Graphologe im AZ-Interview Münchner Schriftexperte: Das sagt unsere Handschrift über uns aus

"Eine schöne Handschrift" verrät viel über die Persönlichkeit, weiß der Experte Helmut Ploog. Doch Schönschrift wird immer weniger gepflegt. Foto: Tobias Hase/dpa

Der Münchner Graphologe Helmut Ploog erklärt, was Krakelschrift über einen Menschen aussagt und wo Picasso Probleme gehabt hätte.

 

MünchenAZ-Interview mit Helmut Ploog. Der Schriftpsychologe (79) ist Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen. Er sprich auch darüber, warum Grundschulkinder Schreibschriftunterricht benötigen und was man an den Handschriften von Angela Merkel, Emmanuel Macron und Theresa May erkennen kann.

AZ: Herr Ploog, schreiben Ihnen Menschen lieber E-Mails, damit Sie nicht ihre Handschrift analysieren können?
Helmut Ploog: Das war früher einmal so, kommt heute aber nicht mehr vor.

Sie sagen, Handschrift sei "Körpersprache auf feinmotorischer Ebene". Was heißt das?
Handschrift gibt ein Bild der Gesamtpersönlichkeit wieder, also Reife- oder Entwicklungszustand. Sie zeigt Niveau, Format, Bildungsanlagen, soziale Kompetenz und Zuverlässigkeit. Wenn jemand selten schreibt, beispielsweise in handwerklichen Berufen, sagt die Schrift weniger über die Person aus als zum Beispiel bei einem Geisteswissenschaftler. Nie erkennbar sind Größe, Gewicht, Alter und – durch die zunehmend ähnliche Berufsausbildung von Männern und Frauen – das Geschlecht. Aber der Entwicklungsverlauf eines Menschen nach einer Psychotherapie oder im Verlauf von mehreren Jahrzehnten zeigt sich in der Handschrift.

Verstellte Handschrift? Gerichtliche Schriftexperten erkennen das

Worauf achten Sie bei der Schriftanalyse?
Zunächst zählt der Gesamteindruck. Dann gibt es einige Dominanten, die sich durch eine Schrift durchziehen: Rhythmus, Originalität, Versteifungsgrad. Und dann gibt es 20 Einzelmerkmale: Wird groß oder klein, in Druck- oder Schreibschrift, in Rechts- oder Linkslage geschrieben? Anschließend schaut man, ob psychologische Typologien herangezogen werden können: Ist die Schrift form- oder bewegungsbetont? Ersteres umfasst alles, was mit Kultur und Erziehung zu tun hat, Letzteres weist auf einen persönlichen Antrieb hin.

Ist es denn auch möglich, seine Schrift zu verstellen?
In solchen Fällen sind gerichtliche Schriftexperten gefragt. Wenn jemand seine Schrift bewusst verändert, lässt sich das erkennen. Sie wird dann oft langsamer, steiler und steifer. Deswegen wurden Erpresserschreiben früher aus Zeitungswörtern zusammengesetzt.

Heute schreiben die meisten Menschen mit dem Notebook. Bedauern sie das?
Ja. Geschriebenes prägt sich in der eigenen Handschrift viel besser ein. Aber klar, auf dem Computer ist es übersichtlicher und jederzeit korrigierbar.

"Grundschüler brauchen dringend Schreibschriftunterricht"

Laut einer Studie kann aus Lehrersicht mehr als jedes dritte Grundschulkind nicht richtig schreiben. Wie hat sich denn die Handschrift in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt?
In den USA ist die Blockschrift auf dem Vormarsch. Dort können selbst die Lehrer nicht mehr schreiben. In Deutschland ist das zum Glück weniger der Fall. Aber auch deutsche Grundschüler brauchen dringend Schreibschriftunterricht. In Bayern ist das noch so, da sind die Schulen noch relativ konservativ. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Kinderschriften in einer Klasse sind. Herkunft, Elternhaus, externe Einflüsse und das Kind selbst spielen dabei eine Rolle.

Kritiker sagen, es gebe keine empirischen Belege, dass Standardschreibschrift die Entwicklung der persönlichen Handschrift fördert.
Solche Aussagen sind ganz gefährlich. Durch die Handschrift wird die Wiedererkennung der Buchstaben und Wörter gefördert. Und durch die Hand-Augen-Koordination können sich im Gehirn neue Verbindungen entwickeln. Das führt zu besseren Ergebnissen bei anderen Aufgaben.

Arbeitgeber nutzen die Dienste von Graphologen, um aus der Handschrift das Charakterprofil eines Bewerbers herauszulesen. Ist das im Zeitalter von Online-Bewerbungen noch möglich?
Der Markt ist stark zurückgegangen. Aber nicht wegen der elektronischen Bewerbungen. Man kann ja auch während des Bewerbungsgesprächs eine Schriftprobe verlangen. Viele jüngere Manager haben aber keine Erfahrungen mit graphologischen Gutachten und nutzen deshalb ein gutes Mittel bei der Personalauswahl nicht.

Graphologenverband: Noch rund 100 Mitglieder

Welche anderen Anwendungsfelder für Graphologen gibt es?
Zum Beispiel den Bereich Partnerschaft. Wir können zwar nicht die körperliche Anziehungsfähigkeit erkennen. Aber wir können warnen, wenn beim potenziellen Ehemann große Schwierigkeiten zu erwarten sind. Zum Beispiel wäre Picasso aufgrund seiner Handschrift nie für eine Ehe empfohlen worden! Es kommen auch Angehörige von Verstorbenen zu uns, die mehr über den Charakter des Toten erfahren wollen.

Die Graphologie spielt an deutschen Unis nur eine geringe Rolle. Woran liegt das?
An den USA. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Deutschland im Bereich der Psychologie das Sagen. Da sind viele jüdische Psychologen in die USA emigriert. Wer sich heute profilieren will, muss seine Artikel daher in Englisch schreiben. Bei dem, was heute an deutschen Hochschulen gelehrt wird, wird das psychologische Wissen zu wenig geschult, denn man bewegt sich innerhalb von Testkonstrukten. Und psychodynamische Zusammenhänge werden kaum noch erfasst.

Sie sind seit 30 Jahren Vorsitzender des Graphologenverbands. Wie viele Schriftpsychologen gibt es noch?
Wir sind noch rund 100 Mitglieder, weil alle wegsterben und die Ausbildung hohe Ansprüche stellt. Wir setzen uns dafür ein, dass Graphologie und Schriftpsychologie nicht mit Astrologie verwechselt werden. Außerdem bieten wir Anfängerkurse und Fortbildungen an. Und wir veröffentlichen eine Mitgliederzeitschrift – die letzte im deutschsprachigen Raum. Zudem veranstalten wir Tagungen, wie in diesem Jahr am 26. Oktober im Münchner Künstlerhaus.

Merkel, Macron und May: Das sagen die Handschriften

Können Sie ein paar Geheimnisse aus den Unterschriften von Prominenten verraten?
Die Unterschrift allein bringt nichts. Sie zeigt nur, wie jemand nach außen hin gerne sein möchte. Erst die Handschrift zeigt, wie sich die Person im Normalfall verhält. Bei Angela Merkel zeigt sich darin das Offene, Freundliche, wenig Kämpferische. Bei Emmanuel Macron ein sehr hohes Niveau, aber auch Ungeduld. Und in Theresa Mays Schrift spielen die im Frühjahr gescheiterten Brexit-Verhandlungen eine gewisse Rolle: Die Schrift ist zerrissen, schwankt hin und her.

Ist es ausgeschlossen, dass Menschen mit Krakelschrift beruflich erfolgreich sind?
Nein. Wenn die Schrift schwankt, ist das für eine Managerposition ein Knockout-Kriterium. Dann ist die Person nicht zielstrebig genug, zu sehr mit sich selbst beschäftigt und für die Mitarbeiter nicht berechenbar. Aber der Mensch und mit ihm die Schrift können sich im Laufe des Lebens ändern.

Lesen Sie hier: Forscher will Voynich-Manuskript entschlüsselt haben

Lesen Sie hier: Ältester bekannter christlicher Privatbrief identifiziert

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading