Großes AZ-Interview Wladimir Klitschko: "Feigheit ist die schlimmste Sünde"

Sein letzter Auftritt als Boxer: Wladimir Klitschko (l.) bei seinem Kampf gegen den britischen Weltmeister Anthony Joshua. Foto: dpa

Vor einem Jahr ist Wladimir Klitschko vom Boxsport, den er so lange dominiert hat, zurückgetreten. In der AZ spricht er über die Beweggründe, sein neues Leben, seine Pläne, seine Visionen, seine Zukunft.

 

München - AZ-Interview mit Wladimir Klitschko. Der 42-Jährige war 1996 Box-Olympiasieger und Weltmeister von 2000 bis '03 und 2006 bis '15. 2017 beendete er seine Karriere. Bei der AZ-Gala zum 70-jährigen Bestehen erhielt er von Verleger Prof. Dr. Martin Balle die Auszeichnung für sein Lebenswerk.

AZ: Herr Klitschko, Ihr Rücktritt vom Boxsport ist genau ein Jahr her: Wie geht es Ihnen als Boxrentner? Und wie nahe waren Sie damals dran, den Rückkampf gegen Anthony Joshua doch noch zu bestreiten?
WLADIMIR KLITSCHKO: Nach meinem letzten Kampf habe ich mir bewusst die Zeit von fast 100 Tagen genommen, um eine definitive Entscheidung zu treffen. In diesen 100 Tagen war ich immer mal wieder nah dran, den Rückkampf wieder aufzunehmen und habe diese Option dann doch immer wieder verworfen.

Was war letztlich ausschlaggebend für Ihren Rücktritt?
Nach wie vor bin ich hochmotiviert wie ein 19-Jähriger, der die Welt entdecken will. Mir wurde zunehmend klar, dass ich meine Motivation und Energie nicht mehr in den Boxring einbringen möchte, sondern in meine zweite Karriere. Nachdem ich letztlich meinen Rücktritt aus dem aktiven Sport erklärt hatte, fühlte ich mich leicht, körperlich und mental. Das hat mir endgültig gezeigt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Bei der AZ-Gala wurden Sie für Ihr Lebenswerk geehrt. Wie würden Sie dieses beschreiben?
Ich freue mich sehr über diese Lebenswerk-Ehrung, auch wenn ich mich dafür eigentlich noch zu jung fühle. Schließlich bin ich erst 42 Jahre alt und hoffe, die Hälfte meines Lebens noch vor mir zu haben. Von daher ist es schwer, ein Lebenswerk zu beschreiben, wenn man das Gefühl hat, noch so viel vor sich zu haben. Ich überlasse es lieber anderen, mein bisheriges Lebenswerk zu beurteilen. Ich selbst schaue nach vorn und widme mich meiner Zukunft als Unternehmer. Mit ebenso großer Leidenschaft und Besessenheit wie zuvor dem Leistungssport.

War der Übergang schwierig?
Für mich gestaltete sich der Übergang fließender, als das von außen ausgesehen haben mag. Gemeinsam mit meinem Team entstand während der Boxkarriere der Plan, aus der Praxis, in der ich täglich lebte, Theorie zu schaffen und so meine Erfahrungen und das Wissen, das ich mir in über 20 Jahren Leistungssport angeeignet habe, in die Wirtschaft zu transferieren. So ist es kein Zufall, dass kurz nach dem Ende meiner sportlichen Karriere mein Buch "Challenge Management – Was Sie als Manager vom Spitzensportler lernen können" erschienen ist. Inzwischen gibt es neben dem von mir initiierten Weiterbildungs-Studiengang CAS Change & Innovation Management in St. Gallen erste Workshops, die nach meiner Methode arbeiten. Mir ist als Sportrentner alles andere als langweilig.

Klitschko: Challenge-Management ist mein Lebensthema

Eines Ihrer Lieblingsworte lautet Challenges – also Herausforderungen.
Challenges und der souveräne Umgang damit, sind mein Lebensthema bis heute. Gleichzeitig kann man sagen, dass das so etwas wie meine Vision für die Welt ist: In einer immer komplexeren Welt werden Strategien gebraucht, wie wir uns selbst und unsere Gesellschaft davor schützen, an diesen stetig steigenden Herausforderungen zu zerbrechen. Im Gegenteil, wir müssen uns Fähigkeiten aneignen, die uns Herausforderungen aktiv angehen lassen. Willensstärke, davon bin ich überzeugt, ist die entscheidende Schlüsselfähigkeit für diesen aktiven Umgang.

Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen, war einer Ihrer Leitsprüche. Eine Philosophie, die Sie in das neue Leben übertragen?
Absolut! Challenge-Management ist mein Lebensthema, da ich überzeugt davon bin, dass nur der erfolgreich sein kann, der Herausforderungen aktiv angeht. Ich bin ein durch und durch optimistischer Mensch. Egal, worum es geht, ich sehe immer erst das Positive. Wer vermeintliche Probleme gar nicht erst anpackt, hat schon verloren. Ob man die Herausforderung oder das Problem sieht, ist daher eine Frage der Haltung und des Willens. Im Sport genauso wie im Geschäftsleben. Die gute Nachricht ist: Willenskraft ist erlernbar und das Ergebnis von Trainingseinheiten – körperlichen und mentalen. Wenn man erfolgreich bleiben oder werden möchte, ist es auf jeden Fall eine gute Idee, an seiner Willensstärke zu arbeiten.

Was glauben Sie, dass Sie den Menschen zusammen mit den Trainern vermitteln können?
Ich möchte Menschen auffordern, die beste Version ihrer selbst zu sein und sie auf diesem Weg fundiert und methodisch begleiten. In Workshop-Formaten, die die von mir und meinem Team entwickelte Methode "F.A.C.E. the Challenge" lehren, geht’s darum, dass die Teilnehmer ihre Stärken erkennen und den weißen Flecken auf ihrer persönlichen Landkarte auf die Spur kommen. Am Ende eines Workshops, so unsere Überzeugung, haben die Teilnehmer die Willensstärke, sich Herausforderungen selbstbewusst zu stellen und in unübersichtlichen Situationen mutig voranzugehen.

Sie haben gesagt, Sie hätten oft Angst, wären aber nie feige.
Ich glaube, dass Angst etwas Gutes ist: Wer Angst hat, zeigt Mut und bewegt sich. Wer feige ist, rennt weg, steckt den Kopf in den Sand oder lässt trotz Unzufriedenheit alles laufen. Alles drei ist schlecht und passt nicht zu mir und meiner Lebenseinstellung. Ich mag es, wenn mir in kritischen Situationen der Bauch und die Finger kribbeln. Ich nutze mein Adrenalin. Angst ist in meinem Fall ein besserer Motivator als Freude. Sie gibt mir den Kick, wenn ich merke, dass es der richtige Schritt ist. Ich will ihn dann gehen. Ich stelle mich der Herausforderung, nehme sie an, meistere sie. Unbedingt. Angst und Feigheit sind sehr nah beieinander, so wie Egoismus und Narzissmus. Nur in beiden Fällen ist der erste Part positiv, der zweite Part dagegen die schlimmste Sünde. Es gibt keinen, der sich nicht von dem jeweils negativen Part anstecken lassen kann. Da muss man ein Gefühl dafür haben, wenn es zu weit geht. Die Liebe ist das beste Präventionsmittel.

Die Digitalisierung macht vielen Menschen Angst, wie wollen Sie die Angst nehmen?
Mit Haltung. Digitalisierung schreitet unaufhörlich voran. Jetzt geht es darum, sich so zu rüsten, dass man in der Lage ist, die Digitalisierung und alles, was sie mit sich bringt, als Chance, als Herausforderung zu begreifen und nicht als Schreckgespenst. Es gilt, für sich herauszufinden, was genau einem Angst macht und sich dieser Angst selbstbewusst zu stellen, sie zu überwinden und eben diesen Schritt zu tun, sich auf keinen Fall feige zu verstecken. Willensstärke ist der Schlüssel dazu, um die neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen und sich nicht benutzen und ausmustern zu lassen.

Stillstand war im Sport Rückschritt. Gilt das für Sie in Ihrer neuen Aufgabe noch mehr?
Agilität lautet das Credo: sei immer beweglich in den Beinen und im Kopf und sei so deinem Gegner oder der Herausforderung den entscheidenden Schritt voraus, zwinge den anderen zum Reagieren und sei selbst der Akteur. Das gilt in beiden Welten gleichermaßen.

Klitschko: Ich habe viele Vorbilder

Wo sehen Sie Wladimir Klitschko in zehn Jahren?
Mir geht es nicht so sehr darum, wo ich in zehn Jahren stehe, sondern vielmehr bin ich neugierig darauf, welchen Platz sich meine Methode und die Fähigkeit der Willensstärke dann in Managerkreisen erobert hat. Weder meine Methode noch ich werden Staub ansetzen.

Gibt es für Sie eigentlich Vorbilder?
Ich habe viele Vorbilder: Meine Eltern brachten mir Zielstrebigkeit, Disziplin, Durchhaltevermögen bei. Meine Großmutter hat mir gezeigt, dass sich mit Kreativität und Leichtigkeit auch unschöne Situationen bewältigen lassen. Das im Zusammenspiel begleitet mich bis heute. Im Geschäftsleben faszinieren mich Größen wie Richard Branson, Arnold Schwarzenegger, Bill Clinton. Bevor Sie mir jetzt Namedropping vorwerfen, höre ich auf. (lacht)

Wie sehr haben Sie diese Menschen inspiriert?
Ich habe vor ein paar Jahren begriffen, dass eine Karriere als Profisportler endlich ist und erste Weichen ins Unternehmertum gestellt. Für mich war immer klar, dass ich die Freiheit haben möchte und unter meinen Bedingungen entscheiden möchte, wann ich mich von der Boxkarriere verabschiede. Dabei war mir wichtig, auf etwas zurückzugreifen, das ich mir bereits aufgebaut habe. Nämlich die Erfahrungen, die ich in 27 Jahren Boxsport gemacht, und die Überzeugungen, nach denen ich gelebt habe. Das mache ich heute Menschen zugänglich, die mit Boxen nichts zu tun haben. Es ist großartig, etwas zu erschaffen und in die Menschen einzupflanzen, das mit mehr Leichtigkeit ihre Ziele erreichen lässt. Jeder Einzelne, der dank meiner Methode die bessere Version seiner selbst wird, erfüllt mich mit Stolz und Freude.

Wie würden Sie den Nichtsportler Wladimir Klitschko beschreiben?
Nicht viel anders als den Sportler. Nur das Spielfeld ist ein anderes. Ich muss von einem Ziel überzeugt sein, dann gebe ich alles, um es zu erreichen – mit Passion, Begeisterung und Obsession. Früher dachte ich, zu scheitern ist keine Option. Heute weiß ich, dass Scheitern mit Obsession durchaus eine Option ist. Ich möchte nur stets wissen, dass ich mein Bestes gegeben habe. Dann ist es in Ordnung, einmal zweiter Sieger zu sein. Mich spornt das an, beim nächsten Mal einen neuen Weg zu suchen, kreativer und noch ehrgeiziger zu sein – bis ich das Ziel erreicht habe.

 

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