Hausverwalter packt aus Mieter: Je reicher, desto schlimmer

Der Münchner Hausverwalter Werner H. kennt seine Kunden ziemlich gut - deshalb will er nicht erkannt werden. Foto: Katharina Alt

Welche Bewohner sind die nervigsten? Wo gibt es oft Stress? Und wieso soll man sich nicht mit Nachbarn anfreunden? Ein Experte berichtet.

 

München - Er treibt die Mieten ein, kümmert sich um Strom, Gas, Wasser, Handwerker, um Reparaturen oder Nebenkostenabrechnungen. Dabei bekommt der Hausverwalter Werner H.(Name geändert) seit sieben Jahren exklusiven Einblick in 3500 Wohnungen in München und dem Umland – und was sich in ihnen abspielt.

„Man lernt in meinem Job die private Seite der Leute stärker kennen“, sagt Werner H. Und die gefällt ihm nicht immer: „Man sieht auch, wie viele Menschen mit sich und ihrer Umwelt ein Problem haben – es sind erschreckend viele.“ In der AZ packt der Hausverwalter exklusiv aus. Er gibt sein Wissen preis über:

Leere Luxuswohnungen: "Es werden immer mehr"

„Ein Trend ist: Immer mehr vermögende Leute haben einen Münchner Stadtsitz. Die Wohnungen sind top ausgestattet und voll eingerichtet, die Leute sind aber nur wenige Tage im Jahr da. Wir verwalten Mehrfamilienhäuser mit Wohnungen im Millionenbereich, da wohnen nur 20 Prozent fest dort. Das sind richtig große Wohnungen mit 200, 300 Quadratmetern oder noch größer. Es ist nur ein sehr geringer Teil aller Wohnungen, aber es werden immer mehr: München ist ein Ort, an dem man als Reicher auch ein Domizil hat. Dafür gibt es verschiedenste Gründe – ich habe mal gehört: ,Wissen Sie, wenn ich abends ins Theater gehe, dann möchte ich nicht im Hotel schlafen.’ Auch ältere Leute haben gern eine Stadtwohnung.“

Die schwierigen Kunden: Haben viel Zeit - oder Geld

„Vermögende Leute haben einen deutlich höheren Anspruch an die Dienstleistung. Ich hatte einen Kunden, dem gefiel die Farbe des neuen Zauns nicht. Wir mussten ihn neu lackieren lassen, damit er zum Haus passt. Andere streichen das Treppenhaus neu, obwohl es nur zwei Macken hat. Aber wenn’s ums Geld geht, sind sie genauso geizig wie alle anderen auch. Besonders schwierig sind auch Menschen mit zu viel Zeit, zum Beispiel Rentner. Sie beschäftigen sich mit allem, was im Haus passiert, und erwarten wahnsinnig viel. Wenn es zum Beispiel Malerarbeiten gibt, lesen sie im Internet alles über Farben nach. Die Folge: Der Respekt vor der Dienstleistung eines Malers oder eines Installateurs, der ist nicht mehr da.“

Kurzarbeit bei BMW? "Merken wir sofort"

„Generell merkt man extrem, ob jemand ausgelastet ist oder nicht. Wenn jemand in Rente geht, seinen Job verliert, seine Beziehung kaputt gegangen ist oder er in Scheidung lebt, er also plötzlich einen zeitlichen Freiraum hat, lässt er seine generelle Unzufriedenheit an anderen aus. Es gab mal Kurzarbeit bei BMW – das haben wir sofort gemerkt. Die Leute hatten Zeit, waren unzufrieden mit der Situation und haben sich plötzlich wegen kleinster Dinge beschwert. Auch bei einer jungen Mutter merkt man den Unterschied, wenn sie schwanger zu Hause sitzt oder wenn das Kind da ist. Dann ist sie wohl wieder ausgelastet. Wenn im Privaten etwas passiert, spüren wir es sofort.“

Die schlimmsten Viertel: Solln, Harlaching und Co.

„Wer in bevorzugten Gegenden lebt, also Bogenhausen, Solln, Harlaching, ist anstrengender als einer, der in Giesing lebt – aufgrund des Umstands, dass er mehr erwartet. Derjenige, der in Solln wohnt, bildet sich oft was drauf ein. Man hört ohne Ende: ,Wir hier in Solln.’ Oder es wird auch oft gesagt: ,Wir wohnen hier doch nicht im Hasenbergl.’ Da redet man abfällig über andere Viertel. Dabei sind das oft ganz normale Leute. Auch in Solln oder Harlaching gibt es vergleichsweise günstige Wohnungen – etwa, weil das Haus alt ist. Aber ich kriege ja nicht mit, woher jemand sein Geld hat.

Was ich aber merke, ist: Kinder, die in der Wohnung ihrer Eltern wohnen, bilden sich mehr darauf ein als der Nachbar, der sich die Wohnung gekauft hat. Die spielen sich tierisch auf und kommen sich vor wie sonst was. Dabei haben sie die Wohnung nur geerbt oder geschenkt gekriegt. Wer sich eine Wohnung normal erarbeitet hat, weiß das eher zu schätzen. Wer eine geschenkt kriegt, meint vielleicht, er ist mehr wert. Unter Hausverwaltern sind viele Viertel deshalb verrufen: die Menterschwaige zum Beispiel, oder die Prinz-Ludwig-Höhe in Solln. Auch Teile Harlachings. Da wohnt offenbar ein Typus, der immer das Ziel hatte, genau da hin zu ziehen – und sich jetzt Gott weiß was darauf einbildet.

In normalen Vierteln wie Giesing herrscht das ganz normale Leben. Deswegen sind die Menschen aber auch nicht einfacher. Da sind aber vielleicht nur zwei, die sagen: ,Ich will das so oder so.’ In anspruchsvollen Wohnanlagen dagegen gibt es eine Konzentration von Alpha-Tierchen – wo Machtkämpfe stattfinden.“

Typische Streitgründe: Schuhe, Kinderwagen

„Typisch deutsch: In jeder Gemeinschaft regt man sich darüber auf, dass die Mülltrennung nicht richtig funktioniert. Dass Nachbarn ihre Kartonagen nicht zerkleinern, dass sie Glas nicht zur Wertstoffinsel bringen, das ist in Eigentümerversammlungen immer ein Thema. Dann geht es auch um Dinge, die nicht ins Treppenhaus gehören: Schuhe, Pflanzen, bei älteren Gemeinschaften Rollatoren. Oder Kinderwagen. Kinderlärm ist seltener ein Thema.

Ich würde sagen, dass die Menschen Verständnis für Kinder haben. Aber nur, wenn Ruhezeiten eingehalten werden. Aber vermitteln Sie das mal einem Kind. Wir kennen auch Fälle, in denen es härter zur Sache geht: Es gibt Anfeindungen, bei denen ich als Verwalter sage: Ich habe Angst, dass die Streithähne sich abends in der Tiefgarage treffen. Wir haben schon Objekte abgegeben, weil Streitereien so schlimm waren. Einmal mussten wir nach Beleidigungen bei einer Eigentümerversammlung bei der Polizei erscheinen – als Zeugen.“

Das gefährliche Klima: Neid, Ordnungswahn

„Es geht immer nur um Kleinigkeiten, nie um wichtige Dinge. Schuhe im Gang, zu viele Fahrräder im Hof. Der eine grillt, der andere benutzt seinen Balkon als Abstellkammer. Da heißt es dann: ,Wie sieht das denn aus?’ In gehobenen Wohnlagen ist es das Gleiche. Da hängte ein Bewohner mal ein Gemälde in den Gang, und ein anderer riss es aus Wut von der Wand – in einem Haus mit Wohnungen ab 1,5 Millionen! Wir alle in der Firma sind der Auffassung, dass 95 Prozent auf Neid und Missgunst zurückzuführen sind. Wer hat das größere Auto? Wer hat die größere Wohnung? Es betrifft nicht nur materielle Dinge. Viele neiden ihren Nachbarn auch, dass sie glücklicher scheinen, mehr lachen oder mehr Besuch bekommen.

"Bloß nicht den Nachbarn zum Freund!"

„In engen Beziehungen zum Nachbarn sehe ich eine große Gefahr! Freundschaften entstehen über Gemeinsamkeiten wie Schule, Studium oder Sport. Eine Hausgemeinschaft ist zufällig zusammengewürfelt. Wir hatten mal ein Objekt, da waren alle verfeindet. In alten Protokollen von Eigentümerversammlungen lasen wir, dass sie alle gleichzeitig eingezogen waren. Die Männer strichen anfangs gemeinsam den Zaun, die Frauen kümmerten sich um die Brotzeit – heute undenkbar. Weil sie sich entwickelt haben. Der eine machte Karriere, der andere nicht. Das eine Auto wurde größer, das andere nicht. Sie waren befreundet, aber völlig verschieden. Da hat es dann richtig geknallt. Deshalb empfehlen wir, mit Nachbarn ein normales, aber distanziertes Verhältnis zu pflegen. Zu viel Nähe ist zu viel Emotion. Und das bringt Streit.“

Gentrifizierung: "Da geht die Schere auf“

„Typisches Beispiel ist der Altbau in Haidhausen. Da wohnen Leute seit 50 Jahren drin, und oben wird das Dachgeschoss ausgebaut, und es zieht das top-verdienende Pärchen ein. Die Neuen wollen einen Aufzug und ein saniertes Treppenhaus – da geht dann die Schere im Haus auseinander. Das stellen wir gerade sehr stark fest, vor allem in Häusern aus der Jahrhundertwende in Haidhausen, Neuhausen und Schwabing.“

 

4 Kommentare