Haus der Kunst Preziosen von Markus Lüpertz zum Picken

"Unser tägliches Brot". Foto: VG Bild-Kunst/Haus der Kunst

Weiter geht’s mit den deutschen Großmalern: Markus Lüpertz im Haus der Kunst

 

Wenn er so durch die Ausstellung schreitet – und mit dem Stock in der Rechten geht das gar nicht anders –, gewinnt man den Eindruck, irgendein spitzbärtiger Wittelsbacher würde im Habit Winston Churchills durch seine Residenzgalerie wandeln und nach dem Rechten sehen. Hängt alles wie angewiesen? Oder hat der Kämmerer eigenmächtig in die Ordnung eingegriffen?

Keiner würde es wagen, Markus Lüpertz gibt nichts aus der Hand. Schon gar nicht im Haus der Kunst, wo die Wände im Mittelsaal kein Ende nehmen und immer noch Platz für eine zweite Etage ist. Da braucht es einen minutiös ausgetüftelten Plan. Tatsächlich ist das auch die Krux dieser 200 Werke-Schau (und weniger der Umstand, dass nach der Immendorff-Retrospektive nun schon wieder die Kölner Galerie Werner mitmischt).

Kurioser Mix

Denn ein Konzept ist nur in einzelnen Abschnitten auszumachen. Etwa gleich im ersten und überzeugendsten Raum mit den frühen Gemälden, Gouachen und Pastellen, auf denen verdichtete Objekte wie das frech verfremdete 20th-Century-Fox-Logo zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit pendeln. Oder wenn die um 1972/74 entstandenen Triptychen mit goldgelben Ähren („Unser täglich Brot“), (Cello)Schnecken („Apokalypse – Dithyrambisch“) und den Geweihen nach vielen Jahren wieder zueinander finden und von Lüpertz‘ Faible für Folgen erzählen. Noch ein paar mehr davon, und man könnte ein überdimensionales Daumenkino rattern lassen.

Doch der kuriose Mix ohne jede Chronologie hat Methode. Die Bilder sollen für sich sprechen, Inhalte sind Lüpertz sowieso ein Graus – sagt er zumindest. Wahrscheinlich geht es ihm weniger um schlüssige Gegenüberstellungen, als um die effektvolle Reihung seiner Kunstperlen. Perlen, die mal farbstark durch den Raum leuchten wie expressive Tiffanylampen oder sich fast Ton in Ton einfügen wie die späten, frei nach Rembrandt badenden Susannas. „Frau Fontane“, „Iphigenie“ und sogar „Susanne“ heißen die 2014 gemalten Damen, von denen eine über der Tür sitzen muss wie eine Supraporte auf Schloss Nymphenburg.

Diffuses Licht

Auch eine Korrespondenz zwischen frühen und späten Werken will nicht in die Gänge kommen, und die angekündigte Kontinuität in seinem Schaffen teilt sich nur zögerlich mit. Am besten funktioniert das noch mit den Stahlhelmen, die der Künstler nach den ersten Exemplaren von 1970 um 2008 erneut aufgreift und die wie Totenköpfe, Armeemäntel oder Hitlerbärtchen zu seinem Repertoire aus düsteren deutschen Zeiten gehören.

Der mittlerweile 78-Jährige, dessen Familie 1948 aus Böhmen floh und sich im rheinischen Rheyd niederließ, will sich damit keineswegs als politischer oder gar Historienmaler verstanden wissen. Es gehe nicht um konkrete Ereignisse, betont er gerne, doch die Motive sind überdeutlich, so sehr sie mitunter ins formal Rhythmische gleiten. Ohne den einkalkulierten geschichtlichen Hintergrund wären die Helme nurmehr museale Relikte und der so bezeichnete „Westwall“ (1968) eine Tastatur aus alten Heimcomputerzeiten.

Für solche Maschinerien hätte sich Konrad Klapheck erwärmen können. Dann allerdings würde das Licht nicht aus so diffusen Quellen ins Bild fallen. Denn Lüpertz geht seine Malerei wie die Nachkriegsregisseure ihre Filme an. Das sollte eigentlich die Story zur Schau sein, und Kuratorin Pamela Kort findet zu bald jeder der frühen Arbeiten Entsprechungen auf der Leinwand: für die fabelhafte Donald-Duck-Serie naheliegend die Disney-Streifen, Jean Cocteaus „Orphée“ für die Dionysos-Bilder oder für den „Tombestone“ von 1968 John Fords Western „My Darling Clementine“, in dem Henry Fonda als Marshall Wyatt Earp einen mahnenden Grabstein (Tombstone) aus Felsbrocken in die Wüste setzen lässt. Die Szene wird von einem übernatürlichen Licht durchflutet – wie in einigen der frühen Werke Lüpertz‘.

Leichtfertig vergeigt

Anfang der 1960er-Jahre hat er das Kino in sich aufgesogen, damit ist der junge Mann, der seine Bilder damals noch kumpelhaft mit „Markus“ signiert, gewiss nicht allein. Sich konsequent an diesem Gedanken entlang zuarbeiten, hätte der Ausstellung mindestens gutgetan.

Aber nun hängen beispielsweise im Hauptsaal die starken „Diamanten“ von 1965 im grotesken Wechsel mit neueren arkadischen Landschaften voller antik anmutenden Akte, Skulpturen wie der Achilles stehen dekorativ vor einzelnen Gemälden, und über allem donnert Martialisches wie eben der „Westwall“ oder die 12 Meter lange „Schiene“ (1969), die wie so oft in diesem Œuvre „dithyrambisch“ genannt wird. Das bezieht sich auf einem Hymnus zu Ehren des Gottes Dionysos.

Man muss sich schon die Preziosen herauspicken und vorher am besten noch die luziden Überlegungen der eingebremsten Kuratorin lesen. Lüpertz’ Lieblingsheld Orpheus hätte diese schöne Chance jedenfalls nicht so leichtfertig vergeigt.

Bis 26. Januar im Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, täglich von 10 bis 20, Do bis 22 Uhr, Katalog (Walther König) 49,80 Euro

 

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