt, obwohl sie Klassik liebt. Und sie kann sich im Waschbecken nicht die weißen Haare waschen, an die sich ein endgültiger Geruch geheftet hat, der das ganze Zimmer beherrscht.

Elise Meisner (alle Patientennamen geändert) ist 81 Jahre alt. Seit ein paar Tagen ist sie auf der Palliativstation im Klinikum Großhadern. Die Ärzte und Pfleger wollen ihr ihre letzten Wochen so angenehm wie möglich machen. Heilen aber können sie sie nicht. Meisner wird sehr bald an den Folgen eines Hirninfarktes sterben. Frau Meisner liegt. Die linke Hand zur Faust geballt. Den Blick auf die Uhr an der Wand gerichtet. Sie wartet. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Darauf, dass das Warten endlich endet.

Alle zwei Wochen kommen die Clowns

An einem Samstag um 17 Uhr aber, an dem sich anthrazitfarbene Wolken vor die Sonne geschoben haben, wird Elise Meisner zwei Gäste bekommen. Die beiden haben sich bei ihr nicht angemeldet, es soll eine Überraschung sein. Bedächtig öffnen sie die Tür, ein Lichtstrahl fällt ins halbdunkle Zimmer und bleibt auf Meisners Wange liegen. Dann schleichen die Besucher auf Zehenspitzen herein: zwei Menschen, die etwas Tristesse aus Meisners letzten Stunden verscheuchen wollen.

Alle 14 Tage kommen Lui Klassen und Miriam Brenner auf die Palliativstation. Lupino Valentino nennt sich der 54 Jahre alte Mann, sobald er den roten Schaumstoffball auf der Nase trägt und eine Glatze auf dem Kopf. Lilo Musi nennt sich die 37 Jahre alte Frau, die zwei blonde Zöpfe unter Blumenhaarbändern trägt. Klassen und Brenner verschönern hauptberuflich schwere Tage.

Zum Beispiel auf der Palliativstation, die die Kranken ziemlich sicher nicht mehr lebend verlassen werden. Wie lange sie ihre "Visite" machen, entscheiden die beiden spontan. Nicht jeder möchte die Beiden sehen.

Reden hilft, das "schreckliche Gefühl" vor jedem Besuch zu überwinden

Wenige Minuten bevor Brenner und Klassen die erste Patientin an diesem Tag besuchen, ziehen sie sich in einem Büro der Station um. Sie streift sich ein rot-weiß-kariertes Dirndl über, hängt ein halbes Duzend Plastikketten um ihren Hals. Er kommt mit seiner überdimensionierten Hose und dem weißen Sakko dem Aussehen eines Zirkusclowns sehr nahe. Überall im Raum haben die Beiden ihre Requisiten verteilt. Eine kleine Gitarre im Eck, auf dem Schreibtisch nicht aufgeblasene Ballons in leuchtendem Rot und Weiß und Hellgrün. Miriam Brenner malt sich mit Schminke einen roten Punkt auf ihre Nase.

Jedes Mal, bevor Klassen und Brenner eine Palliativstation besuchen, treffen sie sich im Café der Klinik, um zu reden. So können sie sich auf das, was sie erwartet, besser vorbereiten. Es hilft ihnen, das schreckliche Gefühl vor einem Besuch zu überwinden. Den Beruf, das Leid der Patienten und ihr Sterben, sagen sie, könnten sie so besser ertragen.

Lieder helfen den Patienten

Eine Frau mit dunklen Tränensäcken unter den Augen, um die 50 Jahre alt, steht vor Ernst Tischlers Bett. Stumm starrt sie ihren Ehemann an, der da vor ihr liegt. Den Kopf verbunden, die Arme neben sich liegend. Ein Lächeln auf den Lippen. Am Vormittag hat Tischler versucht, nach einer Krankenschwester zu schlagen. Sie war zu hektisch mit ihm umgegangen. Hatte nach seinem Stoffteddy mit dem goldenen Bauch gegriffen. Das Plüschtier darf ihm niemand nehmen. Das kann er der Krankenschwester jedoch nicht selbst sagen. Ein Gehirntumor hat ihm die Fähigkeit zu sprechen geraubt.

Zwei Stunden später stehen die Clowns vor ihm und stimmen ein altes Münchner Lied an. Lilo Musi singt sehr sanft, immer wieder spricht Lupino Valentino ihr dazwischen. "Ja, ja die Lilo", sagt er dann und wirft ihr naiv-schmachtende Blicke zu, "die kann 18 Instrumente spielen".

Lilo Musi feixt leise, verdreht die Augen und schimpft mit ihrem Kollegen. Es ist ein kleines Spiel, das sich die Zwei spontan für Tischler ausgedacht haben. Nichts – von dem Songtext abgesehen – ist einstudiert. Tischler lauscht ihnen ruhig. Und immer, wenn sich die beiden Clowns gegenseitig necken, summt er ein leises und verblüfftes "Oh". Seinen Bären hat er losgelassen.

Lächelt ein Mensch, glaubt er, dass es ihm wieder besser geht

Studien haben nachgewiesen, dass Klinikclowns vom eigenen Leid ablenken und kranken Menschen helfen können. Beim Lachen schüttet das Gehirn Glückshormone aus, die das Immunsystem stärken. Lächelt ein Mensch, glaubt er, dass es ihm besser geht.

Brenner und Klassen singen an diesem Samstag noch für zwei weitere Patientinnen, sind mit ihnen fröhlich und niemals überdreht. Eine der Frauen vergisst ihre Depression für kurze Zeit, die sie überfiel, als sie an Brustkrebs erkrankte. Nach dem Besuch hat sich ihr Infusionsständer neben ihrem Bett in eine Vase verwandelt: für eine Blume aus roten und grünen Luftballons.

"Wie hübsch die Blume aussieht", hat die Frau gesagt, bevor die Clowns gegangen sind. Dann richtete sie sich an Lilo Musi, zeigte auf ihr Kleid, das einem Geschirrtuch ähnelt und lachte laut: "So ein Dirndl war früher sehr modern."

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Um kurz vor 5 Uhr am Nachmittag stehen die Clowns schließlich vor Elise Meisners Zimmer. Die Beiden treten ein, flüstern der Frau sanft eine Begrüßung und ihre Namen zu. Dann schalten sie das Radio aus und stimmen ein ruhiges Lied für die 81-Jährige an: "Tulpen aus Amsterdam". Lupino Valentino streichelt den Arm von Elise Meisner, die nur Augen für Lilo Musi und ihre kleine Gitarre hat.

Als die beiden das Radio auf einen Sender mit klassischer Musik umschalten und wieder aus dem Zimmer treten, hat sich die Atmosphäre im Raum verändert. Meisner hat ihre linke Hand geöffnet, als die Tür sich schließt. Nur ein kleiner, roter Luftballon in Herzform bleibt neben der Wanduhr zurück. Es ist ein leuchtender Abschiedsgruß.


Im Hospiz helfen

Die Caritas sucht aktuell ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospizdienst, die bereit sind den Menschen am Ende des Lebens mit Gesprächen, Spaziergängen oder Vorlesen zu helfen. Um auf die Tätigkeit als Hospizbegleiter vorzubereiten, bietet die Caritas von Mai bis Dezember eine Schulung an. Der Kurs umfasst 120 Stunden, ist kostenfrei und wird in der Regel mittwochabends stattfinden.

Am Mittwochabend (15. Februar) ab 18 Uhr findet im Krankenhaus Barmherzige Brüder (Romanstraße 93, 80639 München, Konferenzspange Raum 1) ein Informationsabend dazu statt.

 

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