Gymnasium im Lehel Sex-Getuschel: Bub (11) fliegt von der Schule

Der elfjährige David ist von der Schule entlassen. An seinem Ex-Gymnasium kursierten Sex-Gerüchte um einen Schüler und eine Lehrerin. David plauderte sie weiter — und flog. Seine Eltern Evgenij und Elena A. werfen der Schule übertriebene Härte vor. Foto: Daniel von Loeper

Ein Elfjähriger soll das Gerücht verbreitet haben, eine Lehrerin an seinem Gymnasium hätte etwas mit einem 18-jährigen Schüler. Daraufhin fliegt er von der Schule. Die Familie wehrt sich vehement

Lehel - Das Gerücht hatte sich schnell herumgesprochen, denn es ging um Nacktbilder, um Sex und um eine Lehrerin. Eine junge Lehrerin, die mit einem Schüler im Bett gewesen sein soll. In den Gängen des Gymnasiums im Lehel war das Getuschel groß.

Ein Getuschel mit Folgen: Zwei Buben sind von der Schule geflogen. Die beiden Fünftklässler sollen sich die Sex-Gerüchte aus Rache ausgedacht und verbreitet haben. Doch die Schüler widersprechen: Sie sehen sich als Opfer einer überzogenen Reaktion, bei der mit übertriebener Härte schnell nach Schuldigen gesucht worden sein soll.

Einer der beiden Buben ist David. Er ist elf und in der fünften Klasse. Die Geschichte, sagt er, habe er von einem Kumpel gehört. Sie geht so: Da gibt es diesen 18-jährigen Jungen aus der 11. Klasse, Andreas T. (Name geändert). Der habe damit geprahlt, die Lehrerin Nadine F. (Name geändert) sehr gut privat zu kennen. Mit seinem Handy habe er Fotos herumgezeigt, auf denen die Lehrerin fast nackt zu sehen sein soll. „Es wurde rumerzählt, dass die beiden zusammen im Bett waren“, sagt David.

Er erzählt die Geschichte weiter. Andere auch. Bis Nadine F. merkt, dass etwas nicht stimmt. Sie fragt die Klasse, was los ist. Erst sind alle still, dann sagt der Kumpel, der David die Geschichte erzählt hat, er wisse etwas. Und David auch.

Die Lehrerin fragt David, was er wisse. Er will es nicht sagen. „Sie hat dann gemeint, dass sie niemandem etwas erzählt, wenn ich ich sage, was ich weiß.“ Als sie wieder fragt, was es für Geschichten gibt, sagt er: „Dass Sie mit Andreas geschlafen haben.“ Die Lehrerin geht daraufhin zum Direktor.

Was dann passiert, ist laut Davids Vater Evgenij A. (40) eine völlig unverhältnismäßige Bestrafung seines Sohnes. „David und sein Freund wurden von fünf Leuten befragt“, sagt er. „Sie haben die beiden Jungs enorm unter Druck gesetzt.“ Die Buben seien gedrängt worden, Aussagen zu Protokoll zu geben. „Ich weiß nicht mehr genau, was ich da erzählt habe“, sagt David später.

Er ist völlig aufgelöst, weint. Erst nach der Befragung werden seine Eltern informiert. „Die Schule hat uns angerufen und gesagt, sie können ihn in diesem Zustand nicht gehen lassen“, sagt Davids Mutter Elena A. (37). Die Eltern wollen über die Vorwürfe reden. „Man hat uns aber immer nur das Protokoll gezeigt.“

Dort steht, dass David und sein Kumpel sich die Geschichte ausgedacht haben, um sich an dem älteren Schüler zu rächen. „Ich habe mir das nicht ausgedacht“, sagt David. „Das ist mir so erzählt worden.“ Den 18-jährigen Andreas T. kenne er kaum. Nur vom Fußball. Und weil dieser ihn mal „Scheiß-Russe“ genannt habe. Aber Rache? „Nein“, sagt David. „Ich hab’ das halt einfach weitererzählt.“

Es kommt zu einem Disziplinarverfahren. Man glaubt David nicht. „Die Schulpsychologin hat immer wieder gesagt, mein Sohn habe eine hohe kriminelle Energie“, sagt Evgenij A. David und sein Freund werden von der Schule entlassen.

Eine viel zu harte Strafe, findet sein Vater „Ich will das nicht kleinreden, es ist absolut inakzeptabel, so etwas über eine Lehrerin zu sagen. Man muss einem Elfjährigen zeigen, dass das nicht geht. Aber ein verschärfter Verweis und Sozialarbeit wären dafür angemessen. Stattdessen wird mit einer Klage gedroht.“

Tatsächlich schreibt Nadine F. in einem Brief an Davids Eltern, dass sie sich von einem Anwalt habe beraten lassen. Die Vorwürfe seien unwahr. Davids Tat stelle eine Verleumdung nach § 187 des Strafgesetzes dar. Da David aber erst elf ist, ist er nicht strafmündig. Sie könne ihn aber zivilrechtlich wegen des entstandenen Schadens belangen. F. fordert die Eltern auf, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. „Im Gegenzug werde ich nicht über die Einleitung zivilrechtlicher Schritte gegen Ihren Sohn nachdenken“, schreibt sie.

Davids Eltern unterschreiben nicht, nehmen sich jetzt auch einen Anwalt. Die Affäre um das Getuschel wird wohl bald ein Gericht beschäftigen. Für die Familie ist klar: „Die Schule hat völlig überzogen reagiert. Man wollte nur einen ein Exempel statuieren, um die anderen zum Schweigen zu bringen.“

Die AZ konfrontiert den Direktor mit den Vorwürfen. Er ist freundlich, sagt aber: „Ich habe absolute Schweigepflicht und darf Ihnen nichts über derartige Vorgänge sagen.“ Als er hört, wie David und seine Eltern den Fall schildern, schnauft er laut. Stimmt nicht, soll das wohl heißen. Sagen darf er es nicht, drum sagt er: „Wir prüfen Entlassungen sehr sorgfältig und sind uns auch in aktuellen Fällen sicher, richtig und zum Wohl der Kinder gehandelt zu haben.“

David besucht jetzt ein privates Gymnasium im Osten der Stadt. Ein weiter Weg von Allach aus. „Aber an den anderen Gymnasien wollte ihn keiner haben“, sagt seine Mutter. Schließlich stehe der Vorfall in seiner Schülerakte. „Wiederholtes, schweres Fehlverhalten“ wird ihm in seinem Entlassungsschreiben vorgeworfen. Und dass er nicht „in der Lage ist, sein Verhalten grundlegend zu ändern“.

 

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