Markenzeichen des Freistaats Hätten Sie's gewusst? Daher hat Bayern seine Rauten

Überall in Bayern sind die weiß-blauen Rauten zu sehen, wie hier am Münchner Marienplatz – auf einer Fahne mit dem Bayerischen Staatswappen. Foto: imago/Christine Roth

Jeder kennt die bayerischen Rauten – als Symbol für den Freistaat, unser Bier und unsere Wirtshauskultur. Sie stehen aber auch für eine bewegte Geschichte.

 

So simpel, und doch so hübsch anzusehen: die weiß-blauen bayerischen Rauten. Auf der ganzen Welt sind sie bekannt, worum der Freistaat von allen Seiten beneidet wird. Sie sind zum Logo geworden, zum Symbol für Bayern und seinen weiß-blauen Himmel, für bayerische Gemütlichkeit, das bayerische Bier und die Wirtshauskultur, eine florierende Wirtschaft und vieles mehr.

Ausgedacht haben sich die Rauten aber keine Marketing-Experten; nein, der Ursprung liegt lang zurück und mitten in Niederbayern – rund 170 Kilometer von München entfernt: in Bogen bei Straubing.

Ihre Entstehung geht Jahrhunderte in die bayerische Geschichte zurück, ins Mittelalter: In jene Zeit, in der sich die Ritter noch in ihre schweren Metallrüstungen zwängen müssen und unermüdlich Fehden um Land und Macht ausfechten. "In der Rüstung sind die Ritter aber natürlich kaum zu unterscheiden", sagt Richard Loibl, Historiker und Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg. Deshalb brauchen sie Erkennungszeichen. Und das sind damals: Wappen. "Die sind im 11. Jahrhundert stark im Kommen und eigentlich vergleichbar mit der heutigen Corporate Identity (CI) von Firmen", so Loibl. Ein Logo also, dessen Zeichen und Farben sofort die Zugehörigkeit erkennbar macht.

Die jeweiligen, unverkennbaren Wappen tragen die Raufbolde gut sichtbar auf ihrem Schild. Auf den Helmen sind oft auch Wappentiere zu sehen, wie Löwen oder Panther zum Beispiel. Und die Pferde sind mit Satteldecken in den Farben der Wappen geschmückt. In Bogen sind das die Farben weiß und blau.

Dass damit von Bogen aus quasi bayerische Marketing-Geschichte geschrieben wird, das hat mit einer böhmischen Prinzessin, einem niederbayerischen Grafen und einem machtgierigen Wittelsbacher zu tun: Denn um 1184/85 herum wird die 14 Jahre alte Prinzessin Ludmilla – Tochter des böhmischen Herzogs Friedrich und Enkelin des Königs von Ungarn – mit dem Grafen Albert III. von Bogen verheiratet. "Dessen Adelsgeschlecht zählt zu den drei mächtigsten und einflussreichsten im Herzogtum Bayern, neben den Grafen von Ortenburg und den Grafen von Andechs", sagt Loibl.

"Die Wittelsbacher hatten damals nur wenig Macht"

Die Niederbayern herrschen zu dem Zeitpunkt über das gesamte Gebiet zwischen Regensburg und Passau. Die Post geht nämlich an der Donau ab: "Sie müssen sich das vorstellen wie eine sechspurige Autobahn – und zwar die einzige weit und breit", sagt Loibl. Der Fluss ist die wichtigste Verkehrsschlagader Zentraleuropas. Straßen gibt es keine oder nur schlechte. Und der Gäuboden ist eine der fruchtbarsten Anbauflächen. "Dementsprechend reich sind die Grafen von Bogen. Die haben die Wittelsbacher eher ausgelacht."

Die Wittelsbacher tragen zu der Zeit bereits die Herzogwürde in Bayern, haben aber nur wenig Macht. "Sprich, nur wenig Grundbesitz, Vogteien oder Grafschatsrechte", sagt Loibl. "Sie sitzen im bayerisch-schwäbischen Grenzgebiet, was damals ein relativ armes Land war."

Kaiser Barbarossa hatte 1180 Otto von Wittelsbach zum Herzog ernannt, nachdem er seinen Rivalen, Herzog Heinrich den Löwen, endlich losgeworden war. "Ein taktisch kluger Schachzug, denn ein schwacher Herzog garantierte dem Kaiser, dass der sich nicht wieder selbständig macht", so Loibl.

Graf Albert III. von Bogen indessen wird durch die Hochzeit mit Ludmilla noch mächtiger, sie bringt einen Teil des Böhmerwalds in die Ehe ein. Rund 15 Jahre später stirbt Albert allerdings. Er hinterlässt Ludmilla mit drei Söhnen – und mit dem Wappen der Grafen von Bogen, dem Schild mit weiß-blauen Rauten.

Sechs Jahre später dann kommen die Wittelsbacher ins Spiel: Herzog Otto von Wittelsbach ist schon lange tot, es regiert sein Sohn Ludwig I., später Ludwig der Kelheimer genannt. "Ein gewiefter, rücksichtsloser Territorialpolitiker", sagt Loibl. Die Liste der vom Herzog Gemeuchelten ist lang. Die seiner Feinde ebenfalls. Ludwig I. will Macht und weiß: Der Schlüssel zu Niederbayern liegt in einer Hochzeit mit Ludmilla. "Sie müssen wissen, zu der Zeit ist Oberbayern das arme, gebirgige Land", sagt Loibl. "Da will keiner hin, da zerbröselt dir der Ackerboden quasi zwischen den Fingern." Ludwig hält also um Ludmillas Hand an. Und die sagt Ja. Aus Sicht der reichen Bogener war ein Herzog wohl die beste Partie.

"Auffälig ist, dass alle Söhne kurz hintereinander sterben"

"Durch die Hochzeit sitzen die Wittelsbacher jetzt brettl- breit in Niederbayern drin", sagt Loibl. "Vorher haben sie nichts gehabt – und jetzt fließen ihnen alle Einkünfte des getreidereichen Gäubodens zu." Weil Ludmillas Söhne aus erster Ehe noch unmündig sind, kontrolliert Ludwig das gesamte Gebiet. "Auffällig ist, dass später alle drei Söhne rasch hintereinander sterben", so Loibl. Weil sie noch keine Nachfahren haben, erlischt damit 1242 das Geschlecht der Bogener. "Man liest ja immer, dass sämtliche Adelsgeschlechter aussterben zu der Zeit. Insofern könnte man die vielleicht nicht unbegründete Vermutung anstellen, dass bei dem ein oder anderen etwas nachgeholfen wurde."

Damit ist der Weg frei für den Nachkommen Otto II. von Wittelsbach, Sohn von Ludwig und Ludmilla. Und Otto, der Erlauchte, übernimmt nicht nur Land und Besitz der Bogener, sondern auch deren Wappen. "Weil es viel angesehener und höherwertiger ist als das eigene", sagt Loibl. "Ab jetzt sind die Wittelsbacher richtig mächtig in Bayern – und nicht mehr aufzuhalten."

Der Erfolgszug der weiß-blauen Raute beginnt aber erst viel später: 1623, als die Herzoge zu Kurfürsten werden, wird die Raute zum Wappen der bayerischen Kurfürsten. "Als dann Anfang des 19. Jahrhunderts zu dem altbayerischen Sauhaufen auch noch die Franken und die Schwaben dazukommen, braucht es ein verbindendes Element, das den Zusammenhalt stärkt", sagt Loibl. Eine gute Corporate Identity muss also her – und die Wittelsbacher entscheiden sich abermals für die weiß-blauen Rauten aus dem Bogener Wappen. Loibl: "Und die kann man sehr schön in dem Großen Staatswappen sehen, das seit 1835 mit leichten Veränderungen existiert."

Der Bier-Export machte die Rauten weltberühmt

Seitdem ziehen sich die Rauten in jeglicher Form nicht nur durch Bayern, sondern durch die ganze Welt – ausgelöst durch den Bier-Export. "Und der wiederum ist durch zwei bedeutende Innovationen erst möglich geworden: durch die Erfindung der Kältemaschine von Carl von Linde und die Eisenbahn", sagt Loibl.

Die bayerischen Brauer hatten dadurch um 1850 große Absatzmöglichkeiten auf den Weltausstellungen entdeckt. Damals war Bier international noch nicht so bekannt. "Aber über die Weltausstellungen haben die auf einmal wahnsinnig viel Bier verkauft, egal, ob in Frankreich, Italien, Chicago oder New York", sagt Loibl.

"Und sie haben schnell kapiert: Wenn man da nicht nur einen Bierausschank macht, sondern aus Pappmaché eine Alpenkulisse baut, davor eine Blasmusik stellt und die Tische schön mit weiß-blauen Rautenmuster-Decken herrichtet, dann kann man noch viel mehr Bier verkaufen." Jedes zehnte auf der Welt getrunkene Bier stammte damals aus Bayern – und exportierte die bayerische Wirtshauskultur gleich mit. Die bayerische Raute ist so zum Volksgut und Markenzeichen geworden, dessen internationaler Marktwert im mehrstelligen Bereich liegen dürfte.

 

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