Held des FCB, Opfer seiner Zeit Angelo Knorr, der schwule Bayern-Boss

Angelo Knorr um das Jahr 1918: Damals lebte er bereits in Berlin, und war nicht mehr Vorstandsvorsitzender des FC Bayern. Foto: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

Angelo Knorr prägte den FC Bayern noch vor dem legendären Kurt Landauer an der Spitze des Vereins, musste aber nach kurzer Zeit gehen. Weil er schwul war.

München - Er machte den FC Bayern professioneller, holte einen Trainer aus England und ließ die Mannschaft gegen europäische Teams antreten. Er machte den FC Bayern populär. Und trotzdem kennt heute kaum jemand seinen Namen.

Angelo Knorr könnte ein Held der Münchner Sportgeschichte sein, wäre er nicht ein Opfer seiner Zeit geworden. Denn er war reich, intelligent und ein Glücksfall für den Verein, engagiert, ideenreich, weitsichtig. Und er war schwul. Das war damals strafbar und kostete ihn sein Amt und sein Leben in München. Anton Löffelmeier hat die Geschichte Angelo Knorrs im neuen "Oberbayerischen Archiv" rekonstruiert. Die AZ zeichnet basierend auf dieser Forschung den Lebensweg des ehemaligen Bayern-Bosses nach.

Als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie wird Angelo Knorr 1882 im Wohn- und Stammgeschäftshaus der Familie in der Kaufingerstraße 12 geboren. In seiner Jugend entdeckt er seine Leidenschaft für den Sport, er spielt Rasen-Tennis und wird Mitglied im Münchner Sport Club (MSC). Während seines Chemiestudiums engagiert er sich bei dem elitären Verein, dessen Mitglieder vor allem aus dem Großbürgertum kommen und der sein Clubheim im Hotel Vier Jahreszeiten in der Maximilianstraße hat.

Ebenfalls in seinen Jugendjahren bemerkt er auch seine Leidenschaft für Männer. Er kämpft dagegen an, sucht Kontakte zu Frauen, doch die scheitern nach kurzer Zeit. Er ist unglücklich.

Trotz des Erfolgs, den er hat. Er promoviert „summa cum laude“ und beim MSC steigt er schnell auf. Er erhält immer wichtigere Ämter und trägt maßgeblich dazu bei, dass der FC Bayern in den MSC eingegliedert wird. Schließlich leitet Knorr die Fußballabteilung, ist also Boss der Bayern.

Er machte den Fußball attraktiver und professioneller

Als solcher macht er den Münchner Fußball attraktiver und erfolgreicher. Er holt einen englischen Trainer, der die Zahl der Trainingseinheiten erhöht, das Spiel wird professioneller. Knorr lässt die Bayern gegen europäische Spitzenteams spielen, was immer mehr Zuschauer anlockt. Die Bayern spielen damals auf den Anlagen des MSC an der Leopoldstraße in Schwabing, wo später einmal die Metro sein sollte und heute das neue Quartier „Schwabinger Tor“ entsteht.

Dem sportlichen Erfolg steht aber wiederum sein privates Leid gegenüber. Er kann seine Homosexualität in München nicht leben, da er sonst straffällig würde. Der Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches bezeichnet schwulen Sex als „widernatürliche Unzucht“ und verlangt Gefängnis als Strafe. Knorr reist oft nach Italien, wo Homosexualität seit 1889 nicht mehr strafbar war. Er durchstreifte aber auch das Münchner Bahnhofsviertel nach Kontakten. Eine seine Affären war dabei ein junger Stricher. Der verriet ihn schließlich an die Polizei.

Angelo Knorr wird 1913 in seiner Starnberger Wohnung festgenommen und ins Gefängnis gebracht. Sein Anwalt kann ihn nur durch eine Kaution von 100.000 Reichsmark freikaufen, was damals dem hundertfachen Jahreseinkommen eines einfachen Angestellten in München entspricht.

Knorr geht nach Kreuzlingen am Bodensee in die „Dr. Binswanger’sche Nervenheilanstalt Bellevue“. Der Arzt dort kommt zu dem Schluss, dass Knorr eindeutig homosexuell sei – nach Meinung des Arztes wegen einer „krankhaften Störung der Geistesthätigkeit“. Deshalb sei er schuldunfähig. Auch in Münchner wird Knorr in einer psychiatrischen Klinik untersucht, mit dem gleichen Ergebnis. Verurteilt wird er nicht: Weil es zu wenig „Beweise“ gebe, wird er nach einem Jahr Strafverfolgung freigesprochen.

Die Verfolgung kostete ihn sein Amt

Doch Angelo Knorr ist ruiniert. Er kann sein Berufsleben in München nicht fortsetzen. Seinen Vorstandsvorsitz bei den Bayern und alle Ehrenämter im MSC hat er bereits niedergelegt. Er tritt als Kriegsfreiwilliger ins Heer ein, wird aber bald darauf aus unbekannten Gründen entlassen. Dann arbeitet er als Chemiker und Wissenschaftler in Jena. Er nimmt sich eine Haushälterin und heiratet sie – pro forma – 1917. Er geht mit ihr nach Berlin, wo er als Chemiker arbeit, erst bei der Nitritfabrik AG in Köpenick, dann für die „Anilin-Fabrikation“ (Agfa) in Treptow, wo er in kurzer Zeit in die mittlere Führungsebene aufstieg.

Er erlangte viel Prestige für seine Forschung und zahlreiche Erfindungen. 1932 wechselt er an einen neuen Standort nach Wolfen. Trotz seines beruflichen Erfolgs wird Knorr immer unglücklicher, leidet an Depressionen. Bis er 1950 bei der Arbeit nach einem Schlaganfall stirbt.

Der FC Bayern bezeichnete ihn in einem Nachruf als „die markanteste Persönlichkeit in unserem Clubleben in dem Dezinum unmittelbar vor dem Kriege.“ Knorrs Nachfolger als Bayern-Boss war der legendäre Kurt Landauer.

 

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