Heimatliteratur und Heimatfilm Ludwig Ganghofer zum 100. Todestag

Der Kriegsberichterstatter Ludwig Ganghofer im Mai 1915 bei einem Schläfchen im Schützengraben. Foto: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller und Tausendsassa Ludwig Ganghofer

 

Der Herrgottschnitzer von Ammergau“, „Die Martinsklause“, „Das Schweigen im Walde“: Ludwig Ganghofer verfasste eine lange Reihe populärer Erzählungen und Romane. Nach Ganghofers unerwartetem Tod am 24. Juli 1920 äußerte sein enger Freund und Schriftstellerkollege Ludwig Thoma: „Um den Mann ist’s schad!“

Der frühere Liebling aller Leserinnen ist heute eine eher unbekannte Größe. Aber der Ganghofer-Kenner Klaus Wolf, Professor an der Universität Augsburg, macht uns auf Person und Werk neugierig: „Ganghofer war eine vielseitige Persönlichkeit. Als professioneller Autor schrieb er Alpenromane, die ihn berühmt machten, und pflegte sein Image als Heimatschriftsteller und Jäger. Daneben war er in der Kunst- und Literaturszene Münchens aktiv und bestens vernetzt, wo er junge Autoren wie Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal unterstützte.“

Wer sich auf Ganghofers Spuren begibt, lernt einen Mann mit zahlreichen Interessen und Talenten kennen. Er war Doktor der Literaturwissenschaft, Theaterregisseur, Zeichner, Zitherspieler, Rad- und Tennissportler, Segler – und noch viel mehr. Viele seiner Geschichten spielen im bayerischen Oberland. Es treten schöne Sennerinnen, gewissenlose Wilderer und edle Jäger auf. Es geht um Zwistigkeiten und die Liebe fürs Leben. Am Ende wird meist alles gut in seinen im selbst erfundenen bayerischen Kunstdialekt geschriebenen Büchern.

Ohne Fleiß kein Preis

Er selbst war Schwabe. Oft haben die Romanfiguren ihre Vorbilder in Familienmitgliedern oder Menschen aus der Kinder- und Jugendzeit des 1855 in Kaufbeuren geborenen Ganghofers. Sein Geburtshaus findet man gegenüber der Martinskirche. Im Stadtmuseum steht sein Schreibtisch, in dessen zwei Holztüren Ganghofers Arbeitsmotto geschnitzt ist: „Ohne Fleiß kein Preis.“

Er hat sich dran gehalten, wie die rund 100 Buchveröffentlichungen mit einer Gesamtauflage von 40 Millionen Exemplaren beweisen. Verblüfft entdeckt man im Gedenkraum jedoch auch den naturwissenschaftlich interessierten Ganghofer. In einer Vitrine stehen elektrophysikalische Gerätschaften aus seinem privaten Versuchslabor.

Ganghofers Schule fürs Leben war der im schwäbischen Holzwinkel bei Augsburg gelegene Ort Welden. Als Ludwig vier Jahre alt war, trat sein Vater August Ganghofer dort das Amt des Oberförsters an. Er brachte es bis zum Leiter der Königlich Bayerischen Forstverwaltung. Im Landgasthof „Zum Hirsch“ ist ihm ein Gedenkraum gewidmet.

Auch sein Sohn Ludwig kommt in dem Gasthof zu Ehren, auf dessen Dachboden er einst den Hühnern die Eier stahl. Kurios, dass dabei ausgerechnet ein Tisch mit Bierkrügen auf Ganghofers intellektuellen Freundeskreis hinweist. Er spielt auf Biergarten und Bühne an, die sich der 1892 mit Ehefrau Kathinka und den drei Kindern von Wien nach München gezogene Ganghofer in seine Wohnung einbauen ließ.

Alles selbst erlebt

Als lebenslustiger Gastgeber pflegte er herzliche Beziehungen zu Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und vielen anderen Schriftstellern, zu Arnold Böcklin und zahlreichen weiteren Malern, zu Richard Strauss und etlichen anderen Musikern. Auf der Bühne von Ganghofers Biergarten hatte der Komiker Karl Valentin seinen ersten Auftritt. Eine Bühne hat auch der Weldener Wirtssaal. Auf ihr dokumentieren Plakate die zahlreichen Verfilmungen von Ganghofers Schriften.

„Seine verfilmten Bücher wie ,Das Schweigen im Walde’ oder ,Der Edelweißkönig’ basieren auf Ganghofers Erlebnissen und Eindrücken in Leutasch und dem Gaistal“, wie Iris Krug betont. Sie ist Leiterin des Leutascher Ganghofer-Museums.

Viele Exponate beziehen sich auf oder stammen aus Ganghofers Jagdhaus „Hubertus“. Bemerkenswert sind die ausgestellten Fotos nicht zuletzt deshalb, weil Ganghofer sie selbst angefertigt und in der im Jagdhaus eingerichteten Dunkelkammer abgezogen hat. Größter Schatz des Museums aber sind die drei „Hausbücher“ (1896-1914), gefüllt mit Ganghofers von Fotos und Zeichnungen begleiteten handschriftlichen Erinnerungen, Anekdoten und Festberichten sowie Beiträgen von Gästen seines auf 1393 Metern Höhe über der Tillfußalm im Gaistal gelegenen Sommerdomizils.

Es steht in einem der größten Jagdreviere Tirols. Ganghofer war von 1896 bis 1918 der Pächter. Das Jagdhaus und das nebenan stehende Gästehaus sehen von außen noch so aus, wie Ganghofer sie verlassen hat. Hier oben arbeitete er nachts an seinen Geschichten. Im Arbeitszimmer hängt noch eine Tafel mit einem von ihm verfassten Spruch: „Hier ist die hohe Jagdkanzlei, / und Werkstatt der Poeterei, / o, lass, Hubertus, heil’ger Ahn, / herfür aus diesem Stüberl gahn / manch’ wirkungsvollen Hegespruch / und manch’ ein wirkungsvolles Buch!“

Eiserne Zither

Während des Ersten Weltkriegs war Ganghofer zwischen 1915 und 1917 als Berichterstatter an der Front tätig. Von Anfang an teilte er die allgemeine Kriegsbegeisterung und verfasste den Krieg verherrlichende Gedichte, die 1914 unter dem Titel „Eiserne Zither“ erschienen. Nachdem sein Gesuch um Verwendung beim Militär zunächst abgelehnt wurde, reiste der 64-Jährige Ganghofer im Auftrag Kaiser Wilhelms II. als erster deutscher Kriegsberichterstatter zu den Kriegsschauplätzen der West- und Ostfront. Seine unmittelbaren Eindrücke notierte er in mehrere Tagebücher. Aus diesen Aufzeichnungen entstanden bei Ullstein vier Kriegsbücher die große propagandistische Wirkung erzeugten. In Karl Kraus’ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ wird eine Audienz Ganghofers bei Wilhelm II. vernichtend parodiert.

Zuletzt lebte Ganghofer im malerisch gelegenen Tegernsee, wo er 1918 die „Villa Maria“ bezog. Der bis ans Lebensende aktive Schriftsteller starb unerwartet. Gattin Kathinka gab folgende Traueranzeige auf: „Am 24. Juli abends ist infolge einer Herzlähmung mein innigstgeliebter Gatte Dr. Ludwig Ganghofer sanft entschlafen.“

Die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus bewahrt den umfangreichen schriftlichen Nachlass. Bestattet ist er in Rottach-Egern. Nur wenige Meter daneben befindet sich das Grab von Ludwig Thoma. Tegernsee und Rottach-Egern widmen Ganghofer ein Veranstaltungsprogramm, das nun unter der Corona-Krise leidet: Am 24. Juli sollte eine von Klaus Wolf organisierte wissenschaftliche Tagung stattfinden, die für ein neues Ganghofer-Bild sorgen wollte. Sie ist auf nächstes Jahr verschoben.

Zwei andere Veranstaltungen finden bereits dieses Jahr statt. Ab 22. August zeigt das Museum Tegernseer Tal die Sonderschau „Literatur am Tegernsee“. Und am 20. sowie 21. November führt der Kunst- und Kulturverein den Stummfilm „Der Klosterjäger“ auf, bereichert um die von Thomas Rebensburg neu komponierte Filmmusik.

Das Schlusswort gebührt Ludwig Ganghofer: „Man mag den Wert meiner Lebensarbeit nach Gutdünken abschätzen. Aber eines weiß ich: meine Arbeit war immer ein Stück meiner selbst, hatte mein Herz, meine Freude, meinen Glauben, und drum blieb sie unkompliziert, blieb heiter und gesund. Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis meines Erfolges, den mir die Auguren der überschnürten Ästhetik schwer verübeln.“

Unter www.monacensia-digital.de ist ab sofort das 87 Seiten umfassende Heft 1 der Kriegstagebücher Ganghofers vollständig aus der Gabelsberger Kurzschrift transkribiert und digitalisiert für die Öffentlichkeit zugänglich. Weitere Hefte folgen Ein begleitender Text der Germanistin Gertrud M. Rösch kommentiert die Kriegstagebücher und ordnet sie in das Werk und Leben von Ludwig Ganghofer ein

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