Handball-Legende im WM-Gespräch Vlado Stenzel: "Unsere Heimatliebe gibt uns die Kraft"

"Es gibt für keinen Kroaten eine größere Ehre, als für sein Land zu spielen", sagt Handball-Ikone Vlado Stenzel über die Fußballer. Foto: dpa/AZ

Handball-Legende Vlado Stenzel redet im WM-Gespräch über seine Heimat Kroatien – und wann ein Trainer zum Magier wird.

 

Moskau - WM-Gespräch mit Vlado Stenzel. Der 83-Jährige führte als Handball-Trainer Jugoslawien zum Olympiasieg 1972 und Deutschland sensationell zum WM-Titel 1978.

AZ: Herr Stenzel, was sagen Sie, der Magier, die Handball-Trainer-Legende, zu den bisherigen Erfolgen der kroatischen Fußballer bei der WM? Zwei Spiele, zwei Siege, darunter der Erfolg gegen Argentinien um Superstar Lionel Messi, da kann man nicht meckern, oder?
VLADO STENZEL: Ich bin begeistert, das war ein ganz wichtiger Erfolg. Und zwar für den Berufsstand der Trainer.

Das müssen Sie näher erläutern!
Ganz einfach. Gute Spieler hatte Kroatien doch schon immer. Immer! Aber was hatten wir für Erfolge? Wenig. Weil wir fast nie tolle Trainer hatten. Jetzt haben wir mit Zlatko Dalic endlich einen, der sein Handwerk versteht. Sein Vorgänger...

...Ante Cacic.
Genau. Der war doch keiner, da habe ich mich immer gefragt, ob er Trainer ist oder nicht eigentlich Metzger. Dalic hingegen hat alles. Ein Trainer muss nicht nur taktisch umwerfend sein, er muss Aura und Ausstrahlung besitzen. Er muss Autorität haben, sein Wort muss Gesetz sein. Wenn er nicht eine gewisse Magie hat, dann wird er nicht Erfolg haben. Gute Spieler gibt es viele, aber gute Trainer? Die sind absolute Mangelware. Das müssen die Leute im Sport endlich kapieren, Trainer machen den Unterschied. Ganz viele Trainer wollen heute nur, dass fertige Stars gekauft werden. Dabei ist es der Job eines Trainers, aus Talenten hochwertige Spieler zu machen. Kannst du das nicht, dann bist du nichts. Dann kann sich auch der Präsident auf die Trainerbank setzen, es würde keinen Unterschied machen.

Sie sprachen die Magie an. Ihr Spitzname war der Magier. Ist Dalic auch schon ein kleiner Magier?
Nein. Dafür muss er erstmal alles gewinnen. Nur der dauernde Erfolg macht dich zum Magier. Da fehlt ihm noch was, aber er ist auf dem Weg dorthin. Ob er es je schafft, wird sich zeigen. Aber er ist gut. Er lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen.

Er hat nach dem Sieg im ersten WM-Spiel gegen Nigeria Nikola Kalinic aus der Mannschaft geworfen, weil der sich nicht nur für ein paar Minuten einwechseln lassen wollte.
Ja! So muss es sein. Er hat den Mut gehabt, den vielleicht besten Spieler nach Hause zu schicken, weil er ein Störenfried war, weil er Unruhe reingebracht hat. Er hat sich mit den erfahrenen Spielern zusammengesetzt, alle waren einer Meinung und dann hat er das einzig Richtige getan. Man hat ja beim 3:0 gegen Argentinien gesehen, wie positiv der Effekt war, wie sehr die Mannschaft als genau das aufgetreten ist: als Mannschaft!

Die kroatische Mannschaft zeichnet sich durch einen enormen Kampfeswillen aus.
Absolut, wir kämpfen mit Herzblut bis zum Ende. Das war schon immer so, wir haben Kampfgeist, das ist in unserer Volksseele drinnen. Wir sind ein ganz eigenes Völkchen. Wir lieben unsere Heimat, es gibt für keinen Kroaten eine größere Ehre, als für sein Land zu spielen. Diese Heimatliebe gibt uns unsere Kraft, sie macht uns stark. Das ist auch etwas, was ich in Deutschland vermisse, diese vollkommene Identifikation mit seiner Heimat. Ich empfinde das als das Normalste auf der Welt. Für mich ist es dagegen unnormal, wenn es anders ist. Wenn ich sehe, mit wie wenig Leidenschaft manche – ich will hier lieber keine Namen nennen – für Deutschland spielen, kann ich nur den Kopf schütteln. Und noch etwas.

Wir hören!
Das ist ja nicht nur bei den Spielern so, sondern insgesamt. Wenn ich schon höre, dass vom DFB-Team oder im Handball von der DHB-Mannschaft geredet wird, dann stellt sich bei mir alles auf. Glauben Sie, in Kroatien würde irgendein Spieler sagen, dass er für das Team des Verbandes spielt? Nein, sie spielen und kämpfen für Kroatien. Für einen Verband zerreiße ich mich nicht, für mein Land schon.

Man spürt Ihre Heimatliebe.
Ja, und deswegen muss ich jetzt auch auflegen, denn die Möbelpacker stehen vor der Tür. Ich ziehe mit meiner Frau nach 45 Jahren in Deutschland wieder nach Kroatien. Und dort werden wir die nächsten 100 Jahre leben. Ich habe es in Deutschland genossen, zwischen uns war immer alles paletti, aber jetzt will ich wieder an die Adria-Küste. Ich liebe das Land. Ich will das Meer, das Klima nicht mehr nur im Urlaub genießen, ich will das dauernd um mich haben. Ich freue mich auf diesen neuen Lebensabschnitt und möchte hier gleich die Gelegenheit nutzen, und mich von Deutschland zu verabschieden. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen.

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