Gitter und Blech Heilig-Geist-Kirche in München vertreibt Obdachlose

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Ein Blech vor dem Hauptportal der Heilig-Geist-Kirche soll verhindern, dass Obdachlose vor dem Gotteshaus ein Lager errichten. Foto: Djordje Matkovic

Seit Kurzem hindert ein großes Blech am Haupttor der Heilig-Geist-Kirche Obdachlose daran, vor dem Gotteshaus zu übernachten. Dies hat jedoch nichts mit fehlender Nächstenliebe zu tun, sondern hat gute Gründe, erklärt Pfarrer Rainer Maria Schießler.

 

München - Pfarrer Rainer Maria Schießler (58) hat ein großes Herz – das hat er viele Male bewiesen. So verwundert es viele Münchner, die zu später Stunde beim Viktualienmarkt unterwegs sind, umso mehr, dass er seine Heilig-Geist-Kirche jetzt vor Obdachlosen verrammelt.

Vor dem großen Portal hindert ein großes Blech Wohnungslose daran, unter dem schützenden Vorsprung zu nächtigen. "Nie und never würde ich Bettler vertreiben", sagt Schießler auf AZ-Anfrage – und erzählt von seinem Papa, der zu dem kleinen Rainer Maria mit Blick auf die Bettler in der Fußgängerzone gesagt hat: "Verliere nie die Achtung vor den Menschen."

Schießler: "Das Problem ist, dass der Platz zu einem Lager ausgebaut wurde"

Aber: Weil Heilig-Geist nicht zur Fußgängerzone gehört, wo Betteln verboten ist, wird die Kirche intensiv von Bettlern aufgesucht. Eine Gruppe von Obdachlosen schläft schon seit Jahren, so erzählt es Schießler, vor dem Haupttor seiner Kirche. Wenn’s warm ist, ist dieses Tor für alle Menschen geöffnet, doch zwischen November und März ist es aus heizungstechnischen Gründen geschlossen.

Menschen, die kein Zuhause haben, campieren dann vor der Kirche, die sie vor Wind und – durch einen Vorsprung – auch vor Regen schützt. "Das Problem ist, dass der Platz zu einem Lager ausgebaut wurde", sagt Schießler. "Menschen haben sich tagein, tagaus dort eingerichtet. Viele Male haben wir mit ihnen gesprochen, auch mit ihnen zusammen aufgeräumt, weil es gestunken hat wie in einem Urinal."

Platz vor der Heilig-Geist-Kirche wurde zur Problemzone

Schießler erzählt, wie sie im und beim Lager Fäkalien gefunden haben, wie vermüllt es war und wie sie die Fläche mit dem Hochdruckreiniger saubergemacht haben. Er fürchtet das, was Sozialforscher "Broken Window Theorie" nennen: Dass ein zerbrochenes Fenster schnell repariert werden müsse, damit weitere Zerstörungen im Stadtteil verhindert werden können. Denn mit jedem zerstörten Fenster sinkt die Hemmschwelle, so die Theorie.

Schießler fürchtet, dass die campierenden und urinierenden Bettler mehr Camper und andere anziehen, die sich dann ebenfalls um seine Kirche herum erleichtern.

Schießler: "In München muss niemand nachts auf der Straße sein"

Der Eingang der Talseite ist schon seit einiger Zeit mit einem Gitter vor Campern geschützt. "Aber ich wollte kein zweites Gitter, sonst schauen wir ja aus wie ein Gefängnis." Das Blech wird untertags weggeschoben, und wenn’s bleibt, kann man "da immer noch sitzen und betteln", so Schießler. "Aber eben kein Lager mehr bauen."

Schießler verweist auf kirchliche Einrichtungen, in denen obdachlose Menschen Hilfe bekommen. "In München muss niemand nachts auf der Straße sein", sagt der beliebte Pfarrer, der erzählt, was er immer zu seinen Freunden sagt: "Leute, 50 Cent wird doch jeder in der Tasche haben. Gebt’s ihnen, die können es gebrauchen."

Am liebsten hätte er, dass die Bleche die Münchner mahnen: "Vielleicht ist’s ein Warnhinweis für jene, die vorbeigehen an Heilig-Geist, dass es in München Menschen gibt, denen es nicht so gut geht."

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