AZ-Interview Hannes Ringlstetter "Der Mensch ist schwach"

Hannes Ringlstetter. Foto: Susanne Schleyer

Der Kabarettist, Musiker, Schauspieler und Talkshow-Moderator Hannes Ringlstetter über sein neues Programm  "Aufgrund von Gründen" 

 

AZ: Herr Ringlstetter, Sie haben am 2. Mai Premiere mit ihrem neuen Programm "Aufgrund von Gründen" im Circus Krone. Sie testen es aber schon seit Herbst in der Provinz.
HANNES RINGLSTETTER: Bei der Form, die ich mache, muss ich das Programm einfach bei den Leuten ausprobieren. Das ist für mich auch unangenehm, weil ich da anfangs noch ein bisschen unsicher bin. Ich mache ja kein klassisch geschriebenes Kabarettprogramm. Mit "Aufgrund von Gründen" bin ich jetzt seit Herbst sporadisch unterwegs und habe wahnsinnig viel verändert. Aber bei den letzten drei, vier Abenden hatte ich das Gefühl, jetzt passt es.

Wer bekommt es eigentlich zuerst zu hören?
Ein guter Freund von mir, der ist aber kein Regisseur oder Autor, der ist Therapeut. Der hat einen ungeheuer guten Blick auf Menschen und mit dem gehe ich vor einem neuen Programm immer in den Sparring und spiele es ihm vor. Wenn der sagt, dass er mir etwas nicht abnimmt, dann streiche ich es auch.

Fühlen Sie sich frei in Ihrer "BR"-Show?
Jetzt schon, anfangs überhaupt nicht, da hatte ich massive Probleme mit der Sendung. Ich bin dem Sender dankbar, dass die unsere "Testphase" auch durchgehalten haben. Late Night ist halt das schwierigste, da kann man leicht scheitern. Ich fand unser erstes halbes Jahr katastrophal, bei mir angefangen. Es passte nix zusammen. Aber jetzt fühle ich mich wohl. Ich habe letztens wieder "Late Night Berlin" gesehen, mit Klaas Heufer-Umlauf. Der Typ ist ein Fernsehtier, wie es im Buche steht, scheitert aber auch noch an dem Format. Ich habe totales Verständnis dafür.

Im letzten Jahr haben sie auf der #ausgehetzt-Demo vor zehntausenden Menschen gemeinsam mit Dicht & Ergreifend gerappt. Packt einen da nicht mal die Angst zu scheitern?
Ich habe keinen Schiss. Ich bin einfach dankbar, dass ich so viele unterschiedliche Sachen machen darf und dass auch coole Leute Lust darauf haben, mit mir etwas zu machen.

Ihr Song "Fürchtet Euch nicht" passte ja perfekt zu dieser Demo.
Klar, auch wenn man sich natürlich wünschen würde, dass es den Anlass für die Demo gar nicht gegeben hätte. Ein Lehrer von mir hat mal gesagt, wenn es das eine gibt, muss es das andere auch geben, sonst setzt sich das eine automatisch durch in der Demokratie. Und ich dachte mir damals, mei jetzt reden die Politiker überall von Angst in der Gesellschaft, da muss doch einer mal das Gegenteil sagen. Das war mein Impetus für "Fürchtet Euch nicht".

Immerhin haben die Künstler und Demonstranten bewirkt, dass sich die Sprache führender CSU-Politiker merklich verändert hat.
Wir sind denen doch total wurscht. Was die wirklich bewogen hat, ihre Äußerungen etwas zurückzuschrauben, war doch, dass ihr ureigenes Klientel mit auf dem Königsplatz stand. Diesen Pulk von Klosterschwestern, die da vor der Bühne standen, werde ich nie vergessen. Ich kannte das von meinen Eltern, wirklich konservative Katholiken, die auf die Spalterei der CSU auch schon lange keine Lust mehr hatte. Man kann ja vom Söder halten, was man will, aber der hat für so etwas ein Gespür. Das sieht man ja auch beim Thema Artenvielfalt. Söder war sofort klar, dass er nach dem Volksbegehren handeln muss, sonst wählen die Menschen beim nächsten Mal alle Grün. Wie man also sieht, kann die Gesellschaft eine Menge bewegen, wenn sie sich organisiert, auf die Straße geht und laut wird. Wie jetzt bei Friday for Future.

Nun ist das Kabarett voll von Menschen, die den Menschen mahnende Worte mit auf den Weg gaben, das ist aber nicht ihr Ding, oder?
Überhaupt nicht. Persönlich finde ich es gut, wenn man eine Haltung hat, die optimalerweise verbunden ist mit einer Tat und nicht einem Gequatsche. Beim Kabarett gibt es aber viel zu viel Gesinnungs-High-Five, alle im Raum, inklusive des Kabarettisten, haben die gleiche Meinung.

Was ist dann Ihr Ansatz?
Ich gebe nicht vor, von allem eine Ahnung zu haben. Wenn ich etwas nicht weiß, dann spreche ich lieber über die Verwirrung als über eine Pseudotheorie, die dann auch niemandem etwas bringt.

Andere Kabarettisten beschäftigen wissenschaftliche Mitarbeiter.
Aber das Wissen ist nicht das Problem, die Information ist doch meist schnell verfügbar. Das Problem ist doch die Einordnung. Ich mag nur nicht, wenn einer von der Bühne aus belehrt und dem Publikum erklärt, wie es zu leben hat. Da fände ich es schon interessanter zu erfahren, wie er selber damit umgeht.

OK, versuchen wir es einmal: Was machen Sie für die Biene, das neue bayerische Wappentier?
Also mein Programm ist garantiert bienenfrei. Vielleicht muss ich das jetzt ändern. Wobei mir die Hummel viel sympathischer ist. Die macht das gleiche wie die Biene, frisst aber alles selber und gibt nichts ab. In meiner BR-Sendung haben wir ja eine Frau zur Imkerin gemacht, die jetzt den Ringlstetter-Honig erzeugen möchte. Und Zuhause ist meine Frau in ökologischen Dingen sehr streng.

Sind Sie Vegetarier?
Nein, obwohl die Haltung grundsätzlich richtig wäre. Aber ich bin halt so schwach. Wenn ich ein Steak sehe, muss ich es essen. Ich hatte aber Zuhause eine Kaffeemaschine mit diesen Plastikkapseln und dachte mir, das geht nicht mehr. Ich habe mir dann so eine Siebträgermaschine gekauft. Da stehe ich nun an der Kasse und der Verkäufer bringt ein riesiges Paket, jedes Teil der Maschine ist in Plastik und Styropor verpackt. Wie viele Kapseln hätte ich noch verbrauchen können, bis ich den Müll wieder reingespielt habe! So geht es mir mit allem.

Man kann es halt nicht richtig machen.
Ich war letztens neben der Apple-Kathedrale am Marienplatz beim Sushi und habe Thunfisch bestellt. Da sagt der Verkäufer, den hätten sie aus dem Programm genommen. Da höre ich mich sagen: "Super, das ist total cool." und er schaut mich an und sagt: "Aber bestellen wolltest ihn schon." Ich denke, es ist schwachsinnig zu fordern, die Leute sollten sich ändern. Es gibt Dinge, die muss man einfach verbieten, weil der Mensch zu schwach ist für die Entscheidung. Auf jeden Fall bin ich es. Wenn es keinen Thunfisch gibt, dann esse ich auch keinen. Das ist auch ok.

Aus ökologischen Gründen findet Ihre Tournee nur in Süddeutschland und Österreich statt, nicht in Norddeutschland.
Genau das ist der Grund. Quatsch, ich würde das Benzin auch völlig unsinnig verfahren und in Berlin bei den Wühlmäusen in 200 ratlose Gesichter starren, die sich fragen: "Was hat der Mann?" Nein, ich habe überall gespielt, werde das punktuell auch weiterhin tun, aber ich verspüre keinen Drang, mir das ganz Land zu erobern. Man darf doch auch mal zufrieden sein, oder?

Ist Ihr Programm eigentlich "heimatfrei"?
Es wird thematisiert, dass das alle thematisieren. Ich postuliere den Heimat-Overload und bekenne, dass das mir alles zu viel ist. Ich begebe mich im Programm nach der bayerischen Apokalypse an den schlimmsten Ort in Bayern: die Therme Erding. Mir geht das Heimatgequatsche auf den Senkel, weil es so typisch deutsch ist, von einem Extrem ins andere. Ich mache jetzt schon lange Zeit Dialektmusik. Vor 15 Jahren galt man damit schnell als reaktionäres Arschloch, heute müssen sich junge Musiker erklären, wenn sie auf Englisch und nicht in ihrer "Heimatsprache" singen wollen.

Woran liegt das?
Ich habe dazu eine Theorie: Mich irritiert es immer, wenn Leute so viel über etwas reden müssen, weil ich dann immer unterstelle, dass das Gefühl nicht da ist. Man muss den Heimatbegriff so wahnsinnig hoch aufbauschen, weil das normale Gefühl dafür nicht mehr existiert.

Hannes Ringlstetter spielt am 2. Mai im Circus Krone sein neues Programm, mit Band und dem Album "Fürchtet Euch nicht" ist er vom 24. bis 26. Juni im Lustspielhaus zu sehen und am 25. Juli in der Stadthalle Germering,

 

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