Hachiko aus Japan Die Geschichte vom treuesten Hund der Welt

Treu, treuer, Hachiko: Der Hund auf einer undatierten Aufnahme am Bahnhof von Shibuya. Foto: privat

Sein Herrchen, ein Professor, stirbt während einer Vorlesung, Hachiko wartet am Bahnhof auf ihn. Jeden Tag. Bei Regen, bei Schnee, neun Jahre lang, bis zu seinem eigenen Tod 1935. Gestern hat Japan der rührenden Geschichte gedacht. Hier erzählen wir sie.

 

An einem wolkenverhangenen Nachmittag im Mai des Jahres 1925 versteht der kleine Hachiko die Welt nicht mehr. Viele Menschen steigen aus dem Zug am Bahnhof von Shibuya, aber nicht der richtige, nicht seiner, nicht Professor Ueno.

Hachiko bleibt auf dem Bahnsteig sitzen und wartet. Auf den nächsten Zug und auf den übernächsten. Abends wird er abgeholt, aber nicht vom Professor, sondern von dessen Ehefrau, die jetzt eine Witwe ist. Ihr Mann hat während einer Vorlesung an der Kaiserlichen Universität von Tokio eine Hirnblutung erlitten und ist daran gestorben.

Hachiko weiß das nicht und sitzt auch am nächsten Tag pünktlich wie die Eisenbahn am Bahnhof. Seit dem Jahr seiner Geburt, 1923, hat er sein Herrchen morgens zum Zug begleitet und abends abgeholt.

Hachiko lässt nicht locker. Noch im selben Jahr verlässt die Witwe Tokio und gibt den Hund zu Verwandten. Dort reißt Hachiko immer wieder aus. Lange suchen muss man ihn nicht. Immer sitzt er am Bahnhof . Und wartet.

Der frühere Gärtner der Familie, der in der Nähe der Gleise wohnt, nimmt ihn bald bei sich auf. Täglich um kurz vor 17 Uhr wird das Tier unruhig. Dann lässt sein neuer Besitzer ihn aus der Wohnung, Hachiko läuft zum Bahnhof und mustert die Ankommenden.

Bahnhofsmitarbeiter bespucken und schlagen das Tier

Doch nicht alle sind ihm wohlgesonnen. Hachiko wird bespuckt, von Bahnmitarbeitern geschlagen, sogar mit Farbe besprüht. Das gutmütige Tier lässt alles über sich ergehen, hält sogar während der Misshandlungen weiter Ausschau nach seinem Herrchen.

Mehrere Jahre geht das so. Hachiko ist immer da. Bei Sonnenschein, bei Regen, bei Schnee, bei Sturm. Er wird krank.

Immerhin: 1928 fängt ein neuer Bahnhofsvorsteher an und hat ein Herz für Hachiko. Er füttert ihn, gibt ihm Wasser und richtet sogar eine kleine Ruhemöglichkeit ein.

Im selben Jahr entdeckt ein früherer Student von Professor Ueno das Tier und erkennt es wieder. Sein Forschungsgebiet: Akita-Hunde, wie auch Hachiko einer ist. Nur noch rund 30 reinrassige Exemplare gibt es damals. Der junge Wissenschaftler schreibt mehrere Artikel über Hachiko, die in Tokioter Zeitungen erscheinen.

1934 wird am Bahnhof eine lebensgroße Bronzestatue enthüllt

Hachiko wird berühmt. Alle wollen den Hund sehen, der täglich auf sein Herrchen wartet, der ihm bis über den Tod hinaus die Treue hält. Schulkinder streicheln ihn, Tierärzte päppeln ihn auf. 1934 wird an der Westseite des Bahnhofs eine lebensgroße Bronzestatue feierlich enthüllt. Tausende Japaner hatten für sie gespendet. Der Hund wohnt der Einweihungszeremonie bei, die per Radio ins ganze Land übertragen wird.

Noch ein Jahr bleibt Hachiko am Bahnhof sitzen. Dann, am 8. März 1935, zieht er sich, krank und kraftlos, in eine Seitenstraße zurück – zum Sterben.

Die Nachricht verbreitet sich in den frühen Morgenstunden – die Tokioter pilgern in Massen zum Bahnhof, legen Blumen und Kränze an der Statue nieder.

1944 wird sie eingeschmolzen. Kriegswichtiges Material. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fertigt der Sohn des Schöpfers der Originalstatue eine neue Fassung an. Seit 1948 steht sie am Bahnhof von Shibuya. Der Ausgang, an dem Hachiko immer gewartet hat, heißt jetzt „Hachiko Exit“.

Der präparierte Körper des Tieres ist noch heute im Nationalmuseum der Naturwissenschaften in Tokio ausgestellt. Und die Seele? Viele Japaner glauben an einen gemeinsamen Himmel für Menschen und Tiere. Liegen sie damit richtig, braucht man nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welch rührende Szene sich vor 80 Jahren dort oben abspielt: als Professor Ueno seinen treuen Hachiko endlich in die Arme schließen kann, wieder vereint für immer.

 

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