Griechenland und der Grexit AZ-Kommentar: Schrecken ohne Ende

Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone wird gebetsmühlenartig zum Tabu erklärt. Zu Recht?

 

Die letzte Chance, die allerletzte Chance, die allerallerletzte Chance, fünf vor Zwölf, kurz vor Zwölf, die Zeit läuft, die Uhr tickt ... – langsam gehen Politikern und Journalisten offenbar die Formulierungen aus, um die verfahrene Situation im so genannten „Schuldendrama“ zu umschreiben.

Ein letzter Akt ist nicht in Sicht. Griechenland hängt auf Dauer am Tropf seiner Partnerstaaten. Für Jahrzehnte. Nach dem dritten Hilfspaket kommt das vierte und nach dem vierten das fünfte.

Es sei denn, das passiert, was Merkel, Gabriel und Co. seit Monaten gebetsmühlenartig ausschließen: der Grexit, Griechenlands Ausscheiden aus der Eurozone. Obwohl Ökonomen Horrorszenarien längst relativiert haben, wird diese Alternative zum Tabu erklärt.

Orchestriert von schriller Begleitmusik: Geschichten von bösen Gläubigern, die frecherweise ihr Geld zurückfordern und ein angeblich unverschuldet in Not geratenes Land knebeln.

Die Realität sieht dann noch ein bisschen anders aus: Eine linkspopulistische Regierung, in einer Koalition mit Rechtsradikalen, lässt sich von ihren europäischen Partnern aushalten, verweigert Reformen, jettet durch die Welt und gibt verstörende Interviews, die das politische Klima in Europa vergiften.

Ein Grexit würde die Eurozone gefährden, heißt es beschwörend. Wird nicht eher umgekehrt ein Schuh daraus? In Ländern wie Spanien und Portugal sind Regierungen am Ruder, die mit soliderer Haushaltspolitik ihre Staatsfinanzen im Zaum halten; ihre Wähler, die viele soziale Grausamkeiten erdulden, müssen sich angesichts der exzessiven Rettungspolitik verschaukelt fühlen und könnten auf die Idee kommen, demnächst ebenfalls für Populisten à la Tsipras zu votieren.

Dann wäre der Euro tatsächlich am Ende.

 

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