Häufig von Armut bedroht 7.000 Münchner Mütter suchen eine Arbeit

Alleine in München suchen 7.000 Mütter eine Arbeit. (Symbolbild) Foto: Matthias Hiekel/dpa

Alleinerziehende sind in München keine Randgruppe mehr – und trotzdem häufig von Armut bedroht.

 

München - Kuscheln, Kochen. Puzzeln, Putzen. Werkeln, Waschen: Eltern haben viele Pflichten – und wenig Auszeit. Alltag in einem Mehrpersonenhaushalt ist so schon eine große Herausforderung. Und wenn einer alles alleine stemmen muss, wird die Herausforderung schnell zur Mammutaufgabe.

In Bayern werden etwa 16 Prozent der Familien mit Kindern, die jünger als 18 Jahre alt sind, von Alleinerziehenden gemeistert. Fast die Hälfte der insgesamt 383.000 Mütter und Väter wohnt auf dem Land. Die Zahlen aus dem Mikrozensus hat das Landesamt für Statistik zuletzt für das Jahr 2017 ausgewertet. Die Zahlen des Statistischen Amts München stammen aus dem Jahr 2018. Demnach leben 26.459 Alleinerziehende in der Stadt.

Alleinerziehende Mütter sind oft von Armut bedroht

Auch wenn sich immer mehr Väter ihren Erziehungsaufgaben stellen: Neun von zehn Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern im Freistaat sind noch immer Frauen. Viele von ihnen bestreiten den Unterhalt der Familie allein.

Bundesweite Studien haben ergeben, dass getrennt lebende Mütter und ihre Kinder häufig von Armut bedroht sind. Ein Drittel lebt dem Statistischen Bundesamt zufolge sogar in einer prekären Situation. Gerade in einer teuren Stadt wie München stehen Mütter besonders unter Druck. "In München leben etwa 7.000 Alleinerziehende, die auf Leistungen des Jobcenters angewiesen sind", sagt der Sprecher der Arbeitsagentur, Frank Donner. Fast dreiviertel der Frauen habe keine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt könne gelingen, "wenn die Betreuung der Kinder sichergestellt ist", sagt Donner. Im vergangenen Jahr habe das Jobcenter 1.800 Alleinerziehende in Arbeit und Ausbildung integrieren können.

Keine Betreuung, keine Arbeit

Der kleine Vincent schläft. "Zum Glück, der ganz Trubel wäre ihm hier zu viel", sagt seine Mutter Agneza Balan bei der Informationsmesse für Alleinerziehende im Münchner Jobcenter. Die 35-Jährige lebt seit fünf Jahren in München. Vom Vater ihres zweijährigen Sohnes ist sie getrennt – "nicht, weil er ein schlechter Papa ist", sagt sie. Es habe bei ihnen beiden einfach nicht gut gepasst.

Gearbeitet hat sie ihr ganzes Leben lang. Weil sie keine Ausbildung hat, jobbte sie im Verkauf und in der Pflege. Wegen des Nachwuchs wünscht sie sich eine Teilzeitstelle. Das Kind sei noch zu klein, um lange Zeit am Stück ohne Mutter auszukommen. "Am liebsten würde ich im Altenheim bei mir im Viertel anfangen. Dort habe ich vor der Geburt als Pflegehelferin gearbeitet", sagt sie.

Ohne nachgewiesenen Betreuungsplatz gibt es oft keinen Arbeitsvertrag

Was hält die junge Frau in einer Stadt, in der händeringend Pflegepersonal gesucht wird, von diesem Vorhaben ab? Paradoxerweise eine Mischung aus allem: dem Arbeitgeber, der Stadt und schließlich dem Kind selbst. Denn: Ohne einen nachgewiesenen Betreuungsplatz bekommen viele alleinstehende Mütter oft keinen Arbeitsvertrag. Bei der Vergabe der Krippenplätze werden Kinder von arbeitssuchenden Müttern aber in eine niedrigere Dringlichkeitsstufe eingeordnet als diejenigen von erwerbstätigen Eltern. Dabei macht es keinen Unterschied, ob beide oder nur ein Elternteil angestellt ist.

"Ich habe meinen Sohn inzwischen bei zwölf Kitas angemeldet und noch immer keine Zusage bekommen", sagt Agneza Balan. Noch schlimmer als die Arbeitssuche mit Kind sei übrigens die Suche nach einer Wohnung. "Warum hast du keinen Hund statt einem Kind, wurde ich da gefragt. Das finde ich dreist!", sagt sie.

Mit der Wohnung für die kleine Familie hat es mittlerweile geklappt. Jetzt hofft die 35-Jährige auf eine Ausbildung, "am liebsten in der Pflege oder zur Hauswirtschafterin".

"Ich bin eine Kämpferin"

Nicht immer hapert es an der Qualifikation der alleinstehenden Mütter. Tamara Adlung ist für die meisten Stellen überqualifiziert. Die gebürtige Russin war in ihrer Heimat Französischlehrerin. Das Studium wird in Deutschland nicht anerkannt. Adlung hat zwischenzeitlich als pädagogische Ergänzungskraft in einer Kindertageseinrichtung gearbeitet. Die Kleinkinder, ein Umzug, eine Trennung: Alles war kräftezehrend. Und dann hat sie ja noch zwei Kinder, die zuhause warten. Die Ältere ist 16 und geht ins Gymnasium. Der achtjährige Sohn hat keinen Hortplatz. "Um 13 Uhr steht er vor der Tür", sagt sie. Bei all dem Stress fiel die Arbeit hinten unter, "aber ich bin eine Kämpferin".

Neben den fünf Sprachen (Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch), die die 44-Jährige spricht, ist sie sehr kreativ. Sie betextet und illustriert Kinderbücher in ihrer Muttersprache: "Aber davon kann ich mich und meine Kinder nicht ernähren."

Mit ihren Kenntnissen könne sich Adlung eine Ausbildung zur Bürokauffrau vorstellen, "oder ich bewerbe mich um eine Stelle als Schulbegleiterin". Die Malteser suchen Menschen, die Kindern mit Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten oder anderen Schwierigkeiten individuell durch den Schulalltag helfen. Gezielt richtet sich das Angebot in Teilzeit oder auf Stundenbasis auch an alleinerziehende Mütter.

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